„Zwei Politiker, von denen einer Libertärer ist, haben mehr gemeinsam als zwei Libertäre, von denen einer ein Politiker ist.“

Das säkulare Sakrament namens Wahl hat gerade in den Vereinigten Staaten begonnen. Zurzeit werden die Wahlzettel für November vorbereitet und die regierungsmüden Amerikaner werden wieder einmal dazu gebracht, an die Freiheit durch Politik zu glauben. Sie werden aufgefordert, die letzte, beste Möglichkeit für Freiheit in Amerika aufzugeben – ihre wachsende Skepsis gegenüber dem Staat. Diese Skepsis bietet eine Chance, aber sie wird in dem Theater rund um Pfründe und Posten untergehen.

Die Kandidaten der Libertären Partei (LP) stellen sich genauso zur Wahl wie alle anderen Möchtegernpolitiker auch. Libertäre sollten es eigentlich besser wissen und was so schlimm ist, ist, dass sie es fast tun. Ein Artikel auf ihrem Blog (vom 15. Januar) trägt die Überschrift „Libertäre in North Carolina sehen ihre Chance in der steigenden Unzufriedenheit der Wähler.“ Der Vorsitzende der LP in diesem Staat wird wie folgt zitiert: „Während Demokraten und Republikaner uns immer weiter Richtung Hölle führen und versuchen, das Unvermeidliche so lange wie möglich hinauszuzögern, können immer mehr Amerikaner spüren, wie sich die Lage verschlechtert.“ Es sind Wahlen, die den Weg zur Hölle ebnen. Und es gibt Anlass zur Hoffnung, dass offenbar immer mehr Menschen sehen, wohin dieser Weg führt.

Warum? Weil es am Ende nicht um einen Kampf gegen Waffen in den Händen von Staatsbediensteten geht. Die meisten Menschen regen sich über Polizeigewalt und andere unnötige Machtdemonstrationen auf. Der ultimative Kampf wird gegen die Idee geführt, dass der Staat irgendwie legitim ist. Die meisten Amerikaner glauben, dass der Staat durch Wahlen eine legale Autorität erhält. Nur weil ein Politiker gewählt ist, hat er die Macht, Steuern einzutreiben, ohne dass es zu einer Revolte kommt. Ohne eine solche Wahl, wird die Wegnahme von Geld als das gesehen, was es ist: Diebstahl. Das ist der Unterschied zwischen einem Politiker und einem gewöhnlichen Kriminellen. Der politische Prozess belohnt den einen, der juristische Prozess verurteilt den anderen. Diese Doppelmoral beginnt an der Wahlurne. Sie beginnt im Herzen und in der Seele eines jeden Wählers, der glaubt, dass eine Wahl dem Sieger um einen politischen Posten Legitimität verleiht.

Aber das ist nicht der Fall. Ein politischer Posten ist eine Position der ungerechtfertigten Macht über einen jeden, der diesem Posten nicht zugestimmt hat. Niemand hat das Recht, eine solche Macht zu besitzen. Niemand hat das Recht, einer anderen Person dabei zu helfen, eine solche Macht zu erlangen. Es ist die Aufgabe des Libertarismus, diese Ungerechtigkeit und die Doppelmoral der Politik bloßzustellen und nicht, ihr beizutreten.

Mitglieder der LP argumentieren, dass es ihren Kandidaten nicht um Macht geht. Stattdessen versuchen sie, die Macht zu beschränken. Aber sie stellen sich nur deshalb zur Wahl, weil die Positionen, die sie erreichen können, mit unglaublicher Macht und Autorität einhergehen. Natürlich geht es den LP Kandidaten um Macht. Natürlich versucht die LP, die bestehende Staatsstruktur zu besetzen; was soll eine politische Partei auch sonst tun? Was die LP eigentlich sagen will, ist, dass ihre Politiker diese Macht nicht, oder jedenfalls nicht in einem solchem Umfang wie die Konkurrenz, nutzen werden.

