von Philipp A. Mende

Viele „politische Libertäre“ räumen trotz ihres politischen Engagements ein, dass ein herrschaftsloser Zustand der Optimalfall wäre. Bis dahin sei es ihnen zufolge aber nur logisch, über  h e r r s c h a f t s s c h a f f e n d e Wahlen für „Schmerzlinderung“ zu sorgen, indem SIE die eigentlich ja ungewollte Herrschaft ausüben, sprich: Bis zur gewünschten und angestrebten Herrschaftslosigkeit dürfe es also Herrschaft geben. Hier müsste eigentlich jedem sofort der erste logische Widerspruch auffallen. Es ist so, als würde man stetig weiter rauchen, um den Weg zum Ziel des Nichtrauchens angenehmer zu gestalten.

Wenn es den „politischen Libertären“ also um (im Übrigen durchaus nachvollziehbare) „Schmerzlinderung“ innerhalb der Herrschaft geht, die gleichzeitig ÜBER den Herrschaftsweg erreicht werden soll (und meinetwegen in der Vergangenheit auch hier und da bereits erreicht wurde), kann es ihnen simultan dazu logischerweise nicht ebenfalls um die  B e e n d i g u n g  der Herrschaft von Menschen über Menschen an sich gehen. Hartgesottene Politikbefürworter würden es ihnen auch nicht abnehmen und zwar zurecht. Es wäre so, als würde man die persönliche Abneigung gegenüber einer bestimmten Gruppe dadurch zeigen wollen, indem man die Einladung zu deren Grillfest wahrnimmt und dort dann verkündet, man lehne jenes Grillfest ab, während sich gleichzeitig deren Hamburger reingeschoben werden.

Sollten sich die „politischen Libertären“ also auf der einen Seite darüber im Klaren sein, dass Herrschaftslosigkeit nicht über Herrschaft erreicht werden kann, sondern ausschließlich über die konsequente  A b l e h n u n g  von Herrschaft durch den sog. „Ungehorsam“ (und dieser äußert sich nun einmal in Form des Nichtwählens), so muss die Frage erlaubt sein, WANN ihrer Meinung nach mit der Ablehnung und dem „Ungehorsam“ begonnen werden soll! Oder anders: WANN wollen sie konkret zum Ausdruck bringen, dass sie Herrschaft/Politik ablehnen? Wie gesagt: Einen Hamburger zu vertilgen und danach „Ich verachte diesen Hamburger“ zu verkünden, ist widersprüchlich und alles andere als konsequent. Also: WANN?

Nachdem weitere Dekaden des – wenn man die gegenwärtigen Entwicklungen innerhalb der EUdSSR betrachtet – vergeblichen „Schmerzlinderungskampfes“ ins Land gezogen sind? Von daher mutet es auch reichlich bizarr an, wenn immer wieder behauptet wird, Aufklärung allein genüge nicht, man müsse auch handeln (betrachte man großzügigerweise Aufklärung mal nicht als Handlung). Genau hier liegt der Hund begraben. Der Anfang vom Ende der Herrschaft beginnt eben – in diesem konkreten Fall – im NICHT-Handeln, soll heißen: der Ablehnung und damit Beendigung der TEILNAHME an ihr. Aus diesem Grund sind gewiss nicht Voluntaristen/Anarchokapitalisten die „Träumer“ oder gar diejenigen, die das Ziel der Herrschaftslosigkeit stetig hinauszögern, da sie angeblich „nur“ aufklären. Nein, im Gegenteil: Sie tun wesentlich mehr für das „gemeinsame Ziel“ als ihre angeblich „strategisch-minarchistischen Halbbrüder“. Womöglich kommen Letztere aber nach und nach darauf, dass die konsequente Überwindung des Schmerzes erstrebenswerter ist als seine dauerhafte Linderung.

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15 Responses to Schmerzlinderung oder Herrschaftslosigkeit?

  1. […] Artikel ist mir heute über den Weg geschwebt! Pure Physik “Schmerzlinderungskrampf” oder Herrschaftslosigkeit? Sollten sich die „politischen Libertären“ also auf der einen Seite darüber im Klaren sein, […]

  2. Christian sagt:

    Wenn die Alternative heißt, die Menschen im Zuge der Aufklärung als “dumme Schafe”, “einfältige Idioten” oder “dumme Roboter” zu beschimpfen, nur weil sie die Dinge scheinbar nicht so sehen können wie Du, dann unterscheidest Du Dich im Hinblick auf den Gewaltausübungsaspekt nur marginal von den politisch Libertären.

    Im Prinzip sehe ich es aber ähnlich: der politische Weg ist ein schmaler Grat mit vielen Risiken. Vielversprechender scheint mir der Weg der Aufklärung zu sein. Dieser muss aber konsequent gewaltfrei sein, möchte er glaubwürdig bleiben.

    • Apo sagt:

      „Wenn die Alternative heißt, die Menschen im Zuge der Aufklärung als “dumme Schafe”, “einfältige Idioten” oder “dumme Roboter” zu beschimpfen…“

      Keine Ahnung, warum Du inexistente Beleidigungen zitierst. Mit obigem Artikel haben sie jedenfalls nichts zu tun.

