Tommy Casagrande

Vor einiger Zeit hat Robert Nef, der mich missverstanden hat, mir die Unterstellung ausgebreitet, ich spräche die Reichen moralisch schuldig, für ihr reich sein. Natürlich wäre es abzuwägen, in welchem der Fälle dies zuträfe oder nicht, aber solche Vereinfachungen liegen mir nicht, da ich mit dem folgendem Thema darauf abzielen möchte, nicht über persönliche Schuldfragen nachzusinnen, sondern sich Gedanken darüber zu machen, in welchem Kontext, Eigentum entsteht und entstanden ist.

 

Robert Nef hat behauptet, dass der Reichtum der Reichen kein Problem sei. Hier muss schon Einspruch erhoben werden, denn eine solche Aussage ist undifferenziert und neigt zur törichten Naivität. In unserem gegenwärtigen System und seit eh und je, seit es Staaten gibt, hat sich Eigentum niemals von grund auf in einem Umfeld freiwilliger Kooperationen gebildet. Da sich Herrschaft schon recht früh herausgebildet hat und schon seit langer Zeit existiert, hat sich herrschaftsloses Zeit kaum irgendwo von Grund auf entwickeln können, und wenn es das getan hätte, so wäre es durch die Eingriffe des Staates mittlerweile auch derart verzerrt, dass sich das Verhältnis von Individuum zu Individuum (wie wohlhabend es im vergleich zum nächsten wäre) niemals nachbilden lässt. Gerade, da es sich nicht nachbilden lässt, und da es aber einen Unterschied zwischen der heutigen Verteilung von Wohlstand zu einer Verteilung ohne Staat gibt, lässt sich sagen, dass dieser Unterschied, dem Staat geschuldet ist. Der Punkt der mir wichtig ist zu beachten, handelt von der Verteilung der Güter. Und da bereits die Voraussetzungen zum Erwerb von Gütern, staatlich zertifiziert, reguliert und strukturiert ist, lässt sich die gegenwärtige Verteilung durchaus aus anarchistisch-libertärer Sicht kritisieren. Und das bedeutet eine Überschneidung mit heutigen Gesellschaftskritikern des linken Millieus, die man nutzen sollte und nutzen könnte, um linksgerichtete Zielgruppen, denen die meisten Menschen aufgrund eines inneren Gerechtigkeitsempfindens nachhängen, für den Libertarismus gewinnen zu können, wenn man die Gemeinsamkeiten anspricht und dann eine exakte Analyse folgen lässt.

 

Stefan Blankertz hat gegenüber Robert Nef geschrieben: „Ich glaube, die Position von Nef geht auf David Hume zurück. Nef verwechselt m.E. jedoch sowieso zwei Ebenen: 1. Die Frage nach der Legitimität (Nachweis, dass gegenwärtige Besitzverhältnisse teilweise nichtlegitim sind und Armut fördern) – das ist eine Frage der Theorie – und 2. Die Frage nach der Transformation (soll Besitz, der illegitim zustande gekommen ist, enteignet werden?). Das ist eine Frage der Strategie.“

 

Er spricht überdies vieles weitere gar nicht an. Wer beispielsweise älter ist und in den 70ern ein Vermögen machen konnte, konnte es durch geldpolitische Weitsicht, Aktien und Gold steigern. Das können heutige nicht im selben Maße, denn die Rahmenbedingungen der Menschen haben sich geändert/verschlechtert also fehlt die Vergleichbarkeit, weil die Möglichkeiten sich geändert haben. Wer beispielsweise als Manager arbeitet profitiert vom inflationärem Geldsystem und wird reich. Andere profitieren zudem nicht von diesem Geldsystem und werden ärmer, zumal der Staat durch seine Eingriffe blöderweise den Preis für das Gut Arbeit zu hoch geflutet hat. Wer keine Arbeit hat, profitiert unter inflationären Bedingungen sicherlich nicht wie es ein Manager tut, es sei denn, dieser verspielt seine Existenz im Casino und stolziert tags darauf nackt an seinem Chef vorbei in sein Büro. Legt er das Geld widerum an, weil er sich auskennt mit Mises und Gold kauft, diversiziert er also, wird er noch reicher. Andere, deren Arbeitschancen verwehrt bleiben durch Regulation, durch Inflation ihr Lebensniveau gesenkt wird, die erhalten keinen Ausgleich für diese nie dagewesenenen Möglichkeiten. Sie fordern logischerweise mehr Umverteilung. Wer täte das nicht ? Die dann aber sowieso auch nicht wirklich in ihrem Sinne verläuft, denn eh schon wissen, zeitigen politische Lösungen noch mehr des schlechten, die sie versuchen, zu bekämpfen.

