Oliver Heuler ist ein bekennender Anarchist, der eine entscheidende Rolle dabei spielte, dass FreiwilligFrei heute überhaupt existiert. Neulich hat er sich mit einigen interessanten Fragen bei Facebook zu Wort gemeldet, die wir an dieser Stelle ausführlicher beantworten.

1. „Ist es ethisch zu rechtfertigen, dass man Menschen einfach ungefragt aufweckt?“

Das Aufwecken an sich kann nicht als ethisch oder unethisch gewertet werden. Entscheidend ist die Art und Weise, wie das geschieht. Wird es aufgezwungen oder aufgenötigt, dann ist es unethisch. Der Gegenstand der Frage ist also nicht das „Aufwecken“, sondern das „ungefragt“.

2. „Jemand, der noch nie etwas von einer Privatrechtsgesellschaft gehört hat, ist ja wahrscheinlich ganz glücklich mit dem Wissen, in einer Demokratie zu leben und nicht in einer Diktatur. Was gibt mir das Recht, ihn aus dieser Illusion zu reißen?“

Auch hier kann das Beenden von Illusionen nicht als ethisch oder unethisch gewertet werden. Auch hier ist die Art und Weise entscheidend, wie das geschieht. Wird es aufgezwungen oder aufgenötigt, dann ist es unethisch. Der Gegenstand der Frage ist also nicht das „Ende der Illusionen“, sondern das „Herausreißen“. Ein Recht dazu, unethische Handlungen an anderen vorzunehmen, gibt es nicht.

3. „Und ich kann mich eigentlich nicht damit rausreden, vorher die Frage zu stellen, ob er meine Alternative hören will, so wie Morpheus mit Neo (https://youtu.be/uGQF8LAmiaE). Wer sagt da schon nein?“

Diese Aussage unterstellt, dass niemand bzw. kaum jemand einem solchen Angebot widerstehen kann. Die Realität zeigt das Gegenteil: Viele Menschen wollen ausdrücklich nicht über bestimmte Themen reden. Erkennbar ist das an Aussagen wie „Darüber möchte ich lieber nicht nachdenken.“ oder „Wechseln wir lieber das Thema.“

Gleichzeitig stellt sich jener, der einem anderen Menschen seine eigene Entscheidung ungefragt vorwegnimmt bzw. abnimmt, über diesen anderen Menschen. In dem Moment, in dem er ungefragt im Namen des anderen entscheidet, ob er besser weiterhin in seiner Phantasiewelt leben oder die tatsächlichen Gegebenheiten erfahren soll, entmündigt er ihn. Er behandelt ihn wie ein Kind, dem gesagt wird, dass sein Spielkamerad, das kuschelige Kaninchen, auf dem Markt gegen ein paar Säcke Kartoffeln eingetauscht wurde, anstatt ihm zu erklären, dass es geschlachtet wurde und im Kochtopf landete. Die Wahrheit wird verschwiegen oder es wird sogar offen gelogen, um das kleine arme unreife Kind vor der bitteren Wahrheit zu „schützen“ und um es so in seinem naiven Glauben festzuhalten. So und nicht anders behandeln Politiker ihr steuerzahlendes Stimmvieh. Die weitreichenden Konsequenzen sind bekannt.

4. „Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass ja das jetzige System auf Gewalt basiert und es sich bei meinem Handeln nur um eine Form der verteidigenden Gewalt handelt. Aber das befriedigt mich noch nicht. Das klingt etwas nach »der Zweck heiligt die Mittel«.“

Diese Aussage stellt als Prämisse in den Raum, dass Aufklärung ein gewaltsamer Akt sei, also dass es sich um einen Angriff auf die – in diesem Fall – psychische Unversehrtheit handelt. Dass dieses prinzipiell so ist, hält einer empirischen Überprüfung nicht stand. Die Macher von FreiwilligFrei führen beispielsweise ausnahmslos ein erfüllteres, glücklicheres und psychisch gesünderes Leben als in der Zeit vor dem Aufwachen. Die vielen Zuschriften, die wir regelmäßig erhalten, bestätigen diese positiven Entwicklungen auch bei anderen Menschen, die damit angefangen haben, sich mit freiheitlichen Themen zu beschäftigen. Das alles widerlegt die These, dass Aufklärung, unabhängig davon, ob aus Verteidigung oder nicht, ein gewaltsamer Akt sei, der Menschen schadet.