Es ist nicht unbedingt glaubhaft, dass eine Person, die um Macht kämpft, diese Macht gar nicht will. Diese Versprechungen sind unglaubwürdig, denn jeder Kandidat verspricht vorher, dass er die Macht, die ihm gegeben wird, nicht missbraucht. Schlimmer noch ist, dass der Kandidat, der die Wahl gewinnt, schwört, dass er die Gesetze des Landes bewahren und befolgen wird. Die meisten dieser Gesetze sind offensichtlich ungerecht. Wann also lügt er? Wenn er als Kandidat verspricht, ungerechte Gesetze zu beseitigen? Oder wenn er schwört, ungerechte Gesetze zu befolgen und zu bewahren, wenn er in seiner Position vereidigt wird? Das Versprechen, dass große Macht nicht missbraucht würde, ist eine Aufforderung an die Menschen, den Personen an der Macht zu vertrauen. Wieder einmal. Es ist nur eine andere Art und Weise, eine Politik zu legitimieren, die grundsätzlich abgelehnt werden sollte. Es bittet einen darum, seine Freiheit den unsichtbaren Absichten eines Machtsuchenden zu vertrauen: „Vertrau meinem Mann!“ Aber der Mann ist irrelevant; ob ihm irgendjemand vertraut, ist irrelevant. Das Problem ist die Position selbst, die eine Macht birgt, die niemandem zusteht. Der Doppelstandard, der es Politikern erlaubt, mit Steuern zu stehlen und durch Kriege zu morden, ist das Problem.

1982 gehörte ich zu den drei Gründungsmitgliedern der Organisation und des Newsletters The Voluntaryists. Sie diente dazu, die Erlangung von Freiheit durch unpolitische Strategien zu bewerben. In der Einführung zum von den Voluntaristen veröffentlichten Buch Neither Bullets Nor Ballots (1983) schrieb ich: „Die Voluntaristen versuchen, sich auf das antipolitsche Erbe des Libertarismus zurückzubesinnen. Sie versuchen, die klare Unterscheidung zwischen den ökonomischen und den politischen Mitteln zur Änderung einer Gesellschaft wiederherzustellen. Diese Unterscheidung wurde von den zeitgenössischen Libertären erkannt, als sie der Regierung den Anschein der Legitimität nahmen und eine kriminelle Vereinigung offenbarten, die für sich ein Monopol auf Gewalt einforderte. Frühe Libertäre wie Benjamin Tucker argumentierten dann auch, dass man den Staat durch die Wahl von Politikern genauso wenig angreifen kann, wie man Verbrechen verhindert, indem man ein Verbrecher wird.“

Seit 1982 sind viele „libertäre Kandidaten“ gekommen und gegangen, ohne irgendwelche sichtbaren Spuren zu hinterlassen. Doch jedes Mal zogen sie Energie, Ideale und Geld aus der Bewegung. Millionen Arbeitsstunden wurden zusammen mit hunderten Millionen Dollar verschwendet. Und das alles hat nichts gebracht, außer dass Libertarismus weiter von der Freiheit abgerückt ist.

In einem Gespräch werde ich an diesem Punkt oft idealistisch genannt und mir wird vorgeworfen, dass ich real funktionierende Strategien, wie die Kandidatur zu einem politischen Posten, ablehne. Diese Kritik ist ein Taschenspielertrick: Sie nimmt einen moralischen Einwand und versucht, ihn als einen strategischen darzustellen. Zudem ist der Einwand des „real funktionierend“ seltsam. Ich verfolge eine Bandbreite an Strategien, die alle „real funktionieren“. Einige davon sind Agorism, Selbstversorgung, Verweigerung jeglicher Zusammenarbeit mit dem Staat, ziviler Ungehorsam und das „Abstimmen mit den Füßen“. Keine dieser Strategien benötigt die Zustimmung des Staats und es wird von niemandem verlangt, Teil des Staates zu werden. Alle diese Strategien sorgen für individuelle Freiheit im Hier und Jetzt.

Der Vorwurf des Idealismus ist ebenfalls seltsam. Er kommt von Leuten, die glauben, dass Politiker mit immenser Macht, diese nicht missbrauchen werden. Die Fürsprecher der LP versichern mir ernsthaft, dass erfolgreiche Politiker nichts lieber tun, als ihre hart-errungene Macht und das Ansehen und das Gehalt, das damit einhergeht, wieder abzugeben. Sie sagen, dass der Staat allein durch unsere guten Absichten reformiert werden kann. Angeblich korrumpiert Macht jeden…nur keine Libertären. Und ich bin die Naive hier?

Der Wunsch der LP, dem Staat beizutreten, hat sich als desaströs für die Bewegung als Ganzes herausgestellt und die Aussicht auf Freiheit in Amerika in weite Ferne gerückt.