 

Weil Stefan Blankertz die „teilweise Nichtlegitimität“ anspricht, möchte ich darauf etwas sagen. Hier wird es knifflig. denn nach welcher Definition ist etwas legitim ? Es gibt m.e. 2 Modelle.

 

Modell 1: alles was nicht durch Gewalt sondern durch tausch zustande kommt.

 

Modell 2: alles was nicht in einem Kontext durch Gewalt sondern durch freiwilligen Tausch zustande kommt.

 

Ich erkenne, dass viele liberale auf Modell 1 sehen. ich bemerke, dass mir Modell 2 wichtig scheint, zu betrachten.

 

Modell 1 wäre: das jetzige System und der Dienstleister eines regulierten Berufszweiges verdient sein Geld in einer höhe, weil der Kunde weniger Wahl hat woanders hinzugehen, verglichen mit einem Zustand unreguliertem, anarchistischem wirtschaftens. In Modell 1 kommt keine Gewalt zwischen Verkäufer und Kunde vor aber systemisch liegt Gewalt vor. Der Zwang ist strukturell bedingt und nimmt mit dem Staatswachstum zu. Wie lässt sich dabei von legitimer Eigentumsverteilung sprechen ? Nur wer seine Augen vor den Strukturen schließt kann zynischerweise behaupten, dass eh niemand gezwungen sei, sein Produkt bei Anbieter A, B, C oder D zu kaufen. Wie Frederic Bastiat schon anzumerken pflegte, ist wichtig, was man nicht sieht. Die Anbieter E bis Z existieren nicht. Und dieses Fehlen verändert etwas auf der Ausgabenseite der Kunden sowohl als auch auf der Einnahmeseite von A bis D. Wenn dieser Zustand in einer anarchistischen Wirtschaft ex equo wäre, wäre er legitim, weil ihm keine strukturellen Zwänge vorlägen. Da aber die gegenwärtigen Zwänge ihre Ursache in einem Gewaltmonopol haben, zu dem es keine Alternative gibt, weil es sie nicht geben darf, muss auch die somit aufgezwungene Verteilung von Wohlstand kritisiert werden und darf nicht kritiklos verteidigt werden. Natürlich ist das Wort „Eigentum“ ein Heiligtum der Liberalen. Aber Eigentum ist gegenwärtig unter staatlichen Bedingungen entstanden und verteilt. Es ist schwierig als Libertärer dieses zu verteidigen mit dem Hinweis, dass es ohne Staat ein Menschenrecht sei. Denn wir haben nunmal einen Staat und Menschenrechte existieren auch nur in Form von Ansprüchen. Ich würde darum sagen, dass man das gegenwärtige Eigentum nicht verteidigen kann. Die Handlung der Enteigung ist zwar moralisch falsch, aber betrachtet man sich die Armen, ist ihr Ruf, nach einem Ausgleich für die Abhängigkeit vom Staat, da sie ja dessen größte Opfergruppe darstellen, zumindest nachvollziehbar. Die Verteidigung des gegenwärtig verteilten Eigentums kommt in etwa der Legitimation bestehender herrschender Strukturen gleich und setzt den Libertären auf die politisch rechte Achse. Der Vorwurf, dass Libertäre den Reichen und Mächtigen ideologisch aufsitzen würde damit zutreffen. Diese Naivität ist schlimm, weil sie nicht differenziert zwischen dem EIgentumsbegriff, der ohne Staat auskommt und dem Eigentumsbegriff, der durch den Staat geprägt wird. Insofern könnte man auch fast sagen, dass sich Eigentum nie wirklich entwickelt hat, weil es seit jeher unter verzerrten Bedingungen entstanden ist und dass die libertäre Eigentumstheorie sich lediglich auf ein abstraktes Ideal bezieht, wie sich Eigentum ohne Staat entwickeln würde und es moralisch sollte. Mehr besagt der libertäre Eigentumsbegriff leider nicht, da die Gegenwart vom Staat abgebildet wird und auch die Vergangenheit vom Staat abgebildet wurde. Der Mensch lebt schon seit Jahrhunderten im falschen. Wie kann dann darin etwas richtiges zustande gekommen sein ? Wie kann man tun, als habe die Rahmenbedingung keinen Einfluss auf den Inhalt ? Gieße ich Wasser in ein S-förmiges Gefäß, wird das Wasser sich auch nach dem S formen und nicht nach einem X. Kurz gesagt, ohne Staat wäre Eigentum, mit Staat ist es Besitz, der Eigentum genannt wird, und auf dem die Libertären aufsitzen und die tragisch naiv es somit auch nicht vermögen, größere Zielgruppen anzusprechen, die ein Ungerechtigkeitsempfinden verspüren. Der so entstehende Eindruck über „Libertäre“ steht daher auch zurecht, aufgrund dessen Naivität, als kaltherzig und mitleidslos da.

