von Tommy Casagrande

Manch einer behauptet, dass das Gewaltmonopol einer „freien“ Republik nicht mit dem Gewaltmonopol einer „unfreien“ Republik zu vergleichen sei. Interessant wäre, zu erfahren, wie man zwischen Freiheit und Unfreiheit unterscheiden will, wenn der Zwang, sich einem Gewaltmonopol zu unterwerfen, das Fundament einer solchen Gesellschaft darstellt. Was lässt mich „freier“ oder „unfreier“ sein, wenn ich meine Möglichkeiten beide Male vom selben Ausgangspunkt, dem über mir stehenden Gewaltmonopol abstrahiere?

Freiheit und Unfreiheit sind, aus der individuellen Perspektive heraus betrachtet, lediglich relative Größen. Manch ein Mensch fühlt sich unfrei, umso mehr Möglichkeiten er hat und umso mehr Entscheidungen er treffen können muss. Manche Menschen fühlen sich in Supermärkten unfrei und unwohl. Umso mehr Wahl, desto größer ihr Empfinden, in einem Gefängnis zu leben. Beeinflussen sie dann im Namen der „Freiheit“ das Gewaltmonopol, kann das zur „Unfreiheit“ der anderen führen, die all das Vorangegangene anders empfinden. Freiheit und Unfreiheit sind, ausgehend von der individuellen Wahrnehmung der Menschen, stets subjektive Größen, die stets relativ zueinander stehen. In einem System der erzwungenen Vergesellschaftung, wie sie Minimalstaatsanhängern vorschwebt, deren Gewaltmonopol KEINE Sezession duldet, führt die individuelle Wahrnehmung darüber, was Menschen gut tut oder ihnen schadet, was sie als Freiheit oder als Unfreiheit empfinden, zur Einflussnahme auf das Gewaltmonopol, um das System derart zu beeinflussen, dass sie sich wohler fühlen. Das bedeutet aber zugleich, dass die Bedürfnisse und Wahrnehmungen anderer Menschen hintergangen werden. Ihr Wohlgefühl bleibt auf der Strecke. Die individuelle Wahrnehmung darüber, wann sich Menschen frei fühlen oder wann sie sich unfrei fühlen, kann von einem System, das auf einem Gewaltmonopol beruht, nicht für alle Beteiligten zufriedenstellend beantwortet werden.
Schon die Grundsatzfrage, ob es ein Gewaltmonopol geben soll oder nicht, bezieht sich auf individuelle Wahrnehmungen darüber, worin sich ein Mensch frei oder unfrei fühlt. Manche Menschen mögen sich frei fühlen, wenn sie organisatorische Tätigkeiten an übergeordnete Instanzen delegieren können, wenn ihre Illusion, dass ein Staat für seine Bürger aufkomme, befriedigt wird.

Aber andere Menschen widerum fühlen sich dabei unfrei. Sie fühlen sich dort frei, wo sie ohne übergeordnete Instanzen leben können.
Dem Wesen Mensch ge-Recht zu werden, bedeutet, der menschlichen Natur in seinen verschiedenen Facetten Raum zur Entfaltung zu geben. Dem evolutionärem Prinzip folgend, bedeutet dies Wettbewerb verschiedenster gesellschaftlicher Modelle auf Grundlage der permanenten Möglichkeit, die Gesellschaft wechseln zu können oder eine neue, in den Nischen der aus Ideen geborenen Gesellschaftsmodelle, zu entwerfen. Der Mensch als unfertiges Wesen, das sich stets sucht, aber selten findet, hat nicht nur das ihm innewohnende Selbsteigentumsrecht, sondern auch das Recht, als Wunder des permanenten Selbstentwurfs, sich und seine Art zu leben, stets neu zu entwerfen, mit Hinblick darauf, dass es keinen objektiven Endzustand gibt, der dazu veranlassen könnte, mit Gewalt und Zwang alle Wunderwerke der Gattung Mensch bis zu diesem Endpunkt hin zu peitschen.
Es gibt eine Objektivität und die offenbart sich in der Einsicht, dass es keinen objektiv erfassbaren Endzustand gibt, der zur Legitimation aufrufen könne, Gewalt gegen jene einzusetzen, die ohne Gewalt leben wollen.

