von Tommy Casagrande

Ich verstehe die mangelnde Toleranz von einigen Menschen nicht. Toleranz bedeutet, dass ich jemanden sein Ding machen lasse, auch wenn ich der Meinung bin, dass es Bullshit sei oder dass es nicht funktioniere. Viele Texte von mir handeln davon. Es ist eine Spielerei, sich damit auseinander zu setzen, ob etwas unter technischen Gesichtspunkten funktionieren kann und wie es funktioniert. Manche steigern sich da gerne rein. Es ist ja auch interessant. Der Punkt bleibt aber, dass libertär zu sein, den Standpunkt der Toleranz meinen sollte, welcher die Freiheit ermöglicht, sein eigenes Ding zu machen, egal ob es funktionieren wird oder nicht. Wollen Menschen freiwillig Staat machen, lasst sie. Wollen sie freiwillig weniger Staat machen, lasst sie. Wollen sie eine PRG machen, lasst sie. Wollen sie eine Hippie-Kommune gründen, lasst sie. Alles, was freiwillig geschieht, unter Bezugnahme naturrechtlicher Selbsteigentumsethik, sollte man tolerieren. Und wenn wir diese Toleranz haben, haben wir die Bedingung für Freiheit. Nur leider sehen wir, dass manche Menschen, die sich selber als libertär bezeichnen, nicht derart tolerant sind, sondern die technische Frage, (was subjektiv – ihrer Meinung nach funktioniert oder nicht funktioniert) über die grundsätzlichere ethische/moralische Frage stellen, ob Menschen ein Recht haben, sich selber zu besitzen und somit in Übereinstimmung mit ihrem eigenen Willen freiwillig zu handeln. Selbst einige selbst erklärte Libertäre lehnen diese grundsätzlichere Frage ab, weil sie der Meinung sind, dass das Recht, sich selber zu besitzen dort endet, wo sie finden, dass etwas technisch nicht funktionieren könne. Man findet diese gar nicht so libertären Libertären als Anhänger von Minimalstaatsideen. Tragisch daran ist, dass ein Minimalstaat eine gute Idee wäre, so lange sie nicht für alle Menschen absolut gesetzt wird.

Dazu 2 Illustrationen:
Das wäre so, als würden die Autobauer von Mercedes behaupten, man müsse die Menschen mit Gewalt davon abhalten, Trabbis bauen und fahren zu dürfen. Der individuelle Geschmack, wählen zu können, was man möchte, darf nicht wichtiger sein als die Frage, welches Auto besser funktioniert. Man könnte das auf alle Güter umlegen. Die Gründe, gegen die Freiwilligkeit zu sein, ließen sich auch gegen den freien Markt anführen, womit die Widersprüche dieser selbst erklärten Libertären ja noch vielfach größer würden.
Oder noch ein Beispiel.
Auf einer Baumwollplantage wäre den Afroamerikanern die Freiheit mit der Behauptung vorenthalten worden, dass man sich nicht vorstellen könne, wer dann die Wolle pflücke und wie diese Sklaven dann ihr Leben in Freiheit bewerkstelligen wollten. Vielleicht gab es tatsächlich vereinzelte Versuche, die Sklaverei in den Südstaaten der USA einst somit länger aufrecht zu halten.
Die selbe Art von Argumentation trifft uns bei manchen selbst erklärten Libertären, wenn sie wie die übelsten Etatisten zu argumentieren versuchen, dass zu „unserem“ Besten, aufgrund technischer Mängel, wir kein Recht auf Freiheit hätten. Ein Recht auf Freiheit gibt es nur für Systeme, die als funktionstauglich bewertet werden, so ihre Meinung. Und dass den Menschen zu ihrer Individualität auch individuelles Bewerten eigen ist, da es ansonsten auch nicht das Phänomen der Preise gäbe, wird rücksichtslos unterschlagen. Sich funktional im Sinne der größtmöglichen Effizienz danach zu verhalten, was funktioniert, ist analog zu der Argumentation, dass man sich in dem Sinne moralisch verhalten solle, indem man tut, was einem befohlen wird, obwohl kein moralisches Verhalten sich entwickeln kann, wenn man nur das tut, was einem gesagt wird, dass man tun soll, da Moral aus der inneren Überzeugung erwächst, die zu ihrer Bedingung die Freiheit benötigt, sich auch unmoralisch verhalten zu können.

Außerdem steckt in der Argumentation, sich einem System unterzuordnen, eine Entmenschlichung, respektive eine Entfremdung des Menschen von seinen Bedürfnissen, da die Menschen sich nach der Funktionstauglichkeit des Systems zu verhalten haben. Die oft gehörte Klage, „das System solle für die Menschen da sein und nicht der Mensch für das System“, würde wie all zu oft ignoriert und das System wird zum Fetisch der einen und da es mit Zwang einhergeht, sich dem Fetisch unterzuordnen, wird es zum Faschismus für die anderen.
Das Gute wird stets zum