 

In meinen Augen ist es so, dass Finanzströme, Bedürfnissströme, sich ganz anders verteilen in einem Kontext aus Gewalt, und somit sich Wohlstand derart ungleich verteilt, dass aus Sicht einiger Würdenträger des Staates man mit Umverteilung reagieren muss. Und insofern sage ich bei diesem Punkt, dass jedes Eigentum, in seiner Verteilung, letztlich illegitim zustande kommt, weil wir alle in einem Kontext aus Gewalt, handeln, auch dann, wenn wir persönlich freiwillige Tauschbeziehungen pflegen. Diese Freiwilligkeit, wenn wir zu Unternehmen gehen, die uns etwas anbieten, unterliegt einem ganzen Bündel an staatlichen Eingriffen. Der letzte Akt dieses strukturell gewalttätigen Theaterschauspiels sieht nach Freiwilligkeit aus, aber die ganzen Akte davor, handelten von staatlichen Voraussetzungen die diesen letzten Akt einleiteten. Wer es sich in seinem Weltbild allerdings einfach machen will, der schaut tatsächlich nur, ob bei einem Tauschgeschäft eine Waffe im Spiel war.

 

Letztlich läuft es darauf hinaus zu unterscheiden, was ein natürlicher Zustand ist und was einen künstlichen Zustand ausmacht und hier lässt sich der Unterschied nur treffen, wenn man das Selbsteigentum anerkennt, denn ansonsten könnte man theoretisch auch behaupten, dass wenn uns unter der Erde das Gold ausgeht oder wir Menschen keine tieferbohrenden Technologien erfinden, dass das auch eine Art Gewalt sei, die uns begrenzt.

 

Deswegen muss das Selbsteigentum mit negativer Freiheit den Unterschied zwischen natürlich und künstlich definieren und dann kann man auch sagen, dass ein System dann und wann künstlich ist, wenn das Ausüben des Selbsteigentums reguliert wird. Und daraus folgt eine andersartige Verteilung von wohlstand, als wenn diese Regulation nicht wäre und insofern ist mein Standpunkt, dass jede gegenwärtige Verteilung von Eigentum auf dieser Welt ist illegitim ist und es unter staatlichen Bedingungen auch dann bleiben wird, wenn man versuchen würde, umzuverteilen oder hier und da etwas mehr Freiheit zuzulassen, weil diese Welt aus Systemen besteht, welche die Ausübung des Selbsteigentums regulieren. Und erst ein Zustand, der die Sezession von Individuen oder Gruppen zur Schaffung staatenloser Gesellschaften erlauben würde, wodurch Gesellschaft nicht erzwungenermaßen vergesellschaftet würde sondern freiwillig sich im Ausdruck des Gemeinsamen verbindet, erhielte in ihrer Verteilung des Eigentums eine Legitimität, weil man ihr durch das mitmachen wollen an derlei Strukturen das Einverständnis gäbe, dass auch die daraus resultierende Verteilungsstruktur akzeptiert sei.