  3. Miguel David sagt:

    Das Argument des Nichtwählens enthält einen massiven logischen Fehler.
    Der Autor betrachtet politische Herrschaft binär, also ohne weitergehende Differenzierungen. Tatsächlich ist da Leben nicht nur schwarz oder weiss sondern ein Grauton der irgendwo dazwischen liegt. Dasselbe gilt auch für Herrschaft unabhängig von der Tatsache das Herrschaft über Andrere ohne deren Zustimmung unmoralisch ist. Eigentlich stellt sich die Frage ob der Weg vom Minimal- zum Maximalstaat durch Wahlen umkehrbar ist. Die Geschichte zeigt das entsprechende Veränderungen möglich sind. Diese Veränderungen erleichtern anschliessend den Umbau in eine libertäre Gesellschaft.
    Mir wäre ein vollständiger Bruch des alten Systems von jetzt auf gleich natürlich lieber, aber wie sähe der Umbau dann aus?
    Dieser Ansatz verdient wenigstens die Diskussion.

    • Nino sagt:

      Hallo,

      Welche Differenzierungen schlägst du denn beim Betrachten von Herrschaft vor?
      Eigentlich ist es doch ziemlich klar festzuhalten, dass Herrschaft mit Gewalt einhergeht und damit das NAP verletzt. Wo sind die Grautöne?

      Die Geschichte der USA hat jedenfalls gezeigt, wie ein Minimalstaat trotz allen Vorkehrung(Verfassung) sich in einen Maximalstaat einwickelt. Und das gerade weil dieser(freie Markt) einen unfassbaren Wohlstand generierte. So kann der Staat selbst bei gleichbleibender (geringer) Steuerquote immer mächtiger werden.

      • Miguel David sagt:

        die Grautöne der Gewaltherrschaft liegen z.B. zwischen Schweden und Nordkorea. Beide Staaten besitzen das Gewaltmonopol des Staates und doch unterscheiden sich die Anwendungen der Staatsgewalt wennicht im Prinzip so doch in der Praxis ganz erheblich.

    • Apo sagt:

      „Tatsächlich ist da Leben nicht nur schwarz oder weiss sondern ein Grauton der irgendwo dazwischen liegt“

      Soso. Schade, dabei dachte ich doch stets, dass das Leben in seiner auf dem NAP basierenden freien Entfaltung (also fernab von Herrschaft, politischem Zwang und brutaler Gewalt) wohl am ehesten „schwarz“ und „weiß“ zurücklassen könne. Als was bezeichnest Du denn die angebliche, politische Alternativlosigkeit? Supergrau?

      „Mir wäre ein vollständiger Bruch des alten Systems von jetzt auf gleich natürlich lieber“

      Nirgends ist die Rede davon, dass dies möglich sei.

      „aber wie sähe der Umbau dann aus?“

      Da ich kein wie auch immer gearteter Gesellschaftsklempner bin, kann ich Dir diese Frage nicht beantworten. „Umbau“ ist aber auch eine reichlich verunglückte Bezeichnung. Was hältst Du von stetigem Tendieren in Richtung Freiwilligkeit? Kannst Du damit leben? Falls ja, wäre die Absage an Herrschaft womöööglich ein guter, erster Schritt.

      Nette Grüße

    • FwF-sandman sagt:

      „Dieser Ansatz verdient wenigstens die Diskussion.“

      Klar verdient er die. Wir sind nur alle nicht soweit, weil wir uns immer noch mit dem Thema „WÄHLEN“ beschäftigen.

  4. SATAN sagt:

    Ich werde dieses Mal das erste Mal in meinem Leben nicht wählen gehen und es ist eine sehr schöne, weil befreiende Erfahrung! Ich trommle auch im Bekanntenkreis gegen das Wählen. Bisher mit schlechtem Erfolg, da die Vorurteile massiv sind. Lediglich bei meiner Frau könnte ich Glück haben, dass sie ebenfalls nicht zur Wahl geht und das obwohl sie zu meinen größten Kritikern zählt! 😉

  5. Libertarian sagt:

    Hallo sandmann,

    irgendwie werde ich aus deinen Bemerkungen zum Thema „Wählen“ nicht ganz schlau.

    Besteht fwf eigentlich nur aus Michael bzw. macht er die Themenwahl ganz alleine (nichts gegen Micha, ich find gut, was er macht)?

    Ich dachte immer ihr seid mehrere und jeder von euch kann hier andere Themen anschneiden (gerade die Vielfalt hat m.E. immer auch die Qualität eurer Seite ausgemacht)? Wieso macht das keiner mehr?

    Vielleicht geht es mich auch gar nichts an. Mich wunderts halt nur a bisserl 🙂 

    • FwF-sandman sagt:

      Im Moment macht Michael 98% der Themenwahl. Darum geht es immer nur um das Wählen.
      Mir gefällt das nicht, weshalb meine eigene Motivation sich eher auf das Kommentieren beschränkt.

      • Mielia sagt:

        Dir gefällt nicht, dass Michael fast komplett die Themenwahl in der Hand hat? Wieso änderst du nichts daran, oder bist du kein Admin?
        So wie ich deine Worte verstehe, klingt das so, als gäbe es bei euch gerade eine freiwillig freie Diktatur, mit michael als Führer.

        Hab auch schon ewig nichts mehr von Peter gehört…

        • FwF-sandman sagt:

          Doch, ich bin Admin. Ich habe nur keine Lust mehr auf die Themenwahl einzuwirken. Das habe ich lange genug versucht. Ich konzentriere mich auf den Kommentarbereich und das Forum und hoffe auf tiefergehende Diskussionen.

  6. Ferdinand A. Hoischen sagt:

    Apo, gut und zutreffend gesagt!

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