Von Hermann Meßmer

Zu meiner Handlungsfreiheit gehört es, dass ich einen Mitmenschen verletze. Ich kann Verletzungen des Mitmenschen schlicht in Kauf nehmen, um mein Ziel zu erreichen. Ich schlage ihm mit meiner Faust ins Gesicht. Seine Nase blutet sofort. Er stützt zu Boden und bleibt regungslos liegen. Ohne weitere Informationen kann nicht beurteilt werden, ob es „richtig“, „falsch“, „gerecht“, „ungerecht“, etc. war. Dazu muss erst klar sein, welches Recht gilt. Irgendwelche Standards wie „Gewaltlosigkeit“, „Nicht-Angriffs-Prinzip (NAP)“, „Recht auf körperliche Unversehrtheit“ taugen nicht, um den Vorgang zu beurteilen. Entscheidend ist, ob es eine Vereinbarung, ein Recht zwischen mir und dem Mitmenschen gibt. Im vorgenannten Fall bin ich ein Boxer. Der Vorgang betrifft nur mich und den Mitmenschen. Wenn wir geregelt haben, dass ich jetzt auch noch eine Prämie bekomme, ist das objektiv für jeden Dritten nachprüfbar. Ob dieser Dritte die Handlung (Faust ins Gesicht schlagen) in seinem Wertemaßstab für gut oder schlecht, richtig oder falsch befindet, spielt keine Rolle. Wir sind beide Boxer und befinden uns in unserem Recht. Wir haben freiwillig unsere Handlungsfreiheiten beschränkt, indem wir uns Regelungen einer Boxvereinigung unterworfen haben.

Für den Fall, dass es sich nicht um einen Boxkampf gehandelt hat, es auch keine Vereinbarung zwischen mir und diesem Mitmenschen gibt, brauchen wir eine andere Beurteilung der Situation. Von Recht und Unrecht kann nicht gesprochen werden. Es ist nichts vereinbart.
Wenn ich jemanden angreife, ohne seine Zustimmung zu haben, ergibt sich die Frage nach möglichen Konsequenzen. Kommt es nach der Tat zu einem Konsens zwischen mir und dem niedergeschlagenen Menschen, ist der Fall erledigt. Das Recht wurde nachträglich vereinbart. Ich muss vermutlich eine entsprechende Strafe auf mich nehmen, ein Beschränkung meiner Handlungsfreiheit.
Kommt es zu keinem Konsens, wird sich mein Mitmensch, wenn er sich nicht einfach revanchiert, mit anderen unbeteiligten Mitmenschen verständigen. Diese Absprache wird den Sinn haben, seine Sicherheit zu erhöhen und meine Art der Aggression zu verhindern und zu sanktionieren. Er beauftragt andere Menschen, für seine Sicherheit Sorge zu tragen. Wie dieser Vertrag ausgestaltet ist, kann sehr individuell sein.

Die Suche nach Sicherheit, die Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses, zählt zu einem Grundprinzip des menschlichen Handelns. Aus diesem individuellen Streben nach Sicherheit entsteht eine normative Ordnung, in der ein NAP allgemein geachtet wird. Ein objektives Recht ergibt sich aber erst durch die freiwilligen Handlungsbeschränkungen der Einzelnen, die diese miteinander vereinbaren. Damit kann sich jeder selbst sein Optimum suchen. Das ist nicht die Wunschvorstellung des Einzelnen. Das Optimum ist für ihn, was er im freiwilligen Tausch mit den Mitmenschen erreichen kann. Je weiter er von der normativen Ordnung abweicht, desto teurer wird es für ihn. Zum Beispiel gibt es in einer sozialen Gemeinschaft ein Level, wann etwas als unzulässige Ruhestörung empfunden wird. Der individuelle Komfortwunsch ist bedroht. Wenn das Ruhebedürfnis deutlich höher ist als der ortsübliche Konsens, wird die notwendige Aufwendung, dieses Ruheniveau zu erreichen, aufwendiger ausfallen. Das Gleiche gilt für die Verteidigung des Ruhestörers. Wer einen Höllenlärm macht, wird erhebliche Aufwendungen haben, sich vor seiner Nachbarschaft zu schützen. Die günstigste Einigung ist der Konsens. Dabei werden die individuellen Kosten minimiert.

Es wird sich innerhalb der Familie, des Freundeskreises oder des freien Marktes eine Lösung ergeben, die dem individuellen Wunsch des Menschen am nächsten kommt. Eine körperlich schwächere Frau kann sich zum Beispiel einfach nur von ihrem Mann beschützen lassen. Sie kocht ihm dafür das Essen. Das ist der stillschweigende Konsens. Die gegenseitigen Handlungsbeschränkungen sind mit mehreren Menschen in einer Gemeinde dann so verwoben, dass eine soziale Gemeinschaft entsteht, die für den Schutz des Einzelnen schon sehr viel leistet.

