Bis Ende des Zweiten Weltkriegs waren Nord- und Südkorea eine Nation, eine Kultur. Heute könnten die beiden Staaten nicht unterschiedlicher sein. Dae Sung Kim kennt beide.

„Als ich aus Nordkorea geflüchtet bin, war ich 27. Ich bin über den Changbai Shan Fluss nach China gekommen. Dort waren zu viele nordkoreanische Wachleute, also bin ich nachts durch das Gebirge gegangen, eine Woche lang ohne zu essen. Tagsüber habe ich mich versteckt und nachts bin ich weitergegangen.“

Verzweifelt ist Dae Sung Kim aus Nordkorea geflohen. In China arbeitete er als Händler, um seine Eltern und Geschwister zu versorgen. Er hat erfahren, dass er auf einer Liste illegaler Händler stand. Sein Leben war in Gefahr. Er und seine jüngere Schwester mussten fliehen. In der Nacht flüchteten sie nach China.

„Ich hatte Angst; Angst, dass sie mich erwischen und zurück nach Nordkorea bringen und mich dort erschießen. Und auch Angst vor der Bestrafung meiner Familie.“

Flüchtlinge, die erwischt wurden, wurden nach Nordkorea zurückgebracht, wo sie im Gefängnis gefoltert und oft auch hingerichtet wurden. Jedes Jahr gelingt knapp 3.000 Nordkoreanern die Flucht in den Süden.

„Ich flüchtete mit meiner jüngeren Schwester, aber in China wurden wir getrennt. Als ich kurz weg war, hat sie jemand entführt. So musste ich alleine weiter nach Südkorea.“

Dae Sung hoffte, seine Schwester vom sicheren Süden aus wieder zu finden.

„Am Anfang in Südkorea habe ich erst mal für einen Paketdienst gearbeitet und später habe ich mich in der Hankuk Universität angemeldet.“

Während des Studiums erhielt Dae Sung einen Anruf von einer südkoreanischen Behörde. Seine jüngere Schwester war wieder aufgetaucht.

„Meine jüngere Schwester hatte es geschafft, nach Südkorea zu fliehen. Sie hat mir erzählt, dass unsere ältere Schwester ebenfalls geflüchtet sei und dass sie irgendwo in China lebe. Ich habe mich dann darum gekümmert, dass auch meine ältere Schwester nach Südkorea kommen konnte.“

Nordkorea ist eines der repressivsten Regimes der Welt und betreibt eine aggressive Isolationspolitik. Einer der führenden Nordkorea-Experten ist Andrei Lankov.

„Die nordkoreanische Geschichte ist sehr einfach: Nordkorea begann als stalinistischer Staat und in den späten 50ern wurde es hyperstalinistisch. Mit einem Wirtschaftsmodell, das selbst Stalin als etwas extrem betrachten würde. Alles wurde rationiert. Die Regierung hat entschieden, wieviel Getreide oder Sojasoße oder Kleidung man konsumieren durfte, abhängig vom Platz in der offiziellen Hierarchie. Diese Wirtschaftsform hat nicht funktioniert. Als die Chinesen und die Russen ihre Hilfeleistungen in den frühen 90er Jahren eingestellt haben, ist die nordkoreanische Wirtschaft zusammengebrochen.“

Das Regime war unfähig, darauf zu reagieren. Die Lebensmittelversorgung brach zusammen. Eine Hungersnot breitete sich aus. Schätzungsweise sind mindestens eine halbe Million, wahrscheinlich aber eher bis zu 3 Millionen Nordkoreaner verhungert.

„Es gab Zeiten, in denen es eine Woche lang nichts zu essen gab. Mein einziger Traum war es, mich satt essen zu können. Als ich nach Südkorea kam, sah ich, dass es genug Essen gab. Niemand machte sich Gedanken darüber, satt zu werden. Sie hatten stattdessen andere Träume.“

Wie konnte dieser unglaubliche Unterschied zwischen Nord- und Südkorea entstehen? Jahrhundertelang waren Nord- und Südkorea ein Land im Schatten seiner drei großen Nachbarn Russland, China und Japan. 1910 erhob Japan auf die koreanische Halbinsel Anspruch und besetzte sie 35 Jahre lang. Als Japan Ende des Zweiten Weltkrieges besiegt wurde, wurde Korea von den Alliierten befreit. Aber für das Korea der Nachkriegszeit es gab zwei verschiedene Pläne: Die Pläne der Sowjets mit einer zentral geplanten Wirtschaft im Norden und die amerikanischen Pläne mit einer freien Marktwirtschaft im Süden. Schließlich wurde die Halbinsel zweigeteilt. Die Spannungen blieben hoch und erreichten ihren Höhepunkt im Koreakrieg von 1950-1953.

„Die meisten Kämpfe fanden auf der südkoreanischen Seite statt. Vieles wurde zerstört. Die gesamte Industrie wurde dem Erdboden gleich gemacht.“

„Alles, was man hier sehen kann, wurde in den letzten zwei Jahrzehnten praktisch aus dem Nichts erschaffen. Noch vor 40 bis 50 Jahren waren hier nur unbefestigte Wege, Ochsenkarren und Strohdächer zu sehen.“

In den Nachkriegsjahren wurde Südkorea von mehreren Militärdiktaturen regiert. Das Land versank in Armut. 1961 kam ein neuer Diktator an die Macht: General Park Chung-Hee wollte die südkoreanische Industrie voranbringen und liberalisierte die Wirtschaft landesweit.