Eine Anmerkung noch zum Schluss. Ich sehe nicht, was es für Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Gewaltmonopolen gibt. Ein Monopol auf Gewalt (das nicht freiwillig gewählt wurde und dem man auch nicht mehr entkommen kann) bleibt ein Monopol auf Gewalt. Es ist uninteressant, in welchem graduellen Ausmaß es sich zeigt. Es kann stets relativ größer oder kleiner sein, zu einem beliebig gedachten graduellen Zustand, der wiederum relativ größer oder kleiner erscheint. Nur wenn man die Freiwilligkeit, sich einem Gewaltmonopol zu unterwerfen, in Kombination mit der Freiwilligkeit, auch wieder austreten zu dürfen, akzeptiert, sind Gewaltmonopole akzeptabel und verlieren dabei zugleich das, was sie im Laufe der Menschheitsgeschichte zu Mordmaschinen hat werden lassen. Ein Monopol der Gewalt, das diese angesprochene Freiwilligkeit ablehnt – und über nichts anderes gibt die Historie der Menschheit mehr Auskunft -, ist, egal wie graduell verschieden es sein kann, ein Monopol, das nicht duldet, dass ich Gewalt über mein Leben habe. Hierbei also zu behaupten, ich sei frei, wenn ich die Gewalt abgeben müsse (und mir verboten ist zu wählen, ob ich sie abgeben will), ist ein Selbstwiderspruch. Seit wann haben Zustände, die einem übergestülpt werden, etwas mit Freiheit zu tun ? (Ein Kind ist auch nicht frei, während es plötzlich misshandelt wird. Es wird dem Kind die Misshandlung auch übergestülpt gegen seinen Willen.)

Ich bin dann frei, wenn ich selbst entscheiden darf, ob ich meine Gewalt bei mir behalte oder sie an eine höhere Instanz freiwillig abgebe. Gewalt bedeutet Lebenskraft. Es meint die Kräfte über das eigene Leben. Freiheit meint, dass ich freiwillig entscheiden kann, wem ich diese übertrage oder ob sie bei mir bleiben. Und darum meint Freiheit auch, dass jemand freiwillig entscheiden kann, in welcher Art von Gesellschaft er leben will. Darum meint Freiheit auch, dass freiwillige Vergesellschaftung die einzig echte Form von Gesellschaft darstellt und dass in einer solchen durchaus vorstellbar ist, freiwillig die Möglichkeiten zu begrenzen, ohne dass andere davon betroffen wären, die nicht betroffen sein wollen, weil sie gezwungen werden, unter diesen Zuständen zu leben. Und darum ist eine „freie“ Republik, die Sezession verweigert und sich allen aufzwingt, eine Republik „unfreier“ Menschen, die nur die „Freiheit“ haben, das, was nach Maßgabe, Wahrnehmung und Empfindung dessen, was als „Freiheit“ glorifiziert wird, gut zu finden und es zu nutzen. Dass diese Zustände aber manche Menschen nicht gut finden, sie überfordert, ihnen vielleicht Angst macht oder ihnen gar das Gefühl gibt, „unfrei“ zu sein, auch wenn klassisch Liberale das vielleicht Paradox finden, dann ist das ein Beleg dafür, dass die Gesellschaftsidee des Liberalismus oder Libertarismus keinen Anspruch auf Universalität hegen kann. Die einzige Universalität, die sich einen gerechtfertigten Anspruch erlauben kann, ist das Freiwilligkeitsprinzip. Das System ist dann egal. Egal ob Minimalstaat, BRD der 1970er Jahre, Privatrechtsgesellschaft oder die Hippie-Kommune Christiania.
Muss es nicht irgendwann jedem absurd vorkommen, wenn sich Liberale, Konservative, Grüne, Sozialisten gegenseitig bekämpfen, weil sie den Thron der universellen Auffassung von Gesellschaft besteigen wollen, nach der alle Menschen wie auf einer Tierfarm dann leben sollen? Man stelle sich vor, die Menschheit stehe symbolisch für eine Gattung in institutionellen Stallungen eingesperrter Tiere. Dann sollte dieser Zustand einen Reizimpuls lossenden, der sich in einem einzigen Appell kulminiert. Gebt das Tier frei!

„Obwohl ich mich den Minimalstaatlern und nicht den Anarchokapitalisten zurechne, gestehe ich freimütig ein, daß Letztere die besseren Argumente haben. Es ist in der Tat so, wie sie sagen: Kein Staat kann jemals ein Rechtsstaat sein. Alle Mittel, die er braucht, muß er seinen Bürgern direkt oder indirekt – und meistens gegen deren Willen, also gewaltsam – wegnehmen; er muß rauben und stehlen und somit die Grundlage allen Rechts, das Eigentumsrecht (das Recht auf den eigenen Körper, das eigene Leben und die Früchte der eigenen Arbeit) systematisch verletzen. Wie könnte er also Garant des Rechtsstaats sein? Jeder Staat ist in diesem Sinne ein Unrechtsstaat. (…) Wenn man streng logische Maßstäbe anlegt – und das sollte man gelegentlich zum Selbstschutz vor Illusionismus tun -, dann kann es einen Rechtsstaat nicht geben, weil jeder Staat durch seine schiere Existenz zum Rechtsbrecher (der Eigentumsrechte der Individuen) werden muß, um sich überhaupt statuieren zu können.“ (Roland Baader, Das Kapital am Pranger, S.50 f.)“