Das letzte Wort

Wie Wendy McElroy vortrefflich analysiert hat, führt Politik immer zu unbeabsichtigten Konsequenzen und Verschwendung. Selbst wenn man davon ausgeht, dass libertäre Parteien einen positiven Effekt auf die Außenwirkung des Libertarismus haben, dann gibt es doch eindeutig effizientere Methoden, als Millionen von Euros in einer politischen Partei zu versenken, welche sich früher oder später sowieso der Mehrheit anbiedern und ihre Prinzipien verraten muss, nur um von der Mehrheit akzeptiert zu werden. Oft hört man von politischen Libertären, es bräuchte „gute Menschen“ in der Politik. Falsch. Die Privatwirtschaft kann jeden „guten Menschen“ mehr gebrauchen. Statt von seinem unrechtmäßigen Politikergehalt parasitär auf Kosten anderer zu leben, könnten diese Menschen Wohlstand erschaffen und das Leben der Menschen tagein, tagaus verbessern. Es könnten Alternativen zum bestehenden Unrecht geschaffen werden und mal wieder zeigt sich, dass politische Libertäre das Konzept der Opportunitätskosten nicht verstanden haben. Bei ihnen ist alles „alternativlos“, genau wie bei Merkel und Konsorten. Dass beispielsweise Bitcoin und SilkRoad mehr für die Freiheit getan haben, als alle politischen Libertären zusammen, wird getrost verschwiegen. Der Rest des freien Marktes sorgt eben immer noch für bessere Ergebnisse als eine von der Mehrheit gewählte Gruppe von Zentralplanern.

Für ihre Freiheit,

Julian Schmierer

 [Anm. der Redaktion: Der folgende Artikel stammt im Original von Wendy McElroy. Übersetzung Benjamin Last, Julian Schmierer]

Quelle: dollarvigilante.de

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4 Responses to Warum die libertäre Partei uns weiter von der Freiheit entfernt

  1. Zef sagt:

    >Seit 1982 sind viele „libertäre Kandidaten“ gekommen und gegangen, ohne irgendwelche sichtbaren Spuren zu hinterlassen. Doch jedes Mal zogen sie Energie, Ideale und Geld aus der Bewegung

    Jede Kandidatur, jede Wahl verbraucht die Kraft der Freiheit im Dienste der Unfreiheit. Dadurch wächst die vereinte Kraft der Unfreiheit.

    Jede Kandidatur, jede Wahl stärkt den Anschein der Legitimität des Versklavt-werdens von Menschen durch Menschen.

    Das libertäre Motto lautet daher nicht: Freiheit durch Politik, sondern Freiheit statt Politik. Anstatt seine Stimme, sein Selbst abzugeben, besteht der entscheidende erste Schritt darin, sich selbst zu wählen.

    Durch die Selbst-Wahl erwacht das freie Selbst aus seinem Dornröschenschlaf. Nun kann der Mensch „für sich“ werden, was er „an sich“ ist: Freiheit

    Für die Freiheit gibt es nur einen Weg, jeder andere Weg ist Abweg. Im Zen sagt man: eine Abweichung um Haaresbreite und Himmel und Erde klaffen auseinander.
    Daher nicht links oder rechts, oben oder unten, sondern mitten auf die Zwölf!


    Ich erschaffe mich nicht,
    ich wähle mich

    • Zef sagt:

      >Durch die Selbst-Wahl erwacht das freie Selbst aus seinem Dornröschenschlaf. Nun kann der Mensch “für sich” werden, was er “an sich” ist: Freiheit

      „Der Einzelne ist die Kategorie des Geistes, der Geist-Erweckung, und der Politik so entgegengesetzt wie möglich“ (Kierkegaard).

      Was ist Politik?

      „… in der Gedankenlosigkeit lärmend mit dabei zu sein, wenn da ein Geschwätz entsteht über die eine oder andere großartige, ungeheure Idee, zu deren Ausführung sie sich vereinigen in unerschütterlichem Glauben an die Macht der Vereinigung, mag auch dieser Glaube ebenso wunderlich sein wie der jenes Bierzapfers, der sein Bier einen Schilling unter dem Einkaufspreis ausverkauft und doch mit Gewinn rechnet: „denn es ist die Menge, die es machen muss“.“

      „Der Einzelne“ ist die Kategorie, durch die … die Zeit, die Geschichte, das Geschlecht hindurch muss (Kierkegaard)

      Wenn „der Einzelne“ erwacht ist, dann kann er sich auch vereinen. Tut er es vorher, ist die Vereinigung ebenso unschön, als würden Kindern heiraten.

      Man stelle sich vor, dass ein Arzt von einem Konditor angeklagt würde, und eine Versammlung von Kindern in der Sache richten sollte:

      Der Konditor versteht sich kindisch auf das Leckere, das Schmeichelnde, und versteht klug, das Ungesunde wohlschmeckend zuzubereiten. Der Arzt versteht sich nur auf das Gesunde und versteht nicht einmal, dieses wohlschmeckend zuzubereiten (s. Kierkegaard, Das Buch Adler)

      Zef

      Dieser eine Mensch

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