Von Simon Scherrer

„Viertausend Franken im Monat sind ein Menschenrecht.” „Ein Lohn muss zum Leben reichen.” „Der Mindestlohn sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.” So und ähnlich moralinsauer argumentieren derzeit die Verfechter der Mindestlohninitiative, die in knapp einem Monat zur Abstimmung kommt. Der vom Staat diktierte Mindestlohn sei die nächste große soziale Errungenschaft, eine Sache des Anstands, ein notwendiges Absolutminimum. Wer Vollzeit arbeite, müsse viertausend Franken im Monat erhalten. Punkt.

Technischen Einwänden, beispielsweise demjenigen, dass Mindestlöhne nachweislich zu mehr Arbeitslosigkeit führen, wird mit nonchalanter Nichtachtung begegnet. Solche Überlegungen seien vom „Diktat der VWL” geprägt, das jegliche Empathie vermissen lasse. Wer sich zum weisen Ritter der sozialen Betroffenheit aufspielen kann, braucht keine stringente Argumentation. Ökonomische Logik ist eben nur etwas für Herzlose.

Die eingebildete moralische Überlegenheit, mit der sich die Mindestlohnbefürworter schmücken, ist für Gegner des staatlichen Lohndiktats bereits schwere Kost. Die zur Schau getragene Selbstgerechtigkeit wird aber geradezu unerträglich, wenn die geschichtlichen Hintergründe der Mindestlohnidee offenbar werden. Die politischen Kreise, die den Kampf für die Armen und Schwachen scheinbar zu ihrem Credo erklärt haben, täten nämlich gut daran, einmal genau nachzuforschen, was für eine Idee sie mit dem Mindestlohn da eigentlich vertreten. Ihre inbrünstige Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu kämpfen, könnte sich rasch in ihr Gegenteil verkehren.

Eugenik, die progressive Ära und der Mindestlohn

Es ist die Zeit der Jahrhundertwende und der Übergang zum 20. Jahrhundert. Skurrile Rassentheorien haben Hochkonjunktur, sogar bis hinauf in die höchsten Schichten des intellektuellen Establishments. In Amerika läutete ebendiese Intelligenzija gerade die progressive Ära ein. Ermutigt von politischen Erfolgen und bestärkt durch Bedenken über die hohe Einwanderung verfielen die sozialdemokratisch geprägten Intellektuellen den neuen Rassentheorien besonders nachhaltig.

Edward Ross, Gründungsmitglied der American Economic Association, entwickelte die Theorie vom „Rassenselbstmord” (race suicide): Die bereits angestammten Amerikaner angelsächsischer Herkunft könnten im neuartigen Industriekapitalismus weniger gut bestehen als die „rassisch unterlegenen Immigrantenrassen” – damit meinte Ross „Latinos, Asiaten, Slawen und Hebräer” – und würden früher oder später von diesen verdrängt werden. Die überlegene Rasse lösche sich aus, die niedrigen Rassen würden dominant, warnte Ross. Er war es auch, der „die Gleichheit der Rassen” als „monumentale Verrücktheit” bezeichnete.

Francis Walker, Bürgerkriegsheld und ehemaliger Rektor des MIT, spann Ross’ Gedankenfaden weiter. Der freie Wettbewerb um Arbeitsplätze begünstige die „Niedriglohnrassen”. Dem müsse mit staatlicher Rassenplanung, Eugenik, entgegengewirkt werden. Geschähe dies nicht, so Walker, würde sich „jeder faulende Topf europäischer Bevölkerung, in dem sich seit Jahrhunderten kein intelligentes Leben mehr gerührt hat, […] über unsere Küsten ergießen.”

Ross, Walker und eine Phalanx weiterer Intellektueller setzten sich deshalb für Immigrationsbeschränkungen ein, die auf Basis eines diffusen und wirren Begriffs von Rasse wirken sollten. Doch damit nicht genug: Auch die Wirtschaftspolitik bedurfte ihrer Meinung nach eines eugenischen Korrektivs. Das Ziel sollte sein, die „Niedriglohnrassen” vom Wirtschaftsleben auszuschließen. Was lag da näher, als Niedriglöhne ganz einfach zu verbieten? Der Mindestlohn eignete sich hervorragend dafür.