Videoempfehlung:

 

18 Responses to Die Struktur für die Produktion und die Verteilung von Eigentum ist das Problem

  1. anni sagt:

    der reichtum der reichen sollte eigentlich dazu dienen ihn da einzusetzen wo er den armen unter die arme greift und nicht sich selbst noch mehr daran zu bereichern, aus diesen gründen klafft die schere immer weiter auseinander zwischen arm und reich..doch die reichen haben nicht gelernt zu teilen, im gegensatz zu denen die weniger haben, die reichen brauchen ihre ganze energie um sich an ihrem reichtum festzuhalten, aus angst ihn zu verlieren, und dabei gleitet er ihnen so durch die finger ohne das sie merken das sie die ärmsten unter den armen sind..sie sind arm im geiste….sie schaffen durch ihren reichtum eine spaltung der mesnchen herbei die sich als weniger wert ansehen und ein geringes selbstvertrauen besitzen , nur weil sie denken sie seien weniger wert..neid und hassgefühle kommen dazu, und mit der zeit bringt das keine gute energie mit sich sondern gewalttätigkeit die man überall in der welt sehen kann..der reichtum der reichen wird auch ihr untergang sein, sowie die angebliche armut der armen den ihren hervorbringt, weil durch die energien die sie dadurch aussenden immer mehr reiche und mehr arme gibt..sie verlieren dadurch aber auch beide alles..ihr gesicht., das ihr ansehen ist…..

  2. Gewaltprinzip sagt:

    Das ist ein sehr wichtiger Beitrag, weil er auf einen blinden Fleck der bisherigen Theorie aufmerksam macht und Perspektiven aufzeigt. Ich habe etwas dazugelernt. Volle Zustimmung und vielen, vielen Dank!

  3. Purmichel sagt:

    Ein wirklich interessanter Gedanke, der in der Konsequenz weitergedacht sicher Diskussionen hervorrufen wird.
    Aber – da ich davon ausgehe, dass der angestrebte gesellschaftliche Zustand der Freiheit nicht von heute auf morgen erreicht wird, kann auch die Veränderung der Eigentumsverhältnisse schrittweise und auf freiwilliger Basis wachsen. Das einzige Beständige ist ja die Veränderung!

  4. fidel sagt:

    Recht zu haben und Recht zu bekommen ist es, war Nef eigentlich sagen wollte.
    Will man dem Kreislauf des Diebstahles abbrechen, braucht man doch nur Zeit, keine Gewalt.

    Sind die heutigen „Reichen“ auf ihre Fähigkeiten angewiesen, den Reichtum zu verteidigen, verflüchtigt sich dieser rasch. Nur staatliche Hilfe, schützt diese Reichtümer. (z.B. VW Gesetz)

    Setzt diese Reichen dem Wettbewerb ohne staatl. Hilfe aus, und alles verteilt sich entsprechend den gegebenen Fähigkeiten. Das ist dann vielleicht auch nicht gerecht, aber natürlich.

  5. Mielia sagt:

    Frage an Tommy (und auch andere):
    Müssten die sezessionierten staatenlosen Gesellschaften sich abschotten von den existierenden staatlichen Strukturen?
    Müssten sie also autark sein?

    Weil, sobald sie Güter aus staatlichen Strukturen nachfragen, konsumieren, würden sie doch ebenfalls wieder teilnehmen an den auf Gewalt und Un-Freiwilligkeit bestehenden Strukturen, oder nicht?
    Andersrum genauso?: Müsste man das Anbieten von Gütern aus staatenlosen Strukturen für Menschen aus staatlichen Strukturen nicht ebenso unterlassen (um sich nicht mit Gewalt zu „infifzieren“)?

