Was ist ein Pseudo-Anarchokapitalist?

On 10. Juli 2014, in Gesellschaft und Politik, by FreiwilligFrei

von Rudolf Engemann

Oder: Kleines Wiki der Freiheit

Die erneute Begegnung mit einem sehr von sich selbst überzeugten und sich selbst so nennenden „Anarchokapitalisten“ führt mich dazu, den Begriff „Anarchokapitalist“ genauer zu beleuchten und ein kleines Wiki der Freiheit zu schreiben. In diesem Zusammenhang gibt es so viele Begriffe, dass sicher einige Schwierigkeiten haben, den Überblick zu behalten. Darüber hinaus werden diese Begriffe auch gerne als Etikett benutzt, deren Inhalt letztlich nicht wirklich klar ist, um eine Einstellung vorzutäuschen, die bei näherer Betrachtung überhaupt nicht vorhanden ist. Unter denjenigen, die sich Anachokapitalisten nennen, wären das dann die „Pseudo-Anarchokapitalisten“.

Doch zunächst, was ist ein Anarchokapitalist? Dieser Begriff setzt sich aus zwei Wörtern zusammen, die Themen oder Zustände beschreiben und die in sich schon recht komplex sind. Um die Begriffe Anarchie und Kapitalismus zu definieren wären bereits ganze Abhandlungen nötig, um sie in ihrer Tiefe auszuloten. Hier nur so viel, dass der Begriff „Anarchie“ nicht wie häufig angenommen, für das Fehlen von Ordnung, sondern für die Rückführung auf eine systeminhärente Ordnung, also auf eine dem System innewohnende Ordnung steht. Der Begriff „System“ steht in diesem Zusammenhang zunächst für eine komplexe Anordnung von miteinander verbundenen Teilen.

Der Wissenschaftszweig der Systemtheorie hat erkannt, dass diese Teile in Systemen nicht zufällig und in diesem Sinne nicht chaotisch miteinander in Verbindung stehen (interagieren), sondern eine komplexe Ordnung aufweisen. Als Beispiel kann man sich einen Vogel- oder Fischschwarm vorstellen und beobachten, dass es hier kaum zu Zusammenstößen oder „Unfällen“ kommt, sondern einzelne Fische oder Vögel (Untereinheiten) zusammen innerhalb eines Systems (Schwarm), wie ein übergeordneter Gesamt-Organismus interagieren und in ihrem Zusammenspiel eine komplexe Ordnung sichtbar wird. Dies gilt natürlich auch für Menschen. Natürlich nur dann, wenn sie ihrer inneren Ordnung entsprechend interagieren können. Der Begriff „Ordnung“ steht hier für den Gegensatz von Chaos. Anarchie bezieht sich also auf eine dem System innenwohnende Ordnung, die allerdings erst dann zutage treten kann, wenn die darüber liegende künstliche Ordnung in Form von Ideen einiger Menschen, was Ordnung zu sein hat, in den Hintergrund tritt. Auf Grund der doch recht begrenzten Wahrnehmung der Menschen von systeminhärenten Ordnungen, neigen einige Menschen dazu, vorzeitig einzugreifen und Ordnung in ihrem Sinne schaffen zu wollen. Der zweite viel wichtigere und perfidere Grund für das Eingreifen einiger Menschen in sich selbst organisierende Strukturen, ist der Wunsch nach Kontrolle und Macht. Sich selbst organisierende System balancieren sich im gewissen Sinne selbst aus und sorgen so für Ausgleich oder auch „Gerechtigkeit“. Wenn aus letzgenanntem Grund in sich selbst organisierende Systeme eingegriffen wird, dann um Verhältnisse in bestimmte Richtungen zu verändern und um einen Gewinn und Macht daraus zu generieren. Wie auf längere Sicht das sich selbst organisierende System mit diesem Eingriff umgeht, ist ein weiteres Thema. An dieser Stelle nur so viel, dass der Mensch zwar offensichtlich eingreifen kann, er sich aber als eingebundener Teil einer größeren Gesamtheit natürlich ebenfalls in einer sich selbst organisierenden Struktur befindet, die sich über kurz oder lang ausbalancieren wird oder im schlimmsten Fall untergeht, da die Struktur sich selbst zerstört, wenn sie daran gehindert wird, ihrer inneren Ordnung nach zu existieren.