 

Videoempfehlung:

Tagged with:
 

15 Responses to Das Gewaltmonopol einer „freien“ Republik – Gebt das Tier frei!

  1. Nef Robert sagt:

    Der Territorialstaat und der Nationalstaat sind menschheitsgeschichtlich betrachtet relativ neue Erscheinungen. Ihre Entstehungsgeschichte beruht in aller Regel nicht auf Konsens, sondern auf Eroberung, d.h. auf „Blut und Eisen“. Dass jene Gruppe von Eroberern, die an der Macht bleiben wollte, dafür das Gewaltmonopol, die Bürokratie, die Polizei, die Armee und die Zwangsabgaben erfunden und immer mehr ausgebaut hat, ist ebenfalls historisch in verschiedensten Kontinenten und Kulturen nachweisbar. Dass sich solche Institutionen halten konnten, hängt wohl damit zusammen, dass sich doch recht viele Menschen darin relativ wohl fühlen oder einfach den Skandal, der dahintersteckt, nicht mehr wahrnehmen.. Es gibt aber auch andere Entstehungsgründe politischer Gebietskörperschaften, die tatsächlich wenigstens teilweise auf freiwilligen und einstimmigen Zusammenschlüssen oder auf gemeinsam erkämpften Sezessionen beruhen. Die Urschweiz hat sich z.B. nie als Staat bezeichnet, sondern als Eidgenossenschaft, d.h. als freiwilliger Zusammenschluss von letztlich ökonomisch und soziokulturell auf der gemeinsamen Selbsthilfe basierten Dorf- und Talgenossenschaften mit hoher Eigenständigkeit.
    Nach einer Abschaffung von zentral organisierten National- und Territorialstaaten mit Gewaltmonopol, bzw. nach einer Sezession würde das Problem der privaten Gewalt und der gewaltsamen Bedrohung von aussen nicht automatisch verschwinden, d.h. es wird weiterhin Aggressoren, Räuber, Diebe, Mörder und Betrüger geben, die man dann in einstimmig beschliessenden freiwilligen Gemeinschaften oder Versicherungsgesellschaften nach den jeweils beschlossenen Regeln sanktioniert. Ein Wettbewerb zwischen solchen vereinbarten Sanktionsverfahren mag durchaus kollektive Lernprozesse auslösen, er ist aber innerhalb eines bestimmten Territoriums doch relativ anspruchsvoll. Wenn die einen die Gewalttäter in Gefängnisse einsperren oder (wohin?) ausweisen, die andern mit elektronischen Fussfesseln operieren und die dritten psychologisch therapieren, alles in jeweils einstimmigem Konsens und auf Kosten aller derzeitigen Mitglieder der jeweiligen Zivilgesellschaftsgruppierung, so wird sich zeigen, dass eine gewisse Vereinheitlichung innerhalb eines bestimmten Territoriums nicht nur Nachteile hat und dass etwas scheinbar so Verwerfliches wie ein auf einem bestimmten Territorium gemeinsam akzeptiertes Gewaltmonopol auch unbestreitbaren Vorteile zeitigt. Die staatenlose Zivilgesellschaft mit möglichst überlappenden vielfältigen freiwilligfrei und einstimmig vereinbarten Rechts- Ordnungs- und Moralvorstellungen, die allen jederzeit die Exit-option und die persönliche und gemeinsame Sezession offen lässt, ist eine Utopie, über die man mit allen Konsequenzen nachdenken muss. Das wohl am schwierigsten zu lösende Problem ist die personelle und letztlich auch territoriale Abgrenzung der Mitgliedschaft und der Umgang mit Individuen, die gegen die freiwilligfrei geschlossenen Vereinbarungen verstossen, die vereinbarten Verträge nicht halten und die finanziellen Verbindlichkeiten nicht erfüllen. Die Lösung, die der Nationalstaat via Gewaltmonopol offeriert, ist individuums- und freiheitsfeindlich, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum diese Institution für viele Menschen immer noch so attraktiv ist. Möglichst viele kleine politische Experimente mit permanenter Exit-option sind ebenfalls eine attraktive Utopie. Aber das Problem der gemeinsamen Inklusion (Aufnahme als Mitglied) und der selbstgewählten oder erzwungenen Exklusion und das Problem der friedlichen Ab-, Ein- und Ausgrenzung und der Grenzkontrolle bleibt bestehen. Oder habe ich zuwenig kreativ dissidente Phantasie?

    • Helga sagt:

      Gefällt mir, deine Phantasie.

