Wie kann ich andere vom Voluntarismus überzeugen?

On 31. März 2014, in Voluntarismus, by FreiwilligFrei

Peter Müller

 

Diese Frage wird uns häufig gestellt. Die kurze Antwort lautet: gar nicht. Die ausführliche Antwort lautet: Der Versuch, jemanden von etwas zu überzeugen, endet meistens im Widerstand, in Grabenkämpfen und in der Ablehnung. Vom Voluntarismus kann man sich nur selbst überzeugen. In Gesprächen kommt es also darauf an, die richtigen Denkanstöße zu geben, die den Wunsch wecken, sich vom Voluntarismus selbst zu überzeugen.

Es gibt ein paar Strategien, mit denen sich Gespräche über den Voluntarismus führen lassen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, die Beziehung zum Gesprächspartner zu gefährden. Sie funktionieren im Freundeskreis, im Gespräch mit Verwandten, mit Kollegen, mit Geschäftspartner, im Smalltalk, ja sogar bei Menschen, die du zuvor noch nie gesehen hast.

Zwei Voraussetzungen

Bevor du mit jemandem entspannt über den Voluntarismus, das Nichtaggressionsprinzip oder das Selbsteigentum sprechen kannst, solltest du zwei Voraussetzungen erfüllen. Die erste Voraussetzung bezieht sich auf die Prinzipien und Inhalte. Hier solltest du in allen FAQ sattelfest sein. Fragen zum Nichtaggressionsprinzip und zum Selbsteigentum sollten aus dem FF beantwortet werden können. Die Antworten auf inhaltliche Fragen zu den Straßen, zu Monopolen, zur öffentlichen Sicherheit, zum Umweltschutz usw. sind bspw. immer recht ähnlich. Der Staat ist entweder der größte Vernichter dessen, wofür er eigentlich sorgen soll, z.B. Sicherheit, Umweltschutz, Bildung, Leben. Oder er ist der größte Verursacher eines Problems, gegen das er eigentlich eine Absicherung darstellen soll, z.B. Monopole. Oder er hat etwas ruiniert, was aus privater Initiative entstanden ist und einst gut funktioniert hat, z.B. Sozialversicherung, Krankenversicherung, Gewerkschaften. Für alle Fragen zu den Prinzipien und Inhalten sind die Texte und Videos von FreiwilligFrei sehr gut als Vorbereitung geeignet.

Die zweite Voraussetzung ist die Einnahme einer wohlwollenden, respektvollen und geduldigen inneren Haltung. Aggression, Geringschätzung und Ungeduld bringen dagegen überhaupt nichts und sind meist vollkommen fehl am Platz. Denke zurück an deine eigene Situation, als du Anarchie selbst noch für Chaos und Gewalt gehalten hast. Etwa an dieser Stelle befinden sich die meisten Menschen. Hole sie deshalb auch genau dort ab und habe Geduld.

1. Normale Unterhaltung
Unterhalte dich ganz normal mit deinen Freunden und warte auf eine passende Gelegenheit, z.B. wenn über die Politik geschimpft wird. Lasse deinen Gesprächspartner erst mal reden. Animiere ihn durch kleine Nachfragen und durch Zustimmung zum Weiterreden und halte dich zurück.

2. Ködern
Wenn er genug zum Thema gesagt hat, sage deinem Gesprächspartner, dass du dazu auch eine Meinung hast. Frage ihn, ob er sie wissen will. Er wird wahrscheinlich mit „Ja“ antworten.

3. Vorwarnen
Warne ihn vor, dass ihm das, was du dazu zu sagen hast, nicht gefallen könnte. Ziehe ihn in die Verantwortung für das Gespräch. Frage ihn dazu, ob er es trotzdem wissen will. Er wird „Ja“ sagen.

4. Verantwortung übertragen und verpflichten
Quittiere ihm dieses „Ja“ damit, dass nun alles weitere auf seine Verantwortung geschehe. Verpflichte ihn nun als Bedingung für das Preisgeben deiner Meinung dazu, die Beziehung zwischen euch Gesprächspartnern nicht zu zerstören. Bitte ihn, zu versprechen, dass er deine Ansichten nicht persönlich nimmt und nicht sauer wird. Er wird es versprechen. Nun habt ihr einen Deal, an den du ihn erinnern kannst, wenn er emotional wird.