Die Eugeniker waren sich der einfachen logischen Tatsache bewusst, dass ein Arbeitnehmer seinen Job verliert, wenn sein Lohn über das Maß hinaus erhöht wird, das er seinem Arbeitgeber einbringt, und nutzten sie für ihre widerlichen Ziele aus. Sie wussten, dass Mindestlöhne zu Arbeitslosigkeit führten, – und waren begeistert von dieser Möglichkeit: So konnten die meist schlecht qualifizierten und geringproduktiven Einwanderer elegant vom Arbeitsmarkt spediert werden. (Den Mindestlohn nannten die Eugeniker übrigens „living wage”. Er sollte den Lebensstandard der angestammten amerikanischen Arbeiter garantieren können. Ein Schelm, wer hier Parallelen zur derzeitigen Argumentation vom „Lohn, der zum Leben reicht” erkennt.)

Angewandte Apartheid

Während das Weibeln der amerikanischen Rassentheoretiker für den Mindestlohn trotz ihren guten Kontakten zu Präsident Theodore Roosevelt zunächst erfolglos blieb, wurden ganz ähnliche Absichten im Apartheidsregime Südafrikas in die Tat umgesetzt.

Nach der Abschaffung der Sklaverei durch die Briten und Vertreibung der holländischstämmigen Buren ins Landesinnere, war Südafrika zwar ein Staat, in dem schwarze und weiße Bewohner relativ gleichberechtigt waren. Als jedoch 1871 am Rand-Fluss im Landesinnern Gold gefunden wurde, änderte sich die gesellschaftlich-wirtschaftliche Situation des Landes schlagartig: Heerscharen von schwarzen und weißen Arbeitssuchenden strömten zu den neuen Minen. Bald bildeten sich auch Verteilkämpfe: Da die Bevölkerung mit schwarzer Hautfarbe stark in der Überzahl war, befürchteten die weißen Arbeitnehmer einen zu heftigen Wettbewerb um die bestehenden Arbeitsplätze.

Der durchschnittliche Schwarze war zwar weniger gut qualifiziert, aber eben auch billiger in der Anstellung. Im Gegensatz dazu waren es die weißen Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften, die den besseren Draht zu den lokalen Behörden hatten. Dies ermöglichte den rassistisch inspirierten, weißen Gewerkschaften, die schwarzen Arbeitnehmer auf jede mögliche Art und Weise zu drangsalieren: Schwarze durften nicht in der Nähe ihrer Arbeitsstelle wohnen, wurden auf dem Arbeitsweg von Polizisten aufgehalten und brauchten für die Arbeit einen Pass, den sie aber nur erhielten, wenn sie bereits angestellt waren.

Die Ökonomie bahnte sich trotzdem oft ihren Weg durch das Gestrüpp an feindseligen Regulierungen und führte schwarze Arbeitswillige und Arbeitgeber zusammen. Das drängte die rassistischen Arbeitsmarktprotektionisten jedoch nur dazu, noch grössere politische Geschütze aufzufahren. 1911 trat der „Mines and Works Act“ in Kraft, der als „Colour Bar Act” in die Geschichte eingehen sollte. Die Gewerkschaften, die den Wahlspruch „Workers unite, and fight for a white South Africa!” pflegten, erhielten von nun an die Macht, Mindestlöhne festzusetzen. Dadurch ließen sich die niedrigqualifizierten schwarzen Konkurrenten mühelos vom Arbeitsmarkt verdrängen: Der Anteil schwarzer Angestellter reduzierte sich in den Jahren nach Gesetzeserlass um 18 Prozent. Die Einführung von Mindestlöhnen kann damit ohne Übertreibung als wirtschaftspolitisches Herzstück der Apartheid bezeichnet werden.

Der Krieg gegen die Armen

Apartheid ist schließlich auch das zwangsläufige Resultat jedes Mindestlohns: die Schaffung eines Grabens zwischen etablierten Angestellten und geringproduktiven Arbeitslosen, welche die vom Mindestlohn geschaffene Hürde zum Arbeitsmarkt nicht überwinden können. Ein Mindestlohn bedeutet nicht Hilfe für die Ärmsten, sondern ihre Isolation. Er ist wie geschaffen dazu, den ohnehin schon Schwachen die Arbeit zu verbieten und ihnen damit das Leben noch schwerer zu machen. Logischerweise wurde deshalb der Mindestlohn historisch auch immer dazu genutzt, unliebsame Gruppen zu bekämpfen. Der Krieg gegen die Armen, Jungen, Unbeliebten und Unorganisierten kann mit einem Mindestlohn schließlich effizient geführt werden.