    Oder habe ich da einen Denkfehler?

    Wäre toll, wenn das beantwortet werden könnte…
    Ein Ja auf die ersten oder aber auf die letzte Frage impliziert ja durchaus so einige Konsequenzen imho.

    Gruß,
    Mielia

    • Mielia sagt:

      Sorry, ein f zu viel bei infizieren.

      Ach, übrigens, Anmerkung: Für mein Leseverständnis wäre es toll, wenn der Text nochmal Korrektur gelesen und rein sprachliche Fehler beseitigt werden könnten. (Manchmal nimmt man dann evtl. an einigen wenigen Stellen sprachliche Fehler da, die dann aber keine sind.)

      Z.B.
      „Da sich Herrschaft schon recht früh herausgebildet hat und schon seit langer Zeit existiert, hat sich herrschaftsloses Zeit kaum irgendwo von Grund auf entwickeln können, und wenn es das getan hätte, so wäre es durch die Eingriffe des Staates mittlerweile auch derart verzerrt, dass sich das Verhältnis von Individuum zu Individuum (wie wohlhabend es im vergleich zum nächsten wäre) niemals nachbilden lässt. “

      Müsste doch eigentlich heißen:
      „Da sich Herrschaft schon recht früh herausgebildet hat und schon seit langer Zeit existiert, hat sich [H]errschaftsloses […] kaum irgendwo von Grund auf entwickeln können, und wenn es das getan hätte, so wäre es durch die Eingriffe des Staates mittlerweile auch derart verzerrt, dass sich das Verhältnis von Individuum zu Individuum ([egal] wie wohlhabend es im Vergleich zum nächsten [auch] wäre) niemals nachbilden lässt. „, oder?
      (Es könnte m.E. entweder [egal] oder [auch] eingeschoben werden, oder auch beides, wobei dann eins von beidem eigentlich Füllwort wäre.)

      Gruß,
      Mielia

    • Mielia sagt:

      Noch eins.
      So wie ich das mitbekommen habe, beruft sich der Artikel auf einen Dialog, der auf freitum gestartet hat – und dort m.E. auch bereits reichlich lesbare kritische Kommentare zu beiden Seiten gefunden hat.
      Hier ist die Replik von Robert Nef:
      http://www.freitum.de/2013/08/der-reichtum-der-reichen-ist-nicht-das.html
      Wobei der zuerst erschienene Artikel von Tommy Casagrande selbstredend auch in Nefs Beitrag am Ende verlinkt ist:
      http://www.freitum.de/2013/08/uber-linken-libertarismus.html
      (Trotzdem nochmal hier.)

      Etwas für Interessierte ;-).
      Wobei das sowieso schon einigen, die sich für diese Seite interessieren, bekannt ist und (mind.) ein Betreiber der Seite auch kommentiert hat (Hauke), wenn ich das mal erwähnen darf :P.

      Gruß,
      Mielia

    • Gewaltprinzip sagt:

      Mielia: „Müssten die sezessionierten staatenlosen Gesellschaften sich abschotten von den existierenden staatlichen Strukturen?
      Müssten sie also autark sein?
      Weil, sobald sie Güter aus staatlichen Strukturen nachfragen, konsumieren, würden sie doch ebenfalls wieder teilnehmen an den auf Gewalt und Un-Freiwilligkeit bestehenden Strukturen, oder nicht?
      Andersrum genauso?: Müsste man das Anbieten von Gütern aus staatenlosen Strukturen für Menschen aus staatlichen Strukturen nicht ebenso unterlassen (um sich nicht mit Gewalt zu “infizieren”)?“

      Sehr gute Frage. Zum Scheitern verurteilter erster Antwortversuch: Könnte es sein, dass schon die pure Existenz einer staatenlosen Gesellschaft, die Zuwanderung für ausländische Anarchisten zulässt, aus der Unfreiwilligkeit des Lebens in einer etatistischen Gesellschaft eine Freiwilligkeit macht, da jeder, der will, in die Staatenlosigkeit auswandern könnte? Da aber die Eigentumsverhältnisse während der realen Existenz der Anarchie auf den Eigentumsverhältnissen vor dieser Anarchie basieren, bleibt die Unfreiwilligkeit im Hintergrund bestehen und infiziert somit jede folgende Tauschaktion. Also bliebe nur die Abschottung des Anarchokapitalismus von der etatistischen Weltwirtschaft mit den entsprechenden negativen Wohlstandsfolgen übrig.