5. Vermeide Fettnäpfchen und Nebenkriegsschauplätze
Vermeide Begriffe wie „Anarchismus“, „Anarchokapitalismus“, „Kapitalismus“ usw.; „Markt“ ist gerade noch erlaubt. Alles andere führt aufgrund falscher Vorurteile durch ständige öffentliche Diskreditierung dieser Begriffe sofort dazu, dass viele Nebenkriegsschauplätze, z.B. Streits um Definitionen und Bedeutungen entstehen.

6. Persönliche Ebene
Argumentiere nie abstrakt, allgemein, unpersönlich und kollektivistisch. Bleibe stattdessen konkret, spezifisch, persönlich und individuell. Verwende anstatt von „Gesellschaft“ bspw. „meine Nachbarn“ oder statt „Interessensgruppe“ bspw. „meine Freunde und ich“. Das führt dazu, dass es bei persönlich verantwortlich handelnden Individuen bleibt und nicht auf abstrakte unpersönliche Ebenen abgleitet, in denen persönliche Verantwortung keine Rolle mehr spielt.

7. Prinzipien statt Positionen
Frage nach Prinzipien, die eine universelle Gültigkeit beanspruchen. Z.B. ob der Staat dazu da ist, die Bürger vor Gangstern und Erpressern zu schützen. Frage nach, wie das zu Beispielen passt, die eklatant gegen diese Prinzipien verstoßen, z.B. ob der Staat die Bürger vor Gangstern und Erpressern schützt, indem er ihnen hier in Deutschland im Schnitt den Gegenwert von 188 Tagen Arbeit pro Jahr unter Gewaltandrohung wegnimmt. Betrete nicht das Spielfeld deines Diskussionspartners und beginne nicht, detaillierte Lösungen zu erörten, sondern bleibe bei den Prinzipien. Jede Lösung ist gut, sofern sie den richtigen Prinzipien folgt. Prüfe Detaillösungen, die angesprochen werden auf Übereinstimmung mit den Prinzipien. Jede Lösung ist unabhängig von ihrer Ausgestaltung richtig, wenn bspw. niemand dazu gezwungen wird, sie in Anspruch zu nehmen oder zu bezahlen.

8. Du und Ich
Frage deinen Gesprächspartner, wie weit der Staat dabei gehen soll, ob von dir ein bestimmtes Verhalten zu bekommen oder es zu verhindern. Beschreibe ihm, was passiert, wenn der Staat sein Gewaltmonopol gegen dich einsetzt: Briefe, Vorladung zur Gerichtsverhandlung, bei Nichterscheinen kommt die Polizei und steckt dich in ein vergittertes Auto, bei Ungehorsam oder Gegenwehr werden dir Schmerzen zugefügt, bei weiterer Gegenwehr wirst du verletzt, bei Notwehr wirst du getötet. Frage deinen Gesprächspartner, ob er die Verantwortung für seine Forderung übernehmen würde und im Zweifel die Waffe persönlich auf dich richten und abdrücken würde. Schließlich ist das die Konsequenz, wenn er der Ansicht ist, der Staat oder irgendeine sonstige Autorität müsse was auch immer tun. Nochmal: Die Diskussion um Detaillösungen bringt erst dann etwas, wenn sie den richtigen Prinzipien folgen. Anderenfalls entwickeln sich nur sinnlose Grabenkämpfe. Kläre erst die Übereinstimmung der Lösungen mit den dahinterliegenden Prinzipien.

Wenn es hart wird, erinnere deinen Gesprächspartner an den Deal, den ihr vorher geschlossen habt und schlage ihm auch gelegentlich vor, das Gespräch zu beenden. Solche Unterhaltungen werden deinen Gesprächspartner zum Nachdenken bringen und ihn innerlich durchrütteln, aber ohne dass er es dir übelnehmen wird. Er wird dich respektieren und es eventuell erst mal eine Zeit lang vermeiden, mit dir über politische Angelegenheiten zu sprechen. Er weiß nach so einem Gespräch genau, dass du ihn sofort in die persönliche Verantwortung für das ziehen wirst, womit er sich seine Hände nicht schmutzig machen will und es deshalb gerne an politische oder sonstige Handlanger delegieren möchte.

In dieser Zeit des Schweigens passiert eine von zwei Entwicklungen: Entweder stellt sich bei deinem Gesprächspartner das Gefühl ein, es sei sinnlos, mit dir zu diskutieren, er macht vollständig zu und vermeidet auch in Zukunft, mit dir über diese Themen zu sprechen. Oder er denkt über das Gespräch nach und fängt an, sich selbständig zu informieren – und das ist der Anfang davon, sich selbst von etwas zu überzeugen. Wenn nach einiger Zeit – manchmal vergehen Monate und Jahre – auf einmal ein paar neugierige und interessierte Nachfragen kommen, weißt du, dass er auf dem richtigen Weg ist und dass du dich nun entspannt zurücklehnen kannst.