    • FwF-sandman sagt:

      Ich denke, Sie haben überhaupt nicht zu wenig Phantasie. 🙂

      Alles, was Sie in Ihrem Kommentar geschrieben haben, würde ich sofort unterschreiben. Auch eine Privatrechtsgesellschaft (PRG) hätte sich Problemen zu stellen. Äußere Sicherheit wäre eines, innere Sicherheit ein weiteres. Es ist Unsinn, davon auszugehen, dass auszugehen, dass es keine „bösen“ Menschen in einer PRG gäbe, wobei man sich über dieses „Böse“ ebenfalls Gedanken machen muss und zwar weitreichender, als Minarchisten es tun.
      Keiner von uns Ancaps würde es in Erwägung ziehen, morgen einen imaginären Knopf zu drücken und den Staat abzuschalten. Die meisten von uns sehen entweder ein Sezessionsrecht (wenn es schneller gehen soll) oder eine philosophische Weiterentwicklung der Menschen (dauert sicherlich viele Generationen), um irgendwann in einer Gesellschaft der Kooperation zu leben. Was heute wie eine Utopie erscheint, kann irgendwann Realität werden. Alle Dinge, die der Mensch je geschaffen hat, waren irgendwann mal Utopie.
      Völlig richtig ist, dass die Menschen Sozialismus nachfragen, weil sie wohl lieber ohne eigene Verantwortung und ohne Benutzung des eigenen Hirns durchs Leben gehen wollen. Das Menschen sich diesbezüglich ändern können, erkennen wir an Ihnen und mir. Ich zumindest bin nicht als Anarchist auf die Welt gekommen, sondern war konservativer CDU Kommunalpolitiker und der Todesstrafe gegenüber aufgeschlossen.

      Menschen können sich ändern und werden es langfristig auch. Das einzige, was notwendig ist, sind Menschen, die sich nicht beirren lassen und das Optimum fordern. Für uns ist Freiheit nicht verhandelbar. Trotzdem würden wir Minarchisten gegenüber toleranter sein, wenn diese zumindest das Ziel des Anarchokapitalismus anerkennen würden.

      • Tim sagt:

        „Ich zumindest bin nicht als Anarchist auf die Welt gekommen, sondern war konservativer CDU Kommunalpolitiker und der Todesstrafe gegenüber aufgeschlossen.“

        Ich bin als Anarchist auf die Welt gekommen, Herrschaft kannte ich damals noch nicht. Das kam erst später durch Erziehung und Beobachtung meines Umfeldes, in dem es nur die Möglichkeit des Herrschen oder beherrscht werden zu geben schien. Mittlerweise bin ich wieder Anarchist geworden.

        Als konservativer CDU Kommunalpolitiker kommen sicher nur wenige Menschen zur Welt 😉

  2. Reinhard sagt:

    Nef scheint mir den Aufsatz von Tommy „geerdet“ zu haben. Theoretisch stimme ich mit Tommy ja völlig überein: das ist einfach fantastisch – wenn es so sein könnte, fügt dann eine zweifelnde Stimme in mir hinzu. Denn in der Praxis erscheint das fast unmöglich, jegliche Gewaltlosigkeit, absolute Freiwilligkeit. Schon die Realität setzt das außer Kraft: sie steckt voller Zwänge, angefangen beim Essen-Müssen bis hin zu komplexeren Dingen wie Erwerb, Unterkunft etc. Deshalb klagt aber doch niemend die Realität an, daß sie ein Gewaltungeheuer sei? Aber allein die Diskussion hier sensibilisiert ungemein, macht wirklich erst spürbar, wie wenig selbstverständlich bestehende politische Verhältnisse sind. Den meisten Mitbürgern ist das gar nicht klar, weil sie nie darüber nachgedacht haben. Vielleicht sind Minderheiten, die sich Sanktionen ausgesetzt fühlen, dafür sensibilisierter, aufgrund ihrer Unterdrückung. Aber auch die sehen meist nicht über ihren Tellerrand hinaus: wären ihre Bedürfnisse abgedeckt, würde der Großteil von ihnen satt wie zum Verdauungsschlaf wieder einnicken. An Nef: vielleicht gibt es ja ganz fundamentale Voraussetzungen: wer einen freiwillig eingegangenen Vertrag nicht erfüllt, macht sich des Vertragsbruchs schuldig. Wer einem anderen irgendwie schadet, sei es körperlich durch Mißhandlung, sexuell durch Nötigung, ökonomisch durch Übervorteilung, hat gegen diesen Grundsatz verstoßen. ABER – jetzt kommt’s: wie soll das geahndet, zumindest eine Wiederholung verhindert werden? Braucht es hierbei keine Sanktionen und im Kontext dazu, sie auszuführen, Gewalt-Ermächtigte? Hier beißt sich die logische Katze doch auch in den Schwanz. Und eines weiß ich aus unmittelbarer Erfahrung: es gibt Menschen, die, wenn sie einmal mit einer Sauerei durchgekommen sind, das geradezu als Einladung auffassen, in diesem miesen Sinne weiterzumachen – sofern sie nicht wie auch immer gestoppt bzw. ausgegrenzt werden. Gut, man kann sich persönlich von solchen Egoisten abgrenzen. Aber geht das immer? Wenn es der Vater, der Ehepartner, der Arbeitgeber oder sonst jemand ist, von dem man existentiell abhängt? Oder wenn es einfach nur ein Schwächerer ist, den der Stärkere nicht mehr „auslassen“ will? Darum finde ich schon, daß man über Vereinbarungen nachdenken sollte.