Anarchie bedeutet also, sich auf eine dem System innewohnende Ordnung zu beziehen und nicht von außen in ein System eingreifen zu wollen.

Der Begriff „System“ steht allerdings im heutigen Sprachgebrauch eher für die künstliche Ordnung. In diesem Sinne ist das System eine künstliche Form und angebliche Ordnung, die über vermeintlich chaotische, sich also angeblich in Unordnung befindende Untereinheiten (Menschen) gelegt wird, um oberflächlich betrachtet den Anschein einer Ordnung zu erwecken, wobei aber der eigentliche Grund der ist, Macht über eben diese Untereinheiten ausüben zu können.

Hier ist es auch wichtig zu unterscheiden, dass es auf der einen Seite Menschen gibt, denen beigebracht wurde, dass es keine systeminhärente Ordnung gibt, bzw. deren Urvertrauen in diese natürlich Ordnung so nachhaltig zerstört wurde, dass sie nach ordnungsgebenden Faktoren rufen und auf der anderen Seite denjenigen, die ein Interesse an der Zerstörung dieses Urvertrauens haben, weil sie davon profitieren, für angebliche Ordnung zu sorgen, die ihren persönlichen Zielen nutzt und deren Form letztlich einem Gefängnis gleicht. Als Beispiel soll uns hier ein Zaun dienen, der zwar dafür sorgt, dass nichts nach innen dringt, aber gleichzeitig natürlich auch nichts herauslässt. Menschen rufen umso mehr nach einem Zaun, wenn dafür gesorgt wird, die Angst vor dem „da Draußen“ aufrecht zu erhalten. Wird dies erfolgreich umgesetzt, unterscheidet der Mensch immer zwischen drinnen und draußen, zwischen sicher und unsicher und ist willkürliches Opfer einer Macht, die ihm zwar Ordnung verspricht, ihn aber letztlich einsperrt, benutzt und somit versklavt.

So kommt es, dass der Anarchist letztlich das System ablehnt, da er das System in diesem Kontext als eine künstliche Ordnung erkennt, die über der natürlichen Ordnung liegt; das Vorhandensein einer natürlichen Ordnung verschleiert und erkennt, dass diejenigen, die das System etablieren, Profit aus dem Umstand gewinnen, dass der Mensch sich nach Ordnung (und Sicherheit) sehnt.

Der Staat ist nun die äußere Form dieser künstlichen und scheinbaren Ordnung, die Profit aus dem Umstand gewinnen, dass der Mensch grundlegend nach Sicherheit und Ordnung strebt. Der Staat steht im gewissen Sinne als Synonym für das System. Im Prinzip ist es völlig egal, welche äußere Ausrichtung der Staat hat und welchen Namen er seiner Form gibt. So gibt es Staaten, die nennen sich demokratisch oder kommunistisch oder sozialistisch, aber letztlich basieren sie alle auf äußerer und künstlicher Ordnung und darauf Macht und Herrschaft über andere Menschen auszuüben. Es ist also völlig egal, welche Ausrichtung ein System hat, letztlich bildet es immer einen Staat und der hat immer zum Ziel über Menschen zu herrschen. Die politische Ausrichtung ist innnerhlab dieses Kontextes ebenfalls völlig egal und unterscheidet sich höchsten in der Form der Gewalt, mit der der Staat die Menschen unterdrückt. Jeder Staat verspricht den Menschen für Ordnung zu sorgen, unterdrückt aber letztlich natürliche Ordnung, um durch Ausbeutung anderer, seine eigene Existenz zu sichern.

Der zweite Begriff im Wort Anarchokapitalist ist „Kapitalismus“. Ebenfalls ein sehr komplexer Begriff, dem erfolgreich und mit gutem Grund über die Zeit eine negative Bedeutung angehängt wurde. Im Grunde bedeutet es „Gewinn zu erzielen“. Letztlich kann man aber nur gewinnen, wenn alle Teile innerhalb einer Struktur gewinnen, weil ansonsten der Verlust eines anderen Teiles letztlich auch der eigene Verlust sein wird. Ohne diese Gewissheit, dass wir alle miteinander agierende Teile einer selbstorganisierende größeren Gesamtheit (Menschheit) sind, sieht es natürlich so aus, als wenn man Gewinn machen könnte, in dem man andere betrügt, ihnen etwas wegnimmt und nur den eigenen Vorteil im Blick hat. Weiter oben habe ich bereits kurz erwähnt, dass dies ein Irrtum ist. Aber da Menschen offensichtlich nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne haben und typischerweise nur kurze Abschnitte von Entwicklungen überblicken, bleibt ihnen ihr Irrtum verborgen.