 

Videoempfehlung:


 

 

7 Responses to Wie kann ich andere vom Voluntarismus überzeugen?

  1. Philipp sagt:

    Ich denke im Endeffekt können wir weder die Welt noch die Meinung der meisten anderen Menschen verändern, sondern höchstens versuchen in dieser relativ unfreien Welt unser eigenes Ding zu machen und uns mit den Verhältnissen irgendwie zu arrangieren. Vermutlich sind Diskussionen mit den meisten Menschen in der jetzigen Gesellschaft und Zeit über das Thema Voluntarismus/Anarchismus einfach Zeitverschwendung und bringen vor allem einem selber höchstens Frust über den kollektiven Wahn der einen umgibt.

    Deshalb würde ich es bis auf Gesprächsversuche mit einzelnen Leuten die einem wirklich etwas bedeuten und die auch bereit sind überhaupt den Argumenten offen zuzuhören einfach sein lassen über das Thema zu reden, wenn man keine masochistischen Tendenzen hat.

    • Manuel Barkhau sagt:

      So traurig es auch ist, ich denke du hast recht. Für diejenigen die offen sind für diese Ideen, kann man alles bereitstellen was sie brauchen um sich zu informieren, und ggf. ihnen für Fragen zur Verfügung zu stehen. Für alle anderen ist der höchste Anspruch den ich je habe, dass sie mich verstehen. Ich will andere nicht Überzeugen, aber wenn ich es schaffen könnte, dass sie nachvollziehen was ich denke und dass ich keine Bedrohung für sie darstelle, besteht etwas Hoffnung in Zukunft in Ruhe gelassen zu werden.

      • Dolcé sagt:

        Es macht einen großen Unterschied, wenn da mehrere Voluntaristen auf einen Platz stehen und jemanden das in diesem Sinne wie oben erläutert erklärt, als wenn da jetzt nur einer alleine steht und jemanden das erklärt. Je mehr Leute eine Meinung vertreten desto glaubwürdiger wirkt es.

        Ich kann dazu auch noch sagen, dass man es nicht bei allen probieren sollte. Man muss erstmal herausfinden, wie die gepolt sind. Ich habe sogar eine Person erlebt die nur euer Einführungsvideo geschaut hat, fand das sofort total klasse und ist Voluntarist geworden. Der war auf natürlicherweise schon sehr selbstbestimmt.

        Viele Menschen sind für ein selbstbestimmtes Leben einfach noch nicht bereit. Die brauchen sicher noch ein paar Leben bis sie es auch verstehen. Aber wie euch aufgefallen ist wird es immer mehr auch wenn dieser Prozess sehr lange dauert.

        Die guten Menschen sind stärker als die Psychopathen. Denn wir haben was, was die Psychopathen nie haben werden. Wir können zusammen an großen wundervollen Projekten arbeiten im vollsten vertrauen, mit großer Motivation, und guter Produktivität. Psychopathen hingegen sind Egoistische Einzelgänger die selbst ihre eigenen Leute hintergehen würden, wenn es von Vorteil für sie wäre. Aus dem Grunde bekommen sie es einfach nicht hin gute Produkte zu entwickeln und müssen die Leute mit einer Waffe zwingen ihre Produkte zu nutzen.

        Ich bin mal gespannt wie lange das noch hält. Mehr als noch mehr Kleber draufklatschen können sie nicht auf ihre Versklavungsysteme. Die Pharaonensysteme und Königlichen Systeme waren ja noch mehr oder weniger überschaubar. Und selbst wenn sie es schaffen in den nächsten 100 Jahren eine Weltregierung aufzubauen glaube ich nicht daran, dass sowas lange halten kann/wird. Sorgen mache ich mir alle mal. Die aktuellen Generationen werden noch schlimme Zeiten erleben… Enge Freunde und Familienmitglieder sind da sehr wichtig.

  2. FDominicus sagt:

    @Phillip. Ich dachte auch mal, Menschen sollten vernünftigen Argumenten zugänglich sein. Das klappt nur in einem sehr begrenzten Bereich. Ab einem bestimmten Punkt übernehmen Gefühle und kreatürliche Ängste und Ende ist mit der Vernunft.