Es wäre jedoch unanständig, den heutigen Mindestlohnbefürwortern dieselben Motive anzulasten wie den progressiven Eugenikern Amerikas oder den rassistischen Gewerkschaften Südafrikas. Ihre Ziele mit dem Mindestlohn sind durchaus humanistisch und gütiger Natur. Im Gegensatz zu ihren historischen Vorläufern sind sie sich aber der diskriminierenden Wirkungsweise eines Mindestlohns nicht mehr bewusst. Das spricht zwar für ihre Moral, jedoch gegen ihre Kompetenz. Den Menschen, die wegen des Mindestlohns ihre Arbeit verlieren oder seinetwegen keine Arbeit mehr finden, dürfte derweil jedoch herzlich egal sein, mit welcher Geisteshaltung sie bekämpft werden.

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Quellen:

Thomas C. Leonard, Eugenics and Economics in the Progressive Era, 2005, http://www.princeton.edu/~tleonard/papers/retrospectives.pdf

Steve Horwitz and Art Carden, Eugenics: Progressive’s Ultimative Social Engineering, 2011, http://www.fee.org/the_freeman/detail/eugenics-progressivisms-ultimate-social-engineering

Matt Zwolinski, Immigration, Eugenics and the Minimum Wage, 2013, http://bleedingheartlibertarians.com/2013/12/immigration-eugenics-and-the-minimum-wage/

Thomas W. Hazlett, Apartheid, http://www.econlib.org/library/Enc/Apartheid.html

Gefunden bei: zuercherin.com

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4 Responses to Die dunkle Geschichte des Mindestlohns

  1. Hermann Messmer sagt:

    Wenn die Volldeppen den Mindestlohn geschafft haben, werden sie erkennen, dass es nur die ein Hälfte der Volldeppenökonomie ist. Als nächstes muß dann die Preisbremse installiert werden, damit man mit dem Mindestlohn nicht die gierigen Unternehmer füttert. Es ist schließlich ein völlig grundsätzliches Menschenrecht, dass das Frühstücksbrötchen bezahlbar bleibt. Als nächstes sollte jedem klar sein, wie sinnlos Geld dann wird. Die Menschen arbeiten sehr gerne aus eigenem Antrieb. Um der Gemeinschaft zu dienen. Die Güter können dann ohne Preise einfachst verteilt werden. Jeder nimmt sich dass, was er haben möchte. Die Menschen verstehen den Gemeinschaftssinn, keiner nimmt sich zu viel. Fertig. Also, wozu soll der Mindestlohn gut sein? Es geht noch einfacher! Ohne Geld.

    „Ein Europa der Menschen, nicht des Geldes!“

    Die Politiker haben es schon kapiert. Auf den EU-Wahl-Plakaten steht es schon.
    Volldeppenwerbung per excellence!

    • Zef sagt:

      >Die Menschen arbeiten sehr gerne aus eigenem Antrieb. Um der Gemeinschaft zu dienen

      … und den Häuptlingen ihren standesgemäßen (der Einheitslohn wird von den Mindeslohn-Propheten ja nicht gefordert) Unterhalt zu gewähren: Leben, um zu fronen.

      Angelehnt an Heikos Erklärungsmodell (in: Der moderne Staat und die traumatisierte Persönlichkeit) könnte man sagen, dass hier die „Opferseite“ liegt.

      Auf der „Täterseite“ entwickelt sich nun zugleich eine Lebensanschauung, die im Fordern selbst besteht, im Ansprüche-Stellen an alle anderen: Leben, um zu fordern.

      Wer sich selbst nicht gehört, der erwartet alles von außen. Von wem auch sonst, denn der Außer-sich-Seiende ist selbst ja nichts.

      So wird der Staat nun zur großen „Fiktion, nach der sich jedermann bemüht, auf Kosten jedermanns zu leben“ (Frederic Bastiat).

      Psychologisch und ehtisch ist das eine veritable Katastrophe. Mit dem Einzelnen wird auch das Ethische vernichtet, denn es lebt nur im Einzelnen, nirgendwo sonst.

      Es ist nicht Zufall, sondern (Un)Gestalt-Logik, dass die Vergesellschaftung von Menschen immer wieder Un-Güter, bis hin zu reissenden Blutströme produziert.