  3. nlen sagt:

    Warum lasst ihr euch von Robert Nef einlullen? Nef ist ein liberalistischer Etatist, rechtspositivistischer Jurist, Mitglied der Mont Pelerin Society sowie der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft und Mitglied des Redaktionsbeirats von eigentümlich frei. Jede dieser Organisationen steht für die Relativierung oder Tolerierung staatlicher Gewalt.

    Dass es nach Verfall des Gewaltmonopols „weiterhin Aggressoren, Räuber, Diebe, Mörder und Betrüger geben“ wird versteht sich wohl von selbst. Aber es gäbe eben keine staatlich bezahlten mehr und kaum noch solche die privat im Dienst einer öffentlich angeordneten Gewalt stehen.

    Die restlichen Kriminellen, vergleichsweise eine geringe Zahl, werden keineswegs „in einstimmig beschliessenden freiwilligen Gemeinschaften oder Versicherungsgesellschaften nach den jeweils beschlossenen Regeln sanktioniert“ werden müssen, sondern nach den natürlichen Regeln des kooperativen Handelns behandelt. Auf die kollektiven „Lernprozesse“, die diesem Handeln entgegenstehen, möchte ich gerne verzichten, denn sie wären ein Rückfall in ein „anspruchsvolles“ Chaos von hedonistischen Rechtspositivisten, die das Wort Recht nicht einmal definieren wollen.

    Nef ist ein Seher, der euch das Unheil am Horizont herbei phantasiert, wenn er damit droht, dass die möglichen Gefahren einer Privatrechtsgesellschaft vorher bis ins kleinste Detail ausgearbeitet werden müssten. Er weiß sehr wohl, dass das unmöglich sein muss.
    Das Wort „Utopie“ macht wieder die Runde. Ein Totschläger für jede sachliche Diskussion. Für den Anarchokapitalisten ist das anarchistische Modell ein Ideal, an das man sich im Handeln orientiert und kein Gesellschaftsentwurf, der erreicht werden muss. Utopien werden von den Etatisten verfolgt. Demokratie, Recht und Rechtsstaat sind Utopien, hat es nie gegeben und wird es nie geben können. Denn es sind Ideologien, die in sich schon nicht logisch definierbar sind, geschweige denn mit der Wirklichkeit in Deckung zu bringen sind. Auch die Vorstellung eines Minimalstaat ist Utopie. Es kann keinen Staat gegen, dessen Ausmaß begrenzbar wäre, wenn sich der Staat einmal seinen systemischen Zustand selbst sucht.
    Nicht die Anarchisten sind in der Beweislast, alles „durchdenken“ zu müssen. Auf diese Spielchen der Beweislastumkehr lasse ich mich nicht ein.