    Im Grunde sind wir auch nur Affen, leider mit durchaus besseren Waffen.

    Und am Meisten triff für mich zu:
    “ Vermutlich sind Diskussionen mit den meisten Menschen in der jetzigen Gesellschaft und Zeit über das Thema Voluntarismus/Anarchismus einfach Zeitverschwendung und bringen vor allem einem selber höchstens Frust über den kollektiven Wahn der einen umgibt.“

    Das kommt bei mir immer dabei heraus. Was man machen kann (sollte?) einfach sagen, „ich sehe das etwas anders“ und dann am Besten schweigen – Neugier …..

    • Dolcé sagt:

      Hm, naja das ist als wenn du den damaligen Sklaven im alten Ägypten erzählen willst, dass sie auch ohne ihre „Götter“ überleben würden. Die Sklaven haben sich ja nur unterworfen, weil sie dachten, dass sie sonst keine chance hätten zu überleben. Diese Ignoranz ist nichts neues. Im Mittelalter gab es auch Leute wie wir, die die Wahrheit erkannt haben aber nur lächerlich gemacht wurden. Ich versuche immer nur die Leute zu beeinflussen, wo es auch Sinn macht und wo ich weiß, dass sie sowas verstehen könnten/würden. Werf nicht die Perlen vor die Schweine.
      Die müssen noch reifen für die Selbstbestimmung.

    • karlheinz sagt:

      Bin ich hier der Einzige, der gerne mit Etatisten diskutiert? Mit Voluntaristen ist mir aufgefallen, da gibt es keine Reizpunkte mehr und es artet meistens nur noch in Geläster über die Etatisten aus. Wobei diese Beweihräucherung, von wegen die Etatisten seinen unreif, minderbemittelt und es hateh keinen Sinn und es ist ja so schwer mit denen zu diskutieren, in mir ein unbehagliches Gefühl auslöst. Immerhin war ich selbst auch mal Etatist. Inzwischen, so glaube ich, bin ich schon recht gut darin mit Etatisten offen umzugehen und habe auch schon einige Erfolgserlebnisse zu verbuchen. Entscheidend ist eine freundschaftliche Grundlage.

      “ich sehe das etwas anders” und dann am Besten schweigen – Neugier ….. Humor und Argumente! Dann geht das eigentlich meist ganz geschmeidig. Dank Seiten wie fwf und gf habe ich inzwischen auch auf fast jede Frage eine schlaue Antwort parat und muss sie nur noch charmant und humorvoll verpacken. In einer Diskussion gibt es nichts Schöneres als den offenen Mund und die weitaufgerissenen Augen eines Nochetatisten …

      Es klappt vielleicht nicht immer einen Etatisten zu überzeugen, aber es gibt wohl auch keinen einzigen Etatisten, der anders herum einen Voluntaristen vom Etatismus überzeugen kann 😉

      http://globalefreiheit.de/215_1.php

  3. karlheinz sagt:

    Bin ich hier der Einzige, der gerne mit Etatisten diskutiert? Mit Voluntaristen ist mir aufgefallen, da gibt es keine Reizpunkte mehr und es artet meistens nur noch in Geläster über die Etatisten aus. Wobei diese Beweihräucherung, von wegen die Etatisten seinen unreif, minderbemittelt und es hateh keinen Sinn und es ist ja so schwer mit denen zu diskutieren, in mir ein unbehagliches Gefühl auslöst. Immerhin war ich selbst auch mal Etatist. Inzwischen, so glaube ich, bin ich schon recht gut darin mit Etatisten offen umzugehen und habe auch schon einige Erfolgserlebnisse zu verbuchen. Entscheidend ist eine freundschaftliche Grundlage.

    “ich sehe das etwas anders” und dann am Besten schweigen – Neugier ….. Humor und Argumente! Dann geht das eigentlich meist ganz geschmeidig. Dank Seiten wie fwf und gf habe ich inzwischen auch auf fast jede Frage eine schlaue Antwort parat und muss sie nur noch charmant und humorvoll verpacken. In einer Diskussion gibt es nichts Schöneres als den offenen Mund und die weitaufgerissenen Augen eines Nochetatisten …

    Es klappt vielleicht nicht immer einen Etatisten zu überzeugen, aber es gibt wohl auch keinen einzigen Etatisten, der anders herum einen Voluntaristen vom Etatismus überzeugen kann 😉

    http://globalefreiheit.de/215_1.php

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