In diesem Licht betrachtet ist es verständlich, dass Menschen, die betrogen werden und denen aus ihrer Sicht innerhalb des Systems kaum eine Chance auf Entwicklung und Wachstum gegeben wird, den Kapitalismus ablehnen, da er aus ihren Augen nur Ungleichgewicht und Ungerechtigkeit erzeugt. Für sie sieht es so aus, als ob nur einige wenige Profit machen – und zwar an ihnen oder durch sie – und sie selbst keine Chance auf Gewinn haben. So denken sie, dass eine andere Form des Systems (Staatsform) mehr Erfolg und Gerechtigkeit versprechen würde, in dem Werte gleichmäßig verteilt werden bzw. es kein Eigentum von Werten mehr gibt. Begriffe wie Umverteilung und Ausgleich versprechen hier Gerechtigkeit, verschleiern aber letztlich die Tatsache, dass dies mit Wegnehmen (durch Gewalt) und minderer Wertschätzung der Güter (weil es niemandem gehört und sich niemand mehr verantwortlich fühlt) einhergeht. Doch wie wir jetzt wissen, kann kein politisches System durch Überlagern einer inneren Ordnung für tatsächliche Ordnung sorgen, da es sich schließlich selbst zerstören würde, wenn es zulässt, dass innere Ordnung zu Tage tritt. Kapitalismus ist also freies miteinander Handeln und die Sorge für einen beiderseitigen Gewinn und nicht etwa Übervorteilung und Betrug oder Gewinnansammlung auf einer Seite zu Lasten einer anderen.

Anarchokapitalisten haben also erkannt, dass „Ordnung“ ein natürliches jedem System innenwohnendes Prinzip ist und das „Kapitalismus“ Entwicklung und Steigerung von Gewinn für alle bedeutet und zwar nicht nur im materiellen Sinn, sondern auch in Bezug auf Entwicklung als Ganzes.

Darüber hinaus gibt es weitere Faktoren, die zur Definition eines Anarchokapitalisten gehören. Da ist an erster Stelle das Nicht-Aggressions-Prinzip (NAP) zu nennen. Es besagt, dass der initiierende Einsatz von Gewalt (oder die Drohung damit) unmoralisch ist und daher nicht gerechtfertigt werden kann. Hiermit in engem Zusammenhang steht die Überzeugung des Selbsteigentums eines jeden Menschen an seinem eigenen Körper. Diese Faktoren stellen ein fundamentales Prinzip für die soziale Interaktion von Menschen dar und stehen im Einklang mit der dem System innenwohnenden Ordnung.

Ein Anarchokapitalist wird also niemals Gewalt gegen andere initiieren, da er das Selbsteigentum eines jeden Menschen auf seinen Körper und dementsprechend das Recht auf Unversehrtheit desselben respektiert. Natürlich ist es möglich sich im Falle eines Angriffes selbst zu verteidigen (oder auch andere mit dieser Aufgabe zu betreuen), da hier das Recht auf Selbsteigentum des Körpers bedroht wird.

Ein Anarchokapitalist wird aber niemals selbst und auch nicht durch Dritte Gewalt gegen andere initiieren. Er wird keinen anderen Menschen und keine Gruppe anderer Menschen (Polizei) dazu auffordern, in seinem Namen Gewalt gegen andere anzuwenden, um seine Ziele durchzusetzen. Gewalt gegen andere Menschen zu initiieren oder andere Menschen (durch Gewaltandrohung) zu zwingen, oder andere Menschen dazu aufzufordern in seinem Namen oder für ihn Gewalt gegen andere Menschen zu initiieren oder andere Menschen (durch Gewaltandrohung) zu zwingen, verstößt gegen das Nicht-Aggressions-Prinzip. Notwehr bzw. Selbstverteidigung, also „antwortende“ oder „abwehrende“ Gewalt hingegen ist selbstverständlich legitim.