Da der staatliche Schutz heute eine schlechte Durchschnittspampe für jeden ist, haben sich in einzelnen Bereichen heute entsprechende Firmen am Markt etabliert. Begrenzt wird die Angebotsvielfalt durch den Gewaltmonopolisten Staat. Diese Sicherheitsfirmen, die mit Videoüberwachung, bewaffneten Security-Leuten und Leibwächtern heute schon einen deutlich besseren, individuellen Schutz gewährleisten, zeigen ein Bild von Sicherheit als Marktprodukt, aus dem man auswählen kann.
Der Schutz vor Einbruch auf vielen Firmengeländen wird heute durch bezahlte Security-Firmen, die regelmäßig Streife fahren, gewährleistet. Dafür gibt es dann einen entsprechenden Rabatt bei der Hausratversicherung, die gegen Einbruchschäden abgeschlossen wird. Die staatliche Polizei ermittelt erst, wenn ein Einbruch erfolgte. Und stellt dann das Verfahren wegen mangelnder Hinweise ein. Den Schutzsuchenden ist damit nicht geholfen. Ihr ausgegebenes Steuergeld für ihre Sicherheit, können sie nicht zurückfordern. Sich selbst um seine Sicherheit zu kümmern, ist auch heute schon eine sinnvolle Ausgabe. Was für die Sicherheit gilt, gilt auch für die Einigung im Streitfall. Neben der staatlichen Justiz haben sich auch hier sehr einfache, aber sehr praktikable Lösungen etabliert. Das kann der einfache Schiedsrichter auf dem Fußball-Spielfeld sein oder ein vereinbartes Schiedsgericht für Wirtschaftsstreitigkeiten.

Stellen wir uns Mitteleuropa ohne Staatsgrenzen vor. Ohne staatliches Sozialsystem. Ohne staatliche „Sicherheit“. Eine Ansammlung von Menschen, die sich an ein System ohne Staatsgewalt gewöhnt haben. In dieser Gesellschaft würde die gesamte Sicherheit ein Marktprodukt sein, wie ein Fernseher, wie ein Kühlschrank. Der Kunde wählt aus, was er haben möchte. Der arme, aber große, kräftige Mensch würde für Sicherheit vermutlich nichts ausgeben. Bei ihm gibt es nichts zu holen. Er verkauft seine Arbeitskraft so teuer wie möglich, und fliegt mit dem erarbeiteten Geld lieber nach Mallorca und gibt es dort aus, als sich zuhause teure Gegenstände in seine Mietwohnung zu stellen und für ihren Schutz zu bezahlen. Gegen körperliche Gewalt kann er sich selbst, für ihn ausreichend zur Wehr setzen. Ein reicher Mensch mit teurem Häuschen und Luxusschlitten würde mehr Geld ausgeben, um für seine Sicherheit zu sorgen. Videoüberwachung, Bewegungsmelder, Leibwächter, etc. wären die Produkte, aus denen sich dieser Mensch am Markt etwas aussuchen kann. Gegen die kleinen Bedrohungen hilft die familiäre und lokale Gemeinschaft. Gegen die größeren Probleme helfen Versicherungen und Sicherheitsfirmen. Gegen Diebstahl hilft beispielsweise ein gutes und enges, soziales Netz zu seinen Mitmenschen. Das kann die preiswerteste Sicherheit sein. So ähnlich wie z.B. in den USA die Aktionen „Neighborhood Watch“. Menschen begreifen, dass ein ganz wesentlicher Teil ihrer Sicherheit eine gute Nachbarschaft ist. Heldentaten sind dazu nicht notwendig. Wer nichts mit seiner Nachbarschaft zu tun haben möchte, wird sich für teurere Lösungen entscheiden müssen. Videoüberwachung, Aufschaltung an eine Sicherheitsfirma, usw.

Welche Bedrohung von außerhalb (z.B. Osteuropa) kann es jetzt in diesem Szenario geben? Zum einen würden Armutsflüchtlinge einigen Mitmenschen Angst machen. Aber wie sieht die Lage in so einem Fall denn tatsächlich aus? Armutsflüchtlinge würden von unseren armen Mitmenschen auch nichts holen oder klauen können. Eine besondere Bedrohung ist hier nicht erkennbar.
Diejenigen Armutsflüchtlinge, die nicht arbeiten wollen, aber auch keine kriminelle Energie haben, würden nicht kommen. Es gibt keine private Rentenversicherung und keine private Krankenversicherung, die ihnen etwas bezahlen würden. Es gäbe keinen Anreiz, bei mangelndem Arbeitswillen hierherzukommen.