      Um diese unangenehme Konsequenz zu umgehen und dennoch logisch konsistent und moralisch legitim zu bleiben, muss man den zugrundeliegenden Moral- bzw. Gewaltbegriff infrage stellen. Es gibt keine andere Möglichkeit. Nur wenn der Moralbegriff, der in diese Zwickmühle führt, falsch ist, gibt es einen Ausweg.

      Nun hat Hauke im Forum von freiwilligfrei auf einen Aufsatz von Norbert Lennartz hingewiesen, in dem der voluntaristische Moralbegriff in der Tradition von Hoppe eine gewisse Korrektur erfährt, die meines Erachtens auch bei unserem Dilemma hier weiterhelfen könnte. Bezeichnenderweise führen Lennartz seine Ausführungen vor die Grundsatzfrage: Was ist eigentlich Gewalt? Im Anschluss an Lennartz könnte man sagen: Gewalt ist Vertragsbrüchigkeit, die Zuwiderhandlung gegen einen Konsens. Dies ist revolutionär. Es gibt demnach nämlich keine moralisch relevante Gewalt außerhalb eines solchen Vertrags oder Konsenses. Anders formuliert: Jemanden zu töten, ist erst dann eine Vergewaltigung, wenn ich ihm oder anderen versprochen habe, ihn nicht zu töten. Ohne dieses vorgängige Versprechen liegt objektiv keine Vergewaltigung vor. Die Konsequenz für den freien Handel einer anarchistischen mit einer etatistischen Gesellschaft wäre: Wenn die Anarchisten untereinander damit einverstanden sind, dass ihre Mitglieder jetzt mit Etatisten Handel treiben, ist dies aus der Perspektive der Anarchisten auch logisch und moralisch einwandfrei. Grund für das Einverständnis der Anarchisten könnte sein, dass so ein freier Handel die beste Werbung für den Anarchismus ist oder dass dadurch ein viel größerer Wohlstand für die Anarchisten möglich ist.

      Das alles hängt natürlich an der logischen Schlüssigkeit der Prämisse „Wo kein Vertrag, da keine objektive Moral“. Haltet ihr dies für schlüssig? Schon Stirner hat ja gesagt: Ein Recht gegenüber anderen hat einer erst dann, wenn es ihm von den anderen eingeräumt wird. Und: Ein Recht ihm gegenüber haben die anderen erst dann, wenn er es ihnen einräumt.

      • Hermann Messmer sagt:

        Hallo Gewaltprinzip,

        …„Wenn die Anarchisten untereinander damit einverstanden sind, dass ihre Mitglieder jetzt mit Etatisten Handel treiben, ist dies aus der Perspektive der Anarchisten auch logisch und moralisch einwandfrei. Grund für das Einverständnis der Anarchisten könnte sein, dass so ein freier Handel die beste Werbung für den Anarchismus ist oder dass dadurch ein viel größerer Wohlstand für die Anarchisten möglich ist.“…

        Ich stimme zwar weitgehend mit Dir überein, ich halte die Argumentation aber für sehr problematisch, da Du auf eine „Gesellschaft“ abzielst, in der man als Anarchist „Mitglied“ ist, ohne dass Du die Worte Gesellschaft und Mitglied definierst. Auch der Begriff Moral ist undefiniert.
        Es reicht schlicht bei Lennartz zu bleiben. Der Konsens der Beteiligten bestimmt was Recht ist. Mehr ist nicht nötig. Wenn Anarchist A von den Etatisten was kauft, geht das keinen anderen Anarchisten was an, es sei denn, Anarchist A hat sich Anarchisten B gegenüber dazu verpflichtet, nichts von einem Etatisten zu kaufen. Dann wäre er Vertragsbrüchig, er würde gegen den getroffenen Konsens handeln. Das ging dann NUR Anarchisten A und B was an. Anarchist C hat damit nichts zu tun.
        „Gesellschaft“, „Moral“, „Mitglied“… wird nicht gebraucht. Konsens und das daraus entstehende Recht reicht.