„Anarchokommunisten“ hingegen sind nicht dem NAP verpflichtet, sondern sehen es durchaus als legitim an, Gewalt gegen andere zu initiieren, um Umgestaltung zu ihrem eigenen Vorteil vorzunehmen. Sie nennen es vielleicht Selbstverteidigung, da sie – wie wir alle – letztlich durch das bestehende politische System (völlig egal welches) in ihrer natürlichen Entwicklung gehindert werden, gehen aber in der Form weit darüber hinaus, da sie Zwang und Gewalt zur Umgestaltung (Zerstörung des Systems) bzw. zur Umsetzung ihrer Ziele als legitim erachten. Dazu kommt, dass sie Eigentum als solches ablehnen (Kommunismus) und den Wert der Gruppe über den Wert eines Einzelnen stellen, welches letztlich zum Zerfall der Wertschätzung des grundlegenden Elementes eines Systems führt, nämlich des Individuums.

Ein „Pseudoanarchokapitalist“ ist nun derjenige, der sich zwar mit den Attributen eines Anachokapitalisten schmückt, aber letztlich nicht davor zurückschreckt, sich des Staates (also letztlich der die natürliche Ordnung überlagernden Kraft) bedient, sofern es ihm nützt oder es ihn der Erfüllung seiner persönlichen oder ideellen Ziele näher bringt. Er ist also ein Heuchler oder im besten Fall jemand, der nicht begriffen hat, was es bedeutet, ein Anarchokapitalist zu sein. Er hat dementsprechen keine Skrupel Gewalt gegen andere zu initiieren. Dabei wäre die Regel so einfach: Wenn etwas für dich moralisch nicht vertretbar ist, dann ruf auch nicht nach jemandem anderen, der diese unmoralische Tat dann für dich tut.

Für einen Staatsgläubigen (Etatisten) hingegen wäre solch ein Vorgehen absolut vertretbar. Aus deren Sicht werden unmoralische Dinge sogar plötzlich moralisch, wenn der Staat ein paar Menschen (den Vollstreckern) erlaubt, Dinge zu tun, die du normalerweise niemals tun würdest. Hast du dich schon mal gefragt, woher „der Staat“ eigentlich das Recht hat, etwas zu tun oder anderen Menschen zu erlauben etwas zu tun, was dem Rest der Menschen verboten ist? Wieso kann der Staat sich selbst oder anderen Menschen mit einer anderen Moral ausstatten?

Natürlich kann er das nicht. Niemand kann das. Niemand hat mehr Rechte als jemand anderes. Und niemand kann jemanden anderen damit beauftragen, durch unmoralisches Handeln für Ordnung zu sorgen. Der Zweck heiligt NICHT die Mittel… aus einer unmoralischen Handlung wird keine moralische, auch wenn sie angeblich angebracht ist oder als nötig deklariert wird, um etwas moralisches in der Zukunft zu erreichen. Freiheit kann niemals erreicht werden durch einen angeblich legitimen Prozess der Unfreiheit. Es gibt keine notwendigen Zwischenstadien zur Freiheit. Freiheit ist ein universelles, unveräußerliches und unteilbares Menschenrecht.

 



 

 

11 Responses to Was ist ein Pseudo-Anarchokapitalist?

  1. Coca Cola sagt:

    Mich würde mal ernsthaft interessieren was ihr von dem Begriff „Demut“ haltet? 🙂

    • michael sagt:

      sehr viel

    • PM sagt:

      Vor wem oder was bitte ?

    • Hermann Messmer sagt:

      Überhaupt nichts. Egal ob sich jemand selbst demüdigt, oder jemanden anderen. Demut macht klein und gehorsam.

      • Coka Cola sagt:

        H. Messmer Im Umkehrschluss würde das fehlen von Demut allerdings bedeuten das man sich selbst über alles stellt und alles andere unter sich lässt. Zum Beispiel die Natur. Wie soll sich dann Moral, Ethik Würde entwickeln können?

        • nlen sagt:

          Was glaubst Du, wo man bei Dir anfangen muss? Bei Null oder eher bei -10.000 ?

        • Hermann Messmer sagt:

          @Coca Cola
          Ein Biber, der einen Damm baut und eine kleine Überschwemmung verursacht bei der Kleintiere ertrinken ist „Natur“? Menschen, die einen 3-Schluchten-Staudamm bauen sind keine „Natur“? Wer hat dieses Demut-Konzept „Natur“ in Deinen Kopf eingebaut?
          Versuchen wir es mit Logik.
          Ist der Biber „Natur? Ist der Mensch „Natur?
          Bitte erkläre mir mit sinnvollen Definitionen Deine Logik.