  4. Nef Robert sagt:

    An nlen. :Ich respektiere und schätze konsequente Leute, die keine Kompromisse eingehen. Ich habe auch kein Problem mit Radikalkritik, mit persönlicher Verunglimpfung schon eher. Ich weiss nicht, ob wir uns kennen und schon begegnet sind, aber ich bevorzuge Argumente, die den Inhalt eines Textes betreffen und nicht die Person und deren Mitgliedschaften, die offenbar bei manchen Leuten bereits den Abwehr- und Warnreflex der Exkommunikation aus dem Kreis der Freiheitsfreunde bewirken. So gefährlich bin ich nicht, dass man vor mir und meinen Argumenten warnen müsste. Übrigens: Ich war auch Oberstleutnant in der Schweizer Armee (eine reine Defensivarmee), und habe mich dort intensiv mit Gehorchen und Befehlen und mit dem Phänomen der defensiven kollektiven Gewaltanwendung gegen potentielle kollektive Aggressoren befasst und auch über mögliche Alternativen nachgedacht. Jetzt brauchen jene, die das ein Verbrechen gegen die Freiheit und einen Verrat am Ideal der gewaltfreien freiwilligfreien Lösung von Problemen finden, gar nicht mehr weiter zu lesen.
    Ich habe stets die Meinung vertreten, dass die Beweislast bei jenen liegt, die etwas verbieten, erzwingen oder regulieren wollen, das heisst aber nicht, dass es überhaupt keine vernünftigen Gründe gibt, gemeinsame Probleme gemeinsam verbindlich, oder aufgrund von Zustimmung sogar allgemeinverbindlich zu regeln und zwangsweise durchzusetzen. Wenn ein Mörder meine Frau umbringt, will ich, dass er eingesperrt wird, nicht aus Rache, sondern als Prävention vor einer Wiederholung der Tat. Ich will ihn aber nicht in meinem Keller einsperren und lebenslänglich bewachen und versorgen. Was in diesem Fall „die natürliche Reaktion des kooperativen Handelns“ ist, weiss ich nicht, und ich mag es nicht, wenn mir jemand vorschreibt, was für mich und möglicherweise sogar für alle „natürlich“ zu sein hat. Jahrtausendelang war es in vorstaatlichen Zeiten die private Blutrache, die meist eine unendliche Kette der privat Gewalt und privat- familialen Gegengewalt verursacht hat. Ich finde das weder „natürlich“ noch kulturell sinnvoll und befriedigend. Ich will über Sanktionen lieber selbst eine Vereinbarung mit andern Gleichgesinnten treffen. Und genau so beginnt nach der Abschaffung des Gewaltmonopols dessen gemeinsame Wiedererfindung im kleineren Kreis. Das gilt in allen Fällen, in denen Menschen gegenüber andern Menschen Gewalt ausüben, gegenüber denen die Mitmenschen nur die Alternative der Duldung oder der Gegengewalt haben. Wenn ich mir Gedanken mache über die Lösung des Problems von Gewalt und Gegengewalt in einer freien Gesellschaft, so ist dies ein Grundproblem und kein „kleinstes Detail“. Den kompromisslosen Gesinnungsethikern unter den Freiheitsfreunden rate ich, doch gelegentlich auch über mögliche, wahrscheinliche und unerwünschte Folgen ihrer Ideale nachzudenken. Ich befürchte nicht, dass z. B. mit einem gemeinsam vereinbarten Strafrecht bereits die Eskalation zum totalitären Strafrechtsstaat in die Wege geleitet ist, und wenn ja, muss man sich über die Möglichkeiten der Begrenzung und Beschränkung Gedanken machen. Es gibt solche Möglichkeiten, wenn auch kein Patentrezept, und darüber muss man nachdenken, ob man sich nun als Anarchokapitalist, als Minimalstaatler oder ganz einfach als Freund der Freiheit bezeichnet. Das ist aus meiner Sicht ein Gebot der intellektuellen Redlichkeit in Verbindung mit dem Sinn für Realitäten und für mögliche Folgen (Verantwortungsethik), und kein „Spielchen“. Vielmehr spielen jene mit dem Feuer, die erwarten, wenn nur die grosse Freiheit für alle ausgerufen werde, verschwinde private Gewalt und könne damit „den natürlichen Regeln kooperativen Handels“ anheimgestellt werden. Darüber würde ich gern mehr wissen. Die Idee von den privaten konkurrierenden Versicherungsgesellschaften als Garanten und Hüter und Organisatoren gemeinsamer Sicherheit stammt übrigens von Hans Hoppe.

    • nlen sagt:

      Wenn Sie mehr über die natürlichen Regeln kooperativen Handels wissen wollen, dann haben Sie sich in die Leserrolle zu begeben.
      Was Sie schreiben, strotzt aber leider von Behauptungen, Vorurteilen und Totschlagargumenten wie folgt:

      Das Strafrecht ist eine rechtspositivistische Idee, wo die Opferentschädigung in den Hintergrund rückt und die Strafe in den Vordergrund. Im gleichen Atemzug beschweren Sie sich aber über Auswüchse von Blutrache mit dem selben Sozialcharakter. Dabei müsste man nur einen Blick in Beschreibungen von Gewohnheitsrechten verschiedener Ethnien werfen. Viele von den Kulturen wissen gar nicht, was Blutrache sein soll oder würden es abstößlich finden. Sie tun aber so als sei dies der Standardfall der Menschheitsgeschichte und erwarten im Gegenzug „intellektuelle Redlichkeit in Verbindung mit dem Sinn für Realitäten“.
      Über welche Realität reden wir dann überhaupt? Sie scheinen im Leben liberal erfahren zu sein, aber über fundierte Kenntnisse über „privates Recht“ verfügen Sie offensichtlich nicht, behandeln mich aber wie ein kleines Kind, dass mit dem „Feuer“ „spiele“ und „über mögliche, wahrscheinliche und unerwünschte Folgen“ seiner „Ideale“ nicht genug „nachzudenken“ scheint. Für wie dumm halten Sie mich?
      Aus der natürlichen Ordnung des kooperativen Handelns machen Sie den Reflex, dass Ihnen „jemand vorschreibt, was für [Sie] und möglicherweise sogar für alle “natürlich” zu sein hat.“ Ich rede dagegen nicht von Regeln, die man Ihnen vorschreibt, noch nicht mal von Regeln die in „Vereinbarung mit andern Gleichgesinnten“ neu entstehen, sondern von natürlichen, der im Handeln notwendig begründeten Regeln, die ein jeder von uns explizit oder implizit befolgt, wenn er in kooperativer Arbeitsteilung in einer Gesellschaft lebt und den Schutz der selben Ordnung in Anspruch nehmen will. Das ist für Sie aber wahrscheinlich derzeit eine Nummer zu hoch. Dazu müsste man auch mal Mises‘ Praxeologie einerseits und die Anarchokapitalisten (Tannehill, Rothbard, Friedman u.a.) andererseits bewusst studiert haben, um überhaupt eine vernünftige Vorstellung davon zu bekommen, was die da überhaupt im Sinn haben.
      Die Idee von den privaten Versicherungsgesellschaften stammt selbstverständlich nicht von Hoppe, aber der tischt sie leider überall auf, ohne zu erwähnen, dass dies nicht der Standardfall sein kann. Dies wäre sonst ein Vorschreiben einer Versicherungspflicht, die nicht benötigt wird, wenn jemand Ihnen Ihre Frau ermordet. In dem Fall würde der Mörder ja schon hart an die Kandare genommen, um wenigstens die Entschädigung zu zahlen. Wo kämen wir da hin, wenn sich die Entschädigungsleistung nun nicht am Opfer orientiert, sondern an der Moral der Übrigen (oder der Rechtsdogmatiker), die das entweder nicht interessiert oder die nur den Täter steinigen? Ein Diebstahl ist natürlich zu entschädigen. Hat der Täter sein Unrechtsbewusstsein (Einsicht) angezeigt und man nimmt ihm das ab, dann bedarf es auch keiner weiteren Strafe. In allen anderen Fällen der Uneinsichtigkeit, entfernt sich der Täter noch weiterhin von den Individuen der kooperativen Gesellschaft ernst genommen werden zu können. Beim Mord an Ihrer Frau wäre das natürlich genauso.

      • Zef sagt:

        nlen:
        >… natürlichen, der im Handeln notwendig begründeten Regeln

        BTW: Ich habe diesen interessanten Ansatz seit einigen Tagen im Hinterkopf und frage mich gerade, ob der Gestalt (anstatt Natur)-Begriff nicht vielleicht ein effektiveres Denkwerkzeug wäre.

        Ich habe „Gestalt-Logik“ und „Gestalt-Gesetze“ in der (Psycho-)Morphologie kennengelernt.

        Gestalten halten Tun und Erleben zusammen.
        Gestalt ist Konsequenz, Vermittlung, Richtungsbestimmung durch die Folge von Erleben und Tun hindurch – das meint Struktur.
        http://www.wilhelm-salber.de/

        Man würde dann etwa von der „Gestalt kooperativen Handelns“ reden – von ihrer Logik, ihren Gesetzen, ihren Konsequenzen usw.

        Dabei käme auch die „Rechtssicherheit“ nicht zu kurz: es ist leicht, den leisesten falschen Ton in einer Melodie/Gestalt direkt zu erkennen. Gestalten sind sehr real!

        Genaues Hinsehen träte an die Stelle des Schwadronierens und Ideologisierens.

        Das nur mal als kurze Skizze.