        Liebe Grüße
        Hermann

        • Gewaltprinzip sagt:

          Stimme völlig zu. „Gesellschaft“ und „Mitglied“ sind schlechte Begriffe, um das Gemeinte zu beschreiben. Kann man für Gesellschaft vielleicht Verein sagen? Ein Begriff, den Stirner verwendet. Darin steckt das spontane Sich-Vereinigen auf Konsensbasis, bei dem ein ebenso spontanes Sich-wieder-Lösen möglich bleibt. Mitglied im Verein wäre der, der der Satzung zustimmt und aufgenommen wird. „Moral“ würde ich im Anschluss an Lennartz als Vertragstreue definieren. Aber Deine Formulierung nach Lennartz reicht in der Tat völlig aus.

      • sniko sagt:

        „Jemanden zu töten, ist erst dann eine Vergewaltigung, wenn ich ihm oder anderen versprochen habe, ihn nicht zu töten.“
        Ups, ist das nicht etwas weit von der Praxis entfernt? Was, wenn ich an Deinem schicken Fahrrad und ähnlichen Dingen interessiert bin, und deshalb keinen Vertrag abschließen mag? Ah, Du versprichst es natürlich nur allen, die diesen Konsens teilen, ja? Jeder Angriff auf Dich kommt also von jemandem, der entweder nicht in Deinem Vetrag/Versprechen inkludiert ist oder von einem Vertragsbrecher.
        Die Lennartzsche Konsenslogik ist sehr interessant und für mich schlüssiger als Hoppes Naturrecht. Ich blicke zwar nicht 100%ig durch, sehe aber zumindest meine Zweifel an der allgemeinen Logik „Aneignung durch Arbeit“ bestätigt. Die Frage aber bleibt, ob und wenn ja wie Konsenslösungen allgemein in der Praxis umsetzbar wären. Das Schöne aber ist, dass es dafür keine Pauschallösung geben muss, sondern diese immer der Situation und den Teilnehmern entsprechend gefunden werden kann.

        • Gewaltprinzip sagt:

          „Was, wenn ich an Deinem schicken Fahrrad und ähnlichen Dingen interessiert bin, und deshalb keinen Vertrag abschließen mag?“

          Leute, die den Besitz anderer ohne deren Zustimmung entwenden, werden höchstwahrscheinlich aus der wohlstandsschaffenden Gemeinschaft potentieller Vertragspartner (Arbeitsteilung) ausgeschlossen. Also haben sie ein starkes Motiv, nicht zu „stehlen“ und den Besitz der anderen als Eigentum zu respektieren. Man muss nicht für jedes Gut (Fahrrad) einzeln mit allen Verträge abschließen. Man kann Verträge ja allgemein formulieren und als Standard verwenden.

        • FwF-sandman sagt:

          „“Jemanden zu töten, ist erst dann eine Vergewaltigung, wenn ich ihm oder anderen versprochen habe, ihn nicht zu töten.““

          Nein, eine Vergewaltigung ist dann eine, wenn sie gegen den Willen des Opfers geschieht.

          • Gewaltprinzip sagt:

            Ok, aber wäre dann Notwehr oder Strafe, wenn sie gegen den Willen des Täters geschieht, nicht auch eine Vergewaltigung? Muss bei der Vergewaltigung als juristisch relevantem Verbrechen nicht ein vorheriger Konsens bzw. Vertrag bestehen?