      Ich denke, dass dem wirtschaftlichen Bankrott der ethische Bankrott stets voraus geht. In meinem Denken gehört das Ethische mit zur Wertschöpfung, zum Kapitalismus. Mit „Gutmenschlichkeit“ hat das allerdings nicht zu tun.

      Das „Seid fruchtbar, wertschöpfend, erbaulich“ ist ein Sollen, das Freiheit nicht einschränkt, sondern verwirklicht.

      Es wird gewählt, was sonst –
      und zwar aus Freiheit, nicht aus Notwendigkeit.


      Ich erschaffe mich nicht,
      Ich wähle mich

    • Chris sagt:

      puh, eine beachtliche Recherche! Sehr kompetent. Diese historische Dimension des Mindestlohns war mir neu.

  2. Richard sagt:

    „Es ist die Zeit der Jahrhundertwende und der Übergang zum 20. Jahrhundert.“

    Und das ist der Knackpunkt dieser ganzen „Analyse“. Sie nimmt eine Zeit, in der sowohl in den USA wie auch in Südafrika die Apartheid gesellschaftliche Normalität war und Schwarze faktisch rechtlos gegenüber den weißen Machhabern.
    Sie hatten keinen Zugang zu höherer Bildung (wenn sie denn überhaupt eine Grundschule besuchen konnten, war das schon viel) und sie arbeiteten faktisch in Leibeigenschaft ihrer Arbeitgeber. Ja, die Sklaverei war irgendwann auf dem Papier abgeschafft, aber die gesellschaftliche Realität unterschied sich nicht von der, in der Zeit vor dem Ende der Sklaverei. Nur so ein kleiner Hinweis: Ein Film wie „Vom Winde verweht“ konnte noch 1939 ohne die geringsten Probleme die Sklaverei zeigen UND gleichzeitig die Sklavenhaltergesellschaft idealisieren. Schwarze durfen damals in den Südstaaten mit Sicherheit nicht mit den Weißen den Film gemeinsam im Kino gucken.

    Was der Autor dieses Textes macht, ist wissenschaftlicher Humbug: Er nimmt die Beschreibung eines historischen Vorgangs – in einer anderen Zeit, in anderen Gesellschaften, mit anderen Herrschafts- und Wirtschaftsverhältnissen und sagt: „Seht das passiert, wenn …“

    Dabei ignorierte er, dass es
    – wir im Jahr 2014 sind
    – die Apartheid abgeschafft ist (wenn auch Rassismus natürlich noch immer existiert
    – es in X Ländern, gerade auch in Europa, seit Jahren Mindestlöhne gibt
    – usw.

    Diese Analyse ist damit, mit Verlaub, ein Husarenstück, das mit Wissenschaft nicht das geringste zu tun hat. Das kann man nur als Propaganda lesen, aber nicht als Blaupause auf die Gegenwart übertragen. Nur weil es EINE Übereinstimmung gibt (Mindestlohn wird per Gesetz eingeführt), kann man doch nicht ignorieren, dass alle anderen Parameter (Zeit, Gesellschaft, Land, wirtschaftliche Strukturen, Werte, Staatsform in Südafrika) unterschiedlich sind.

    Das erinnert mich an einen Bekannten, der sich um 2004 für eine Fernsehproduktion intensiv mit den 20er Jahren in Deutschland beschäftigte. Am Ende sah er in der Gegenwart überall die Parallelen und stellte sich auf den großen Zusammenbruch ein. Sein Spruch: „Wir sind genau an der gleichen Stelle, wie damals in den 20ern!“ Tatsächlich kam es 2008 zu einer weltweiten Wirtschaftskrise, die jedoch einen komplett anderen Verlauf nahm, als der Kollaps am Ende der 1920er. Klar und warum? Weil die Staaten ganz anderes damit umgingen und sich auch sonst noch ein bisschen was in den letzten 80 Jahren geändert hatte. Das nur so mal als Blick auf das große Ganze.

    Ach ja, mit dem Burgerbrater-Filmchen seid Ihr einer Satire aufgesessen. Oder wie erklärt Ihr das, dass der Burgerbrater vor Einführung des Mindestlohns von 8 Dollar offensichtlich ohne Lohn gearbeitet hat? Oder lernt man heute nicht mehr, dass Umsatz und Gewinn nicht das gleiche ist .Wie heißt es so schön im Vorspann: Denken hilft.

    Gruß aus dem Denkerlager.

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