  2. nlen sagt:

    Ich bin in einzelnen Punkten mit dem Artikel nicht einverstanden. Das liegt daran, dass Herr Engemann bestimmte libertäre Missverständnisse bedient.

    Zunächst mal: Darf ein Anarchist (niemals) Aggression anwenden? Wenn dem so wäre, gäbe es praktisch niemanden, der sich Anarchist nennen dürfte.

    Anarchokapitalismus ist nicht die strikte Forderung des NAP. Der Anarchokapitalist trägt nicht die Mönchskutte oder ähnliches. Anarchismus ist eine Metatheorie. Ein anzustrebendes Ideal und keine positivistische Moralphilosophie. Das NAP als Axiom des Anarchismus darzustellen, würde ja heißen, einen Sozialkontrakt zu praktizieren. Das würden sogar die meisten Anarchokapitalisten strikt ablehnen. Da hilft es sich selber zu fragen: Laufe ich als Jesus in der Gegend rum, um solche Ansprüche rechtfertigen zu können?
    Und spätestens dann, wenn es um die Ausgrenzung bestimmter Vogelfreier geht, wird sofort klar, dass das NAP nicht der erste Maßstab unseres Handelns sein kann.

    Das NAP ist stattdessen im Begriff der freiwilligen Kooperation praxeologisch verortet (wie in meinem Buch beschrieben) und nur dadurch ist auch die innewohnende kooperative Ordnung bestimmt. Nicht durch Moral, sondern durch schlichte Logik.

    Es dürfte jedem einleuchten, dass er nicht mit jedem Menschen kooperieren will. Der größte Teil der Individuen um uns herum wird sogar schlicht ignoriert, selbst dann, wenn bestimmte Sachen passieren, die andere als Störung betrachten (wie Lärm oder das Durchwühlen der Gemüsekisten im Supermarkt oder das Drängeln auf der Straße). Es verlangt nämlich ein gehöriges Maß an Kommunikation, um all die möglichen Konflikte auszuräumen, also einen Aufwand aufzunehmen, für den eigentlich gar keiner in der Lage sein kann, ihn überhaupt zu praktizieren.

    Damit nicht genug. Manche sehen sich geradezu genötigt, die Aggression des Staates mit zu tragen, ansonsten dürfte niemand Lehrer oder ähnliches werden. Es ist also völlig weltfremd zu schreiben:

    „Ein Anarchokapitalist wird aber niemals selbst und auch nicht durch Dritte Gewalt gegen andere initiieren.“

    und

    „Ein „Pseudoanarchokapitalist“ ist nun derjenige, der sich zwar mit den Attributen eines Anarchokapitalisten schmückt, aber letztlich nicht davor zurückschreckt, sich des Staates (also letztlich der die natürliche Ordnung überlagernden Kraft) bedient, sofern es ihm nützt oder es ihn der Erfüllung seiner persönlichen oder ideellen Ziele näher bringt.“

    Freiheit ist auch kein Menschenrecht. Schon aus dem Grund, dass es keinen Konsens darüber geben kann, was „Freiheit“ überhaupt sein soll. Eine Definition dessen müsste automatisch willkürliche Forderungen setzen (wie etwa die Lockesche Idee der Arbeitstheorie des Eigentums). Und wie sollten solche falschen Ideen dann durchgesetzt werden können? Dafür bliebe dann nur der Staat.

    http://www.apriorist.de/modx/blog/buch-253.html

    • Rudolf sagt:

      Dein Kommentar ist wie dein Buch ja nur was für (wie du sagst) „fortgeschrittene“ Anarchokapitalisten… also da bin ich nicht und darum drehte es sich mir in meinem Text auch gar nicht…