„Zum ersten Mal in der koreanischen Geschichte wurden die persönlichen Eigentumsrechte wirklich geschützt. Er liberalisierte die Märkte wie niemals zuvor.“

„Die südkoreanische Wirtschaft ist regelrecht explodiert, also sehr schnell gewachsen. In manchen Jahren stieg das Pro-Kopf-Einkommen um über 12%. Das Durchschnittswachstum lag bei fast 9% pro Jahr. Es war unglaublich.“

Als sich die Marktwirtschaft in Südkorea entfaltete, wurden zunehmend politische Rechte eingefordert. Südkoreas erster nicht-militärischer Präsident kam 1992 ins Amt.

„Der Blick in die Geschichte zeugt, dass viele wirtschaftliche Erfolgsstories unter autoritären Regierungen begannen. Wenn die Wirtschaft wächst, entsteht eine Mittelschicht. Mit Menschen, die unabhängig denken und sich nicht von irgendwem im Präsidenten- oder Königspalast herumkommandieren lassen. Die früher oder später politische Mitbestimmung einfordern werden. Genau das passierte in Südkorea.“

Es war ein Land von Bauern, die sich selbst versorgten. Innerhalb von 30 Jahren, also einer Generation, verwandelte es sich in ein Land mit extrem hohem Bildungsstand, mit qualifizierten professionellen Arbeitern und Universitätsstudenten. Und diese Menschen haben sich nicht bei ihren Diktator bedankt. Sie sagten: „Es reicht!“

„Eine Demokratie garantiert nicht immer wirtschaftliche Freiheit. Sehr oft will eine Mehrheit der Menschen eine mächtige Regierung. Die Mehrheit der Menschen will die Reichen besteuern und den Reichtum unter sich aufteilen. Der richtige Begriff dafür lautet „Wirtschaftsdemokratie“ und nicht „wirtschaftliche Freiheit“. Wir müssen also ziemlich vorsichtig mit Demokratie sein, um die wirtschaftliche Freiheit zu schützen.“

Nach seinem Hochschulabschluss gründete Dae Sung Kim eine Unternehmensbeteiligungsgesellschaft, die auf kleine Unternehmen von Flüchtlingen aus dem Norden spezialisiert gewesen ist.

„Die nordkoreanischen Überläufer haben keine Verwandten im Süden. Sie sind meistens alleinstehend und mittellos. Daher ist die Aufnahme eines Kredits für sie das Schwierigste und auch das Wichtigste zugleich.“

Dae Sung trifft sich regelmäßig mit verschiedenen Unternehmern, um mit ihnen über Geschäftliches und kulturelle Unterschiede zu reden und sie moralisch zu unterstützen. Nordkoreanische Flüchtlinge stehen stark unter Druck. Viele ändern ihre Namen, um ihre Verwandten, die noch im Norden leben, vor Gefängnis oder Repressalien zu schützen. Es ist nicht einfach für sie, sich im Süden zu integrieren.

Ok Bun und ihre Familie sind vor zwei Jahren aus Nordkorea geflohen.

„Ich bin mit meinem Mann und zwei Söhnen entkommen. Dae Sung Kim hat uns mit Krediten geholfen. So haben wir angefangen.

„Wir dachten, dass das Geschäft mit dem Kunststoff-Recycling besser laufen würde als andere Geschäftsideen. Wir sind daher das Risiko eingegangen und haben ihnen einen Kredit gegeben.“

„Kunststoff-Recycling ist kein einfaches Geschäft. Alles tut mir weh. Es ist harte Arbeit. Wir hoffen, dass wir unserem Sohn später eine gut funktionierende Fabrik übertragen können.“

Young Gum ist 2008 mit ihrer Familie aus Nordkorea geflohen.

„Am Anfang war es schwer. Zu wenig Kapital war das eine. Inzwischen ist schon fast ein Jahr vergangen. Wir haben schwere Zeiten hinter uns, aber wir haben viel gelernt. Einfach nur hier zu sein ist ein Traum. In Nordkorea war das bloße Überleben sehr schwer … zu schwer. Die Dinge, die ich jetzt habe, waren damals für mich unvorstellbar.“

„Irgendwann wird Nordkorea seine Türen öffnen. Wenn das passiert, werden die ehemaligen nordkoreanischen Flüchtlinge erfahrende Geschäftsleute mit genügend Kapital sein. Dann werden wir uns um den Wiederaufbau Nordkoreas kümmern.“

Dae Sungs Beteiligungsgesellschaft hat bis heute 29 Kleinunternehmen finanziell unterstützt.

„Meine Schwestern haben ihre eigenen Unternehmen. Irgendwann wollen wir die Gräber unserer Eltern besuchen und unseren Teil dazu beitragen, aus Nordkorea wieder ein wunderbares Land zu machen.“

Mit dem 37. Platz im „Frazier Economic Freedom of the World Report“ befindet sich Südkorea heute im oberen Viertel aller Staaten mit der höchsten wirtschaftlichen Freiheit. Nordkorea steht wegen unglaubwürdiger Daten nicht auf der Liste, aber es ist sicher, dass es eine der unfreiesten Volkswirtschaften ist.
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