Diejenigen Armutsflüchtlinge, welche ohne Arbeitswillen, aber mit krimineller Energie kommen möchten, sehen sich einer reichen, verteidigungsbereiten Ansammlung von Individuen gegenüber. Wenn diese Armutsflüchtlinge nun auf die Idee kommen, ohne Konsens, dem Besitzer eines Gegenstandes, diesen (Geld, Schmuck, Auto…) einfach zu entwenden, stellen sich ihnen viele Probleme. Die Fortbewegung mit einem Auto kostet Geld. Die Benutzung von Straßen kostet Geld. Die Unterkunft auf einem Campingplatz oder sonst wo kostet Geld. Sich mit verteidigungsbereiten Menschen oder mit bezahlten Security-Mitarbeitern anzulegen, macht für einen armen Menschen keinen besonderen Sinn. Mit den wenigen, die sich trotzdem entscheiden, mittels Diebstahl zu überleben, kommt eine abwehrbereite Bevölkerung ohne große Anstrengung klar.

Arbeitswillige, friedliche Armutsflüchtlinge sind willkommen, sofern ihnen Arbeit angeboten wird und sie damit für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Sie stellen keine Sicherheitsbedrohung dar.
Macht es Sinn für einen angrenzenden Staat oder reichen Räuber oder eine Räuberbande, dieses Gebiet oder Vermögenswerte aus diesem Gebiet einzunehmen? Hier verhält es sich genauso wie heute bei den Firmen mit Security. Die Aufwendungen steigen in Abhängigkeit von Vermögenswert und Bedrohung. Jeder kann die Aufwendungen bestimmen, die seiner persönlichen Situation am angemessensten sind.

Der heutige Glaube, staatliche Sicherheit sei kostenlos und für jeden passend, verdrängt die preiswerteste Sicherheit, die Sicherheit, die ein gutes, intaktes soziales Netz darstellt. Ein individuelles Netz. Sicherheit ist nicht kostenlos und sehr individuell.

 

Recht, Sicherheit und Eigentum (Teil 1)

Recht, Sicherheit und Eigentum (Teil 3)

 

9 Responses to Recht, Sicherheit und Eigentum (Teil 2)

  1. 500ml-Freigeist sagt:

    Das ist jetzt so langsam aber auch mal echt langweilig, das Thema… betreibt Ihr eigentlich einen Sicherheitsdienst oder beabsichtigt Ihr (als Blogbetreiber) einen solchen zu gründen? OK, wohl spätestens, wenn die Rahmenbedingungen dafür nach Eurem Gusto erst mal hergestellt sind. Dafür könnt Ihr allerdings auch heute schon nach Russland gehen – da siehst’s in etwa so aus, wie Euch das auch aus diesem Text erkennbar so vorschwebt. Abgesehen von vor allem einem Oberoligarchen, der sich gleich seine fast-Privatarmee hält, und an dem halt niemand mehr dort vorbeikommt… Aber so etwas muss man dann einkalkulieren. Es gibt dann immer jemand, der noch viel mehr Geld als Du hast, und der kann Dir dann deswegen ungestrafter auf den Kopf hauen. Ne ne ne, erst wenn sich jeder einzelne Mensch mal wieder auf ein echtes Miteinander und Füreinander, für Emotion statt Konsum, Qualität statt Quantität und Liebe statt Angst entscheidet, hat die Menschheit den nächsten Evolutionsschritt geschafft. Ich kann Kant’s Kategorischem Imperativ eindeutig mehr abgewinnen als Euren Privat-Security-Phantasien.

    „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ So wird die Welt lebenswerter.

    • Thomas Leske sagt:

      Der kategorische Imperativ beeinflusst nur die Handlungen derjenigen Menschen, die ihn einhalten wollen.

      Und wenn alle Menschen sich daran halten würden, hätten auch die privaten Sicherheitsagenturen nichts zu tun. Jedenfalls bräuchten sie keine Gewalt anzuwenden.

      Mal angenommen die Bauern in der Uckermark würden eine Bürgerwehr gegen Traktordiebe gründen (was derzeit illegal ist):
      http://www.welt.de/wirtschaft/article108374773/An-der-Grenze-zu-Polen-verschwinden-Traktoren.html
      Müssten wir dann Angst haben, dass die Bürgerwehr ihre Traktoren demnächst vorbeugend am Hindukusch verteidigt, bevor die Taliban in die Uckermark einsickern?

      Außerdem kann sich ein freier Mensch im Leben auch für Konsum und Quantität entscheiden. Vielleicht ist er ungesellig und seine Angst hat ihn schon oft vor Schaden bewahrt.