5. „Was hilft es dem einzelnen, der auf einmal merkt, dass er ein Sklave ist, wenn durch die Verbreitung dieses Wissens die Sklaverei vielleicht irgendwann in ein paar hundert Jahren beendet wird?“

Auf diese Frage gibt es zwei mögliche Antworten: 1. „Es hilft dir nicht, wenn ich dich aufkläre, also unterlasse ich es von vorne herein, um dich vor der Wahrheit zu schützen.“ und 2. „Es hilft dir, wenn ich dich aufkläre, also tue ich es (unabhängig davon, ob du es überhaupt willst).“ Auch hier kommt die Vorwegnahme der Antwort einer Entmündigung gleich. Derjenige, der dem anderen die Antwort vorwegnimmt, stellt sich über den anderen, wie unter 3. beschrieben. Und zwar unabhängig davon, in welcher Richtung diese Antwort ausfällt.

6. „Es gibt natürlich auch einige Menschen, die eine höhere Bewusstheit einer höheren Zufriedenheit vorziehen. Und die meisten weckt man mit seinen Argumenten ohnehin nicht auf, weil sie so tief schlafen. Aber was ist mit denen, die man aufweckt, und die wach unzufriedener sind als schlafend? Hat man die nicht auf dem Gewissen?“

Erneut kommt es bei dieser Frage darauf an, wie es zur Aufklärung kommt. Wenn die Aufklärung in transparenter Weise und durch ausdrückliche freiwillige gegenseitige Vereinbarung erfolgt, so liegt die Verantwortung für eine eventuelle anschließende Unzufriedenheit ausschließlich bei demjenigen, der der Aufklärung zugestimmt hat. Ebenso wie die Verantwortung für die eventuellen Verluste bei einem Casinobesuch nicht beim Casinobetreiber liegt, sondern ausschließlich beim Besucher.

Dass die meisten ohnehin nicht aufzuwecken sind, ist eine Fehleinschätzung. Die absolut überwiegend große Mehrheit weiß auf persönlicher Ebene sehr präzise zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Und die Anwendung dieser Fähigkeit auf übergeordneter, abstrakter, „gesellschaftlicher“ oder „politischer“ Ebene ist nur ein kleiner, einfacher (aber zumeist anfänglich unbequemer und schmerzhafter) Schritt.

„Auf dem Gewissen“ hätte man die unzufriedenen Aufgeklärten nur dann, wenn man sie in einen Raum einsperren würde und sie mit freiheitlichen Inhalten zwangsaufklären würde, ähnlich wie es der Staat in seinen Schulen tut oder – um beim Casinobeispiel zu bleiben – wenn man als Casinobetreiber einen Passanten am Roulette-Tisch festbindet und ihn dazu zwingt, sein Geld auf eine Zahl zu setzen.

Missionierungsversuche sind nicht der richtige Weg. Sie schrecken eher ab. Sinnvoller ist es, zuerst selbst Freude und Gefallen an Freiheit zu finden und seine eigenen Handlungen und sein eigenes Leben an freiheitlichen Prinzipien auszurichten. Die ersten Erfolge werden sich sehr schnell einstellen und viele Menschen werden sich einem freundlich-interessiert zuwenden.

Auf Nachfrage gilt es dann, vor allem aufrichtig und ehrlich zu sein und die Frage des Morpheus an Neo tatsächlich der Aufklärung voranzustellen und vollumfassend, aufrichtig und ehrlich über die möglichen Konsequenzen einer Entscheidung für das Kennenlernen der Wahrheit zu informieren.