          • Hermann Messmer sagt:

            Was als Recht angesehen wird, ergibt sich aus dem Konsens der Beteiligten.
            Gewalt kann niemals als Übereinkunft angesehen werden. Es gibt keine Möglichkeit eine Übereinkunft durch Zwang zu erreichen. Eine Übereinkunft kann nur Freiwillig sein.
            Notwehr ist somit eine Form von Gewalt. Es ist aber keine initiierende Gewalt und damit Konsensfähig. Der Konsens kann auch nachträglich erfolgen. Sollte kein Täter / Opfer-Konsens gefunden werden, so ist es doch für das Opfer möglich mit anderen Dritten einen Konsens zu finden, der eine Bestrafung des Täters ermöglicht. Der Täter wird schwerlich einen tragbaren Konsens mit anderen Dritten finden, der gegen das Opfer gerichtet ist.
            Eine interessante Überlegung: Auch dem Opfer kann es mit hoher Wahrscheinlich gelingen mit dem Täter nachträglich einen Konsens zu finden. Damit ist dann die initiierende Gewalt des Täters als Unrecht definiert und damit objektiv gerechtfertigt bestrafbar.
            Entsteht weder für die Notwehr noch für die Strafe zwischen Opfer und Täter ein Konsens, so ist es doch wichtig zu erkennen, dass das Opfer mit Dritten einen Konsens zur Bestrafung des Täters finden kann. Dadurch kommt so etwas wie eine intersubjektive Norm (oder ein Prinzip) der zulässigen Vergeltung zustande.

          • Gewaltprinzip sagt:

            Danke, Hermann. Klar kann ein Konsens auch hinterher stattfinden. Das habe ich nicht bedacht.

          • FwF-sandman sagt:

            Ich freue mich gerade über Dich und Hermann 🙂

  6. Reichtum und Armut

    „Wir werden also, bei sonst gleichen Verhältnissen, jenes Land als auf der höheren Stufe volkswirtschaftlicher Entwicklung stehend zu bezeichnen haben, in welchem der Mittelstand am meisten vertreten ist. Wo aber der Mittelstand sich in fortschreitender Auflösung befindet, dort haben wir eine direkt dem Verderben entgegenreifende Entwicklung vor uns, und zwar umso sicherer, je größer der Reichtum ist, welcher diesen Auflösungsprozess des Mittelstandes begleitet.“

    Dr. Gustav Ruhland, Berlin 1895

    Manches wird immer wieder „vergessen“; vor allem die Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz, die bisher alle Hochkulturen und Weltreiche in der Geschichte der halbwegs zivilisierten Menschheit zerstörte:

    http://www.deweles.de/files/untergang.pdf

    Wie diese „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ zu beseitigen ist, wurde bereits 1916 von Silvio Gesell beschrieben. Wer versuchte, „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ anzuzweifeln (u. a. Franz Oppenheimer und John Maynard Keynes, um nur die bekanntesten zu nennen), ist gescheitert. Zur Marktwirtschaft ohne Kapitalismus (echte Soziale Marktwirtschaft) gibt keine „Gegenargumente“, sondern nur Vorurteile,…

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/01/geldtheorie.html

    …die wiederum auf dem beruhen, was ein gewisser Karl Marx, auch wenn er als Ökonom keine Leuchte war, zutreffend als „Opium des Volkes“ bezeichnete. Und das Fatale an dieser schlimmsten aller Drogen ist, dass es keinesfalls ausreicht, sie zu ignorieren. Solange die Religion nicht erklärt und damit wegerklärt ist, bleiben wir „poor lost children of the sea“:

    http://www.youtube.com/watch?v=qNJ0fMdeWEc

    Die Erklärung findet sich im dritten der Sieben Siegel der Apokalypse:

    http://www.deweles.de/files/apokalypse.pdf

    Wenn Sie sich immer noch fragen, warum unser lieber Benedikt XVI zurückgetreten ist…

    “We’ll know for the first time:
    If we’re evil or divine – we are the LAST IN LINE!”

    http://www.deweles.de/willkommen/offene-briefe.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



FreiwilligFrei.de
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de