    • zap sagt:

      In einer freien Gesellschaft kannst du dich mit Leuten zusammentun, die so denken wie du und ihr koennt einen Staat auf eurem privaten Eigentum gruenden, mit kategorischen Imperativ und alles was dir noch so vorschwebt.

      Ich wuerde nicht sagen, dass Russland solch ein freies Land ist, nur weil einige Oligarchen, durch Bestechung und Vetternwirtschaft den Gewaltapparat des Staates nutzen um sich unrechtmaessig Eigentum und Einfluss zu sichern und sich Konkurenz vom Hals zu schaffen. Uebrigens sieht das auch bei uns nicht anders aus, nur das wir diese Leute bei uns nicht als Oligarchen bezeichnen.

      Ich persoenlich finde das Thema wichtig: wie wuerde Sicherheit, Recht und Verteidigung in einer freien Gesellschaft aussehen und organisiert werden ?

      In vielen Diskussionen, werde ich immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen sich einfach nicht vorstellen koennen, das Recht, Sicherheit und Verteidigung Dienstleistungen sind wie z.B Transport, Medizin oder Entertainment und vom Markt, also von allen Menschen gemeinsam, am besten bereitgestellt werden koennen.

      Bei Recht, Sicherheit und Verteidigung braucht man irgendwie Zwang und eine elitaere Gruppe, sonst gibt es nur noch Mord und Totschlag, das hoert man ueberall, obwohl sehr vielen Menschen nicht klar ist, welch Gewaltpotenzial und Totalitaet solch ein Gewaltmonopol mit sich bringt … dieses fehlende Vorstellungsvermoegen und diese Angst ist der Grundstein des Bestehens jedes Gewaltmonopols.

      Die groessten Verbrechen der Menschheitsgeschichte sind immer von Gewaltmonopolen veruebt worden und obwohl, das Gewaltmonopol von Jahr zu Jahr mehr und mehr Ressourcen kostet und immer tiefer in das Leben der Menschen eingreift, wird die Gesellschaft immer ungerechter, unsicherer und aggressiver. Das wiederrum nehmen besonders Akademiker als Beweis dafuer, das Gewalt notwendig sei um vor Gewalt zu schuetzen. Was fuer eine Logik !!!

  2. Peter sagt:

    Hallo Hermann!

    Danke für Deine m.E. wirklich wichtige und großartige Artikel-Serie! Ich habe bisher zu dieser Thematik wenig gelesen, dem ich so zustimmen konnte wie Deiner Argumentation und Deinen Gedankengängen dazu! Ich möchte – ohne meine Anerkennung für diesen tollen Artikel schmälern zu wollen – dennoch zwei Gedanken mitteilen, die mir beim Lesen gekommen sind:

    Im ersten Teil ( http://www.freiwilligfrei.info/archives/5304 )schreibst Du: „Also, solange du jemanden triffst, der dir nicht zustimmt, egal, mit welchen Argumenten du ihm begegnest, solange bist Du bei einem subjektiven „Recht“.
    Dein „Recht“ wird nur zu einem objektiven Recht, wenn der andere zustimmt.“

    Im zweiten Teil schreibst Du: „Ein objektives Recht ergibt sich aber erst durch die freiwilligen Handlungsbeschränkungen der Einzelnen die diese miteinander vereinbaren.“

    Ich verstehe an diesen Stellen den Begriff „objektives Recht“ nicht. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, meinst Du damit doch gerade nicht ein objektives, sondern ein subjektives Recht, oder nicht? Ich würde ein solches „Recht“, dass durch eine Vereinbarung zwischen Subjekten entsteht (und dass diese Subjekte bindet), eher als subjektives Recht, oder noch eher als (verbindliche) Vereinbarung zwischen Menschen bezeichnen. Durch das Wort „objektiv“ entsteht für mich der Eindruck, als wäre damit ein allgmeingültiges „Recht“ erschaffen worden, was Du nach meinem Leseverständnis ja gerade verneinst, oder nicht?. Wenn Du im ersten Teil schreibst, „Dein „Recht“ wird nur zu einem objektiven Recht, wenn der andere zustimmt.“, müsste es da nicht eigentlich lauten: „…, wenn ALLE anderen zustimmen.“?
    Man könnte argumentieren, dass eine freiwillige Vereinbarung zwischen Menschen ein objektives Recht darstellt, weil andere Menschen eine solche Vereinbarung aus Respekt vor der individuellen Handlungsfreiheit und individuellen Verantwortung von Menschen als gültig anerkennen sollten (!). Mir gefällt jedoch dieses „sollten“ nicht, sowie dass dann u.a. vorausgesetzt würde, dass andere (alle anderen?) von dieser Vereinbarung Kenntnis haben, sowie dass diese Vereinbarung von allen identisch interpretiert wird.
    Man könnte auch argumentieren (und es erscheint mir so als würdest Du vielleicht diesen Weg gehen), dass sich dieser Konsens über eine Vereinbarung auf einen gewissen enger eingegrenzten Bezugsrahmen, wie z.B. ein geographisches Gebiet oder ein Friend-Of-Friend-Netzwerk Xten Grades bezieht, und demnach dann in diesem Rahmen von objektiven Recht gesprochen wird, falls ALLE in DIESEM Bezugsrahmen übereinstimmen. Ebenso wäre hier natürlich die potentiell unterschiedliche Interpretation eines solchen Konsens ein Problem für die Wortwahl „objektiv“, darüber hinaus wäre bei Änderungen innerhalb des Bezugsrahmens möglicherweise häufig undeutlich, ob ein subjektives oder ein objektives „Recht“ vorliegt. M.E. würde auch in diesem Fall ein subjektives „Recht“ entstehen, lediglich mit der Erweiterung des Kreises an Subjekten, die dies anerkennen.