  5. Nef Robert sagt:

    An nlen: Ich halte Sie überhaupt nicht für dumm, sonst würde ich mich mit Ihren Argumenten gar nicht ernsthaft auseinandersetzen. Ein bisschen arrogant sind Sie schon, aber was soll’s, man kann das auch „gesundes Selbstbewusstsein“ nennen. Die Leserrolle, die Sie mir ans Herz legen, ist mir sehr vertraut und ich habe mich seit Jahrzehnten bzw. seit Jahren intensiv mit Ludwig von Mises, Friedman (junior und junior junior), Hans Hoppe, Roland Baader, Rothbard, Antony de Jasay, Gerard Radnitzky, und Hary Bouillon befasst. Ausser Mises bin ich mit allen persönlich bekannt bzw.bekannt gewesen und habe mit allen jahrelang einen schriftlichen und mündlichen Gedankenaustausch gepflegt. Sie mögen für mich alle „eine Nummer zu hoch“ sein, aber ich habe nie aufgehört zu fragen, was denn „natürliche, im Handeln notwendig begründete Regeln“ seien, und meine Gesprächspartner nahmen meine Fragen und Einwände (¨z. B. was heisst „natürlich“und was bedeutet „not-wendig“, d.h. welche Not wird wie gewendet?) ernst . Aus einem nicht mehr hinterfragten „Sein“, d.h. einem angeblich nicht mehr zu hinterfragenden Gegeben-Sein der menschlichen Natur kann aus meiner Sicht nicht notwendigerweise ein Sollen abgeleitet werden, d.h. der von Mises und von mir in gleicher Weise hoch geschätzte Liberalismus als Sollensordnung kann wissenschaftlich nicht bewiesen werden, weil er auf dem Bekenntnis zur Freiheit beruht. Das wertet ihn keineswegs ab, denn individuelle Bekenntnisse sind gegenüber allgemeinen Erkenntnissen nicht grundsätzlich minderwertig. Sie sind nicht im naturwissenschaftlichen Sinn „wahr“, aber sie können sich auf die Dauer in einem kulturellen und sozialen Evolutionsprozess (im Sinne Hayeks) bewähren oder eben nicht. Die „Natur des Menschen“ ist ist nicht naturgegeben, sondern von der Kultur wesentlich mitgeprägt. Mises gehört für mich zu den ganz grossen Sozialwissenschaftern des 20. Jahrhunderts, und er hat sehr viele weit verbreitete und gefährliche Irrtümer entlarvt. Wir ehren ihn nicht, wenn wir nicht den Mut haben, ihn, vor allem wegen seiner erkenntnistheoretischen Grundlagen und möglicherweise auch wegen seinem Staatsverständnis zu kritisieren. Das gilt auch gegenüber Hayek und gegenüber allen grösseren und kleineren Denker und Bahnbrecher.

    • nlen sagt:

      Komisch. Ich vertrete keine Sollensordnung. Die kooperative Ordnung des Handelns leitet sich allein aus den apriorischen Kategorien ab.

      Jede Vereinbarung und jedes bewusste Verhalten gemäß den selbst gesetzten Regeln unterliegt genauso dem Begriff des menschlichen Handelns wie jedes andere in der Ökonomie beschriebene bewusste Verhalten. Es ist daher eine logische Schlussfolgerung, dass die normativen Maßnahmen des Menschen in der von ihm gewählten Ordnung unter dem selben Begriff des Handelns zu betrachten sind.

      Das hat Mises nicht getan (und Sie machen es offensichtlich auch nicht.) Deshalb hat Mises auch nicht verstanden, dass die Justiz ein Mittel des kooperativen Handelns ist. Und Rothbard und Hoppe haben es auch nicht so verstanden, aber irgendwie geahnt und haben sich anderweitig beholfen.
      Und wenn man das nicht verstanden hat, dann ist es natürlich klar, dass man raten muss, welche Regeln die besseren sind und muss vor lauter Druss das evolutionäre Ergebnis akzeptieren.
      Solche Zweifel existieren für mich nicht, da diese Regeln nichts anders sind als apriorische abgeleitete und damit genauso logisch begründet wie alle andere Ableitungen aus allen anderen apriorischen Kategorien wie etwa in der Mathematik.

      Ob es die objektive Gerechtigkeit der Justiz des kooperativen Handelns ist oder die Mathematik – mit der Kultur hat das zum Glück nichts zu tun.

  6. Nef Robert sagt:

    Freuen Sie sich darüber, dass Sie eine Denkweise und eine Terminologie gefunden haben, die Ihnen erlaubt „die kooperative Ordnung des menschlichen Handelns“ logisch aufzuschlüsseln. Vielleicht wäre es aber vorsichtig, nicht alle, die dabei noch eine Menge offener Fragen hatten und immer noch haben, gleich als Dummköpfe zu bezeichnen, für die das alles „derzeit eine Nummer zu hoch“ ist. Für mich gibt es hinter all diesen Begriffen (Was ist Kooperation? wie entsteht Ordnung und welche?, was ist der Mensch? und was sind die Beweggründe seines Handelns und Verhaltens? usw.usf…eine Menge offener Fragen, die mit Kultur durchaus etwas zu tun haben, allerdings in einem sehr ursprünglichen Sinn (cultura, agri-cultura). Es ist mehr Ärgernis in die Welt gekommen durch Leute, die glaubten, alles zu wissen und für die gegenüber ihrem Wissen keine Zweifel mehr existieren, als durch Leute, die dies für sich selbst und für andere in Frage stellten.

  7. nlen sagt:

    1. Ich habe niemanden als Dummkopf bezeichnet, obwohl das quantitative Vorkommen, naja.

    2. Meine Terminologie entspricht ziemlich der von Mises.

    3. Alles für andere zu wissen (Demokratismus) oder alles für andere in Frage zu stellen (Liberalismus), kommt auf das gleiche raus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



FreiwilligFrei.de
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de