Ist die Entscheidung erst einmal gefallen, mehr wissen zu wollen, dann ist nur noch etwas Fingerspitzengefühl nötig. Für manche reicht es, leicht angestupst zu werden und sie wachen auf. Andere dagegen schlafen so tief und fest, dass eher der Kübel mit Eiswasser das richtige Mittel ist. Wenn sie diesen auf ausdrücklichen Wunsch verabreicht bekommen wollen, spricht nichts dagegen, ihren Wunsch zu realisieren.
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 FAQ – Antworten zum Voluntarismus von Oliver Heuler

 

2 Responses to Oliver Heuler – die rote oder die blaue Pille?

  1. Hermann Meßmer sagt:

    Ich kann meine Lebensgefährtin nicht fragen, ob ich sie aufwecken darf oder nicht um den spektakulären Sonnenaufgang zu beobachten. Ich kann sie aufwecken oder es bleiben lassen. Es ist ganz alleine meine Entscheidung was ich tue. In die Überlegung fließt natürlich mit ein, ob ich davon ausgehe, dass es ihr gefällt oder sie lieber schlafen möchte. Trotzdem, ich entscheide.
    Wer nach meiner Beobachtung geistig zu weit vom Voluntarismus weg ist, warum sollte ich mich mit demjenigen über so ein Thema austauschen? Es bringt mir selbst nichts.
    Ich empfinde die Fragestellung „ethisch zu rechtfertigen“ nach dem Wunsch, nicht selbst entscheiden zu wollen. Die Verantwortung für die Entscheidung soll in ein Rechtfertigungsmuster abgestreift werden. Was ist gut, was ist schlecht? Was ist ethisch, was ist unethisch? Wer ausser mir kann das für mich beantworten? Ganz am Ende bin ich doch mit meiner eigenen Zufriedenheit unterwegs, was ist dafür hilfreich und was nicht. Und daran mache ich selbst die Entscheidung fest.
    Ich empfand die Fragestellung auf Facebook schon unklar. Für mich ist nach wie vor unklar, wozu die Antwort auf die Frage dienen könnte. Ein nachträgliches Rechtfertigungsschema für eine eigene Entscheidung? Wozu sollte Oliver Heuler das benötigen? Ein Wunsch nach Anerkennung zum „weiter so“? Oder eine Hilfestellung, das eigene schlechte Gefühl mit einer Ethik-Erklärung zur Seite zu schieben? Ich weiß es nicht.
    Wirklich schade empfinde ich die Formulierung „die eine höhere Bewusstheit einer höheren Zufriedenheit vorziehen.“. Das deckt sich nun überhaupt nicht mit meinem persönlichen Grad der Zufriedenheit. Ich bin heute sehr zufrieden, dass es mir gelungen ist den Irrgarten zu erkennen, in dem ich mich früher befand, in dem sich viele Mitmenschen noch befinden. Ich bin sehr zufrieden, den Irrgarten heute selbst zu erkennen.
    Ich sehe aber auch auf Facebook, dass der Fokus von vielen bei den Mißständen in der Politik und im Zusammenleben liebt. So ist keine Zufriedenheit für das eigenen Leben zu schaffen. Der Blick darf offenbleiben für die vielen schönen Dingen und Augenblicke die mein Leben bereichern. Dieser Augenblick ist der Beste den ich habe. Das gilt auch für Zahnschmerzen. Ich kann mir aber auch permanent einen anderen, schöneren Augenblick wünschen und mir den aktuellen Augenblick durch die Ablehnung der Chancen des Augenblickes verderben.
    Es ist meine Wahl.
    Was kümmert mich also „ethisch“ oder „unethisch“?

  2. Micha aus dem Paradies sagt:

    Missionieren ist ein Irrweg, das hat uns die Vergangenheit überdeutlich vor Augen geführt. Wir müssen einfach nur lernen, die richtigen Fragen zu stellen. Niemand will von jemand anderen aufgeweckt werden, denn jeder glaubt, Herr seiner Sinne zu sein und zu wissen, was geschieht. Eine Frage hingegen, wirkt immer als Katalysator, weil Fragen meist eine Antwort inne haben über die jeder nachdenken kann. Irgendwann beginnen die Menschen selbst Fragen zu stellen und irgendwann kommen sie auch auf die richtigen Fragen, dann sind sie wach! (in „OM Band 1“ erfahren…)

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