    Meiner Ansicht nach würde der Verzicht auf die Benennung eines „objektiven Rechts“ und die Betonung der „freiwilligen (verbindlichen) Vereinbarung zwischen Menschen“ keinen Verlust, sondern einen deutlichen Gewinn an Klarheit und Bezugnahme auf das Individuum darstellen. Auch den gelegentlich von Anderen und z.T. unterschiedlich verwendeten Begriff „intersubjektives Recht“ halte ich dahingehend für unnötig, dass dies einfach als eine freiwillige Vereinbarung zwischen Menschen klar benannt werden kann und keine aufwendigen Definitionen erfordert.
    Eine weitere Frage ist es m.E., ob es nicht sinnvoll ist, zwischen den Menschen, die eine Vereinbarung treffen, und denen, die diese Vereinbarung anerkennen, deutlicher zu unterscheiden. Während Erstere als an diese Vereinbarung gebunden gesehen werden könnten, ist die Anerkennung dieser Vereinbarung durch andere m.E. doch als deutlich flexibler zu sehen. M.E. sind Letztere durch ihre Anerkennung einer solchen Vereinbarung zwischen den „Vertragsparteien“ nicht an diese Anerkennung gebunden, d.h. sie können problemlos ihre Beurteilung ändern, ohne dass dies m.E. einer Begründung bedürfte.

    „Der heutige Glaube, staatliche Sicherheit sei kostenlos und für jeden passend, verdrängt die preiswerteste Sicherheit, die Sicherheit, die ein gutes, intaktes soziales Netz darstellt. Ein individuelles Netz.“

    Das halte ich für den wesentlichen Punkt im Bereich der Sicherheit, jedoch auch darüber hinaus. Bei einem „System“, dass aus zahlreichen frei interagierenden Individuen besteht, kommt der Struktur der Vernetzung eine zentrale Bedeutung zu: Das Abgeschnittensein vom Netzwerk stellt eine erhebliche Einschränkung des Individuums dar. (Erkennbar ist diese starke Bedeutung dieses Netzwerks ja auch andersherum, wenn man an „Vitamin B“ und die damit verbundenen Vorteile durch neue Beziehungen denkt. Im Größeren weitergedacht, kann dies ebenso Formen eines Sozialsystems mit vermutlich deutlich besseren „Integrationschancen“ als bisher annehmen.) Daher vermute ich, dass der Mechanismus der individuellen Meidung von Individuen (in Teilbereichen oder vollständig) weitgehend andere Formen der Regulierung zumindest in den Bereichen Sicherheit und „Recht“ ersetzen kann und wird. Damit würde eine Delegation an private Richter, Sicherheitsdienste, Ver’sicher’ungen m.E. zumindest zu erheblichen Teil nicht mehr notwendig sein. Sicherheit und Gerechtigkeit würden somit weniger von „privaten Dienstleistungsunternehmen“, sondern durch individuelle Aktivitäten (Abbau bzw. Aufbau von Vernetzungen) im sozialen, ökonomischen Netzwerk erzeugt. Es erscheint mir, dass gerade die Betonung von „privaten Dienstleistungsunternehmen“ in diesen Bereichen von vielen Menschen (und in meinen Augen nicht unbegründbar) kritisch gesehen wird. Ich denke, dass gerade diese Funktionen Kernfunktionen für die Menschen selbst im Netzwerk der interagierenden Menschen sind, und dass ich persönlich die Ausübung dieser Funktionen höchstens in seltenen Fällen anderen Menschen oder gar Kollektiven anvertrauen und übertragen würde.