  3. Rudolf sagt:

    Statt dessen dreht es sich mir hierum: Nach meinem Verständnis lehnt ein Libertärer nicht „einen bestimmten“ Staat ab, sondern generell „den“ Staat. Warum? Weil er erkannt hat, dass der Staat selbst das Problem ist und alle territorialen Konflikte (und wohl die meisten anderen auch) durch den Staat selbst hervorgerufen werden. Wenn also Parteien aufeinanderprallen, die für den einen und gegen den anderen Staat sind, ist es ähnlich, wie wenn Staatsgläubige sich über unterschiedliche Parteiprogramme die Köpfe heiß reden und schließlich zur Wahl schreiten und der einen, der besten und einzig glückseligmachenden Partei ihre Stimme geben. Das ist – wie soll ich sagen – alltäglich! Das ist nichts Neues… es ist einfach Etatistengequatsche. Was mich allerdings immer wieder erstaunt ist, das unter eben diesen Staatsbefürwortern, diesen Befürwortern staatlicher Gewalt gegen einen anderen, sich auch welche befinden, die die Bezeichnung Etatist weit von sich weisen. Nicht nur das… Sie beschwören auf der anderen Seite libertäres Gedankengut, bezeichnen sich als Anarchokapitalisten, sind für Anarchie als Form der höheren Ordnung, reden von Selbsteigentum am eigenen Körper und Unversehrtheit desselben als höchstes Gut und lehnen Gewalt gegenüber anderen ab, bis auf die Ausnahme, sich selbst im Falle eines Angriffs zu verteidigen. Vermutlich ist es immer wieder dieser letzte Punkt der dazu führt, dass „Libertäre“, das „Anarchokapitalisten“ zur Gewalt gegen andere Gruppen und auch Staaten aufrufen, bzw. die Gewalt der einen Gruppe gegenüber einer anderen Gruppe gutheißen und Partei ergreifen, für die eine oder andere Gruppe. Als Rechtfertigung dafür muss das NAP herhalten und wird gedehnt bis zum geht nicht mehr. Mir soll es schließlich egal sein, denn ich bezeichne mich nicht als Anarchokapitalisten oder führe Foren, die sich speziell dieses Themas annehmen oder organisiere Treffen für Anarchokapitalisten, damit man sich untereinander austauschen kann, ich habe nur einfach keine Lust mehr, mich vom Staat verarschen zu lassen und immer wieder alten Wein aus neuen Schläuchen zu trinken (bäh!). Nein danke! Weder die eine Seite noch die andere Seite, weder die eine Partei noch die andere, ich werde keinem Staat die Stange halten und keine Energie mehr darauf verwenden, diesen zu verteidigen. Und so muss ich mir auch nicht vorwerfen ein Staatsgläubiger oder Etatist zu sein und ich muss mich nicht verbiegen in meinen Bemühungen, irgendetwas vorzugeben, was ich gar nicht bin.

  4. nlen sagt:

    Ich bin überzeugt, dass dies alles ein Problemzusammenhang ist. (Das habe ich ja versucht in Storkow rüber zu bringen. Der Text kann auf apriorist.de nachgelesen werden.)

    Es ist in der Tat richtig, dass die Bezeichnung „Anarchokapitalist“ erst mal völlig sinnfrei ist, weil sich Sogenannte meist aus willkürlichen Gründen so nennen. In doppelter Hinsicht. Nicht nur, dass sich Möchtgern-Anarchisten sich so schmücken, sondern auch weil selbige liberale oder libertäre Traditionen weiter pflegen. Es ist ein fließender Übergang zu jenen, die sich als „liberal“ ettikettieren, obwohl sie die Bücher von Rothbard studiert haben und begrüßen, aber aus irgendwelchen Gründen für unpraktikabel halten. Ich habe kürzlich solche Leute aus der PDV kennengelernt, die sich leicht hochnäsig als anarchistische Pragmatiker bezeichnen. Das trifft es genau. Nur dass sie nicht begreifen wollen, dass sie sich einer Utopie zuwenden. Ich bin dementsprechend ein „Sektierer“ und entgegnete ironisch, dass ich das dann gerne sei. 🙂
    Der Grund liegt dementsprechend darin, dass diese ganzen Leute nicht die Werte vertreten, die ein echter Anarchist verteten müsste, nämlich Praxeologie und Sezession, weil ohne dem ist die Postion als Anarchist nicht konsistent. Das ist selbst bei Hoppe so, weil er Locke mit Stein und Bein beschwört. Und weil sie das nicht begriffen haben, dass das aus logischen Gründen so sein muss, führen sie alle irgendwelche liberalen Werte und Traditionen mit, bzw. halten das alles für ein und die selbe philosophische Familie, trotz des fundamentalen, diametralen Gegensatzes.
    Ich bin erst am Anfang, um das überhaupt zu ändern. 10-15 Leute haben das grad mal wirklich verstanden.

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