    Herzlichen Dank nochmal für diese beiden Artikel und Grüsse,
    Peter

    • Hermann Meßmer sagt:

      Lieber Peter,
      ich freue mich Deine sachlichen Anmerkungen zu lesen.
      Die Wortwahl ist sicherlich sehr präzise, ich hoffe aber, das der Gedanke vermittelt werden kann.
      Bei der Wortwahl „objektives Recht“ geht es mir um die Beurteilung der Handlungen der Subjekte, welche ein Recht miteinander vereinbart haben. Die Beurteilung hängt nicht von einem Subjekt ab. Es wurde ein tatsächliches, ein unabhängig von irgendeinem Subjekt stehendes Recht vereinbart. Die Erschaffung hat natürlich die Handlung von beteiligten Individuen zur Grundlage. Das Recht steht dann aber nach der Erschaffung völlig eigenständlich, unangreifbar, unabhängig von Gefühlen und Vorurteilen Dritter fest. Es ist immun gegen Wertungen, wie ungerecht, gut, böse, vernünftig, unvernünftig es ist, da in dem Recht die Wertung der vereinbarenden Individuen enthalten ist. Das Recht dient genau dazu, eine Wertung der Handlung der vereinbarenden Subjekte zuzulassen. Ob das Recht selbst einem Dritten gefällt oder nicht ist unbedeutend. Er selbst ist an den Handlungen, welche das Recht betrifft, nicht beteiligt. Das Recht dient dazu, die Handlung der vereinbarenden Individuen zu beurteilen. Das im Konsens vereinbarte „objektive Recht“ ermöglicht eine objektive Justiz.
      Dass es sich bei dem „objektiven Recht“, wie ich es hier beschreibe, um einen Vertrag handelt ist uns Voluntaristen klar. Hier stimme ich voll mit Dir überein. Aber mit Blick auf den späteren Teil „Eigentum“ ist es mir schon wichtig das Wort Recht herzunehmen, da es für die allermeisten Menschen die Grundlage für ihre Wertungen ist. „Gerecht“ und „ungerecht“ sind die Reibungspunkte in der Beurteilung von Eigentum. Nur, was „gerecht“ und „ungerecht“ ist, muß erst vereinbart werden um überhaupt objektiv werten zu können.
      Der Vertrag gilt daher auch nicht für ein Gebiet, oder für andere Menschen. Natürlich wird sich aufgrund von gleichartigen Handlungsprämissen der Menschen, z.B. soetwas wie das NAP oder das „Naturrecht“ zu einem Grundkonsens herausbilden, was nicht jedesmal mit einer neuen Bezugsperson neu aufwändig ausgehandelt werden muß. So wie wir heute Standardvertragsparagraphen kurz anlesen und sofort abhaken, weil sie „selbstverständlich“ sind, wird sich auf der Grundlage des beschriebenen „objektiven Rechts“ eine normative Ordnung herausbilden. Diese normative Ordnung stellt einen Grundkonsens dar, der „allgemein“ akzeptiert wird. Wichtig ist mir aber dabei, dass die Akzeptanz freiwillig sein muß. Wer die normative Ordnung nicht akzeptiert, kann seine individuelle Sichtweise mit seinen Vertragspartner frei aushandeln oder den anderen Subjekten schlicht aus dem Wege gehen. Das „Recht auf“ Ruhestörung wird man sich sicherlich teuer erkaufen können. Im freiwilligen Konsens. Dann wird es zu einer objektiv gerechtfertigten Handlungsfreiheit gegenüber zustimmenden Personen.
      Wenn keine Interaktion mit anderen Menschen passiert, wird auch kein Recht benötigt.
      Das wird gerne vergessen. Wenn sich zwei Menschen nicht begegnen, mittelbar oder unmittelbar, braucht es kein Recht. Wozu auch? Es sind dann keine freiwilligen gegenseitigen Handlungsbeschränkungen sinnvoll.

      Zu dem Thema Sicherheit ist die Nennung von Sicherheitsdiensten natürlich nervig. Deshalb hab ich auch das Beispiel mit der körperlich schwachen Frau und dem körperlich starken aber „armen“ Menschen gebracht. Die würden kein Geld für einen Sicherheitsdienst ausgeben. Die Einbindung in die soziale Gemeinschaft kann Schutz genug sein.

      Liebe Grüße
      Hermann

      • Hermann Meßmer sagt:

        Entschuldige bitte. Meine Wortwahl ist natürlich NICHT sehr präzise.

      • Peter sagt:

        Hallo Hermann,

        Vielen Dank für Deine Erläuterungen zum „objektiven Recht“, die mir ein besseres Verständnis Deiner Definition ermöglicht haben!

        Menschen (Subjekte) haben tatsächlich freiwillig eine Vereinbarung getroffen. Damit besteht diese Vereinbarung objektiv.

        Ich möchte versuchen, die wesentlichen und miteinander verbundenen Problemfelder aufzuzeigen, die ich bezüglich der Aufbauten auf diese Basis in dem von Dir dargelegten Ansatz sehe:

        1. Selbst wenn man davon ausgeht, dass diese Vereinbarung objektiv besteht (was in der Praxis nicht selten selbst reichlich Anlass für Diskussionen und Interpretationen bietet), kann man noch nicht daraus schliessen, welche Inhalte diese Vereinbarung aufweist. Der Text der Vereinbarung wird wohl objektiv feststellbar sein, jedoch ist es m.E. zumindest in den meisten Fällen unmöglich, die Bedeutung dieser Worte objektiv und eindeutig festzulegen. Dazu müsste m.E. jedes Wort bis ins letzte Detail definiert werden (und die Wörter der Definitionen und …), so dass zwischen den Vertragsparteien eine vollkommene diesbezügliche Übereinstimmung besteht. Die Beziehungen zwischen Zeichen und deren Bedeutung ist ein jahrhundertealtes Problem, das mindestens seit Aristoteles in der Semiotik bearbeitet wird. Man kann mit Hinblick darauf m.E. davon ausgehen, dass sowohl die jeweilig von den Vertragsparteien angenommenen Bedeutungen der Vereinbarung, als auch die von jedem Leser dieser Vereinbarung wahrgenommene Bedeutung eine unterschiedliche sein wird.
        Um es in Anlehnung an Deine Worte zu sagen: Es wurde objektiv ein Recht vereinbart, jedoch keine objektive Bedeutung dieses Rechts (,dieser Vereinbarung).

        2. Aufgrund der eben genannten Problematik halte ich es für unmöglich, dass dieses mit der Vereinbarung entstandene „Recht“ unabhängig von Anderen und deren subjektiven Einschätzungen ist. Im Hinblick auf eine „objektive Justiz“ könnte man zwar sagen, dass die Beurteilenden der Justiz zwar am Abschluss und der Erstellung der Inhalte der Vereinbarung nicht beteiligt waren, sie jedoch als ausersehene Richter in dieser Angelegenheit nach Lesen der Vereinbarung die Inhalte und die Bedeutung der Vereinbarung unvermeidlicherweise nur subjektiv feststellen und danach möglichst neutral zu beurteilen versuchen können. Somit zieht sich die Notwendigkeit der subjektiven Interpretation der Vereinbarungsinhalte auch bis in die „objektive Justiz“ hinein. Manche Vertreter von Privatrechtsgesellschaften sehen hier als praktische Lösungen des Problems z.B. Reputationssysteme oder eine ökonomische Regulierung über eine geringere Nachfrage von Richtern, die z.B. nach Ansicht der potentiellen Kunden Verträge nicht „objektiv“ erfassen und beurteilen. Diese Selektion und Anpassung der Richter durch die Zwänge des Marktes an eine marktkonforme (und in vielen Fällen sicher positive) Auffassung von „guter Justiz“ ist m.E. jedoch keineswegs gleichzusetzen mit dem Entstehen einer „objektiven Justiz“.

        3. Ein weiteres, wenn nicht gar das wesentliche Problemfeld sehe ich im Ausblenden oder gar im Ausschluss von (nicht als Richter herangezogenen) Dritten. Nach meiner Wahrnehmung beurteilen die allermeisten Menschen bewusst oder unbewusst nahezu ständig fast alle um sie herum stattfindenen Ereignisse und Gegebenheiten; sie beurteilen Handlungen anderer Menschen, sie beurteilen Risiken und Chancen, sie beurteilen Konfliktsituationen. Sie beurteilen auch Abmachungen zwischen Anderen sowie deren Einhaltung. Menschen werden m.E. nicht damit aufhören selbst zu urteilen (und auch z.T. danach zu handeln). Ich halte es für sinnvoll und naheliegend, an diesem Punkt anzusetzen und sich zu fragen, unter welchen Umständen Menschen in der Lage sind, (in jeweils ihrem Sinne) gerechte Urteile zu fällen. Für den wesentlichen Punkt halte ich hier Informationen: So wie einem Richter von beiden Seiten möglichst jeweils für sie hilfreiche Informationen bereitgestellt werden und diese durch Informationen aus dem Richter zur Verfügung stehenden weiteren Quellen ergänzt werden, wäre auch eine umfassende und durch persönlche Quellen erweiterte Bereitstellung von Informationen für andere („Nicht-Richter-„) Menschen notwendig. Auch hier gibt es bereits zahlreiche Fälle, in denen beispielsweise ohne Verwendung eines Richters und ohne objektives Recht geurteilt und gestraft wird (Boykotts und andere Formen der Meidung), oder richterlich getroffene und als Fehlurteile empfundene Urteile durch eigene Handlungen abgemildert (oder gar revidiert) wurden (beispielsweise durch Spendenkontos für Justizkosten, oder durch sonstige finanzielle und moralische Unterstützung oder Informationskampagnen, …). Basis dafür ist in den allermeisten Fällen die umfangreiche offene Bereitstellung von Informationen über die Begebenheiten. Durch die Nutzung und Festigung von „beruflichen“ Richtern entsteht die m.E. negative Neigung, den überwiegenden Teil der Informationen lediglich dem ausgewählten Richter bereitzustellen, und diese eben nicht für andere nutzbar öffentlich oder innerhalb des relevanten Betroffenkreises (Umfeld) zur Entwicklung einer fundierten persönlichen Einschätzung zur Verfügung zu stellen. M.E. ist gerade auch diese fehlende Faktenlage eine wesentliche Ursache einerseits für Vorurteile und persönlche Fehlurteile, als auch andererseits für die fehlende Reaktion von einzelnen Menschen auf Ungerechtigkeiten, die in ihrer Umgebung stattfinden.

        Grüsse,
        Peter

  3. Chris sagt:

    Statt objektivem Recht könnte man vielleicht auch von einem zwischen den Subjekten vereinbarten Recht, also einem intersubjektiven Recht sprechen, denke ich. Entscheidend ist die Vereinbarung, die das Individuelle übersteigt. Ob da tatsächlich objektiv die beste Wortwahl ist, glaube ich auch nicht. Objektiv wäre ein Recht, das sich an den Objekten des Rechts orientiert, also als den Objekten angemessen beurteilt werden würde. Dieses geschähe aber eben durch Subjekte. Objektiv ist das Recht nur für die Subjekte, die es ausgehandelt haben. Andere Subekte könnten ein anderes Recht ausgehandelt haben, sodass zwei objektive Rechte nebeneinander existieren würden. Hier zeigt sich mMn, dass es eben eher ein intersubjektives als ein objektives Recht sein muss. Ich gehe davon aus, dass es in einer freien Gesellschaft niemals ein „objektives Recht“ geben können wird.

    Den Hinweis von Freigeist finde ich auch nicht so abwegig. Sicher ist mit staatlichen Gewaltmonopolen die Gefahr der Machtwillkür immer verbunden. Desto despotischer eine Gesellschaft organisiert ist (egal ob diktatorisch oder demokratisch), desto größer ist die Gefahr des Machtmissbrauchs. Wenn rechtliche Kontrollmechanismen eingebaut sind (also effiziente Formen der Gewaltenteilung), ist diese Gefahr zwar nicht ausgeschlossen, aber zumindest etwas eingedämmt.

    Als Vorteil werden Protagonisten des staatlichen Gewaltmonopols die Gleichheit der Rechtsbedingungen für alle sehen, die in einer libertären Gesellschaft so nicht gegeben sein wird, weil ja intersubjektiv ganz unterschiedliche Vereinbarungen getroffen werden können. Es ergibt sich auch nicht das Problem, dass einem Sicherheitsdienst ein anderer gegenüber steht und es leicht zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen kann, wenn Konfliktlinien zwischen mächtigen Bündnissen in einer Gesellschaft verlaufen.

    Das Beispiel Russland zeigt mMn schon eine Gefahr, die sich bei einem ungeordneten Übergang von einer rein staatlichen zu einer privatwirtschaftlichen Ordnung ergeben kann. Wenn sich eine libertäre Gesellschaft eingespielt hat, glaube ich auch, dass die Konflikte zu bewältigen sind. Mir machen nur die Übergänge Sorgen, die nicht zu überhastet ausfallen sollten, sondern den Bewusstseinsstand der Bevölkerung entsprechen sollten. Schon manche Revolution hat ihre Kinder gefressen.

    • Mielia sagt:

      „Als Vorteil werden Protagonisten des staatlichen Gewaltmonopols die Gleichheit der Rechtsbedingungen für [ALLE] sehen, …“
      Was doch selbst auch bereits ein Aberglaube ist, oder?
      Polizisten, Ordnungsbeamte, Politiker, Soldaten, Lobbyisten…
      Oder auf anderen Ebenen vielleicht auch Mutter und Vater und Lehrer. Ungleiche Bedingungen.

      Abgesehen von den verschiedenen Gesetzen in den von verschiedenen Organisationen bestimmten Gebieten (Staaten).

      Ich weiß nicht, wäre mir da unsicher, ob ein Markt mir nicht an verschiedenen Orten eher einheitlicheres Recht bieten könnte.

      Gruß,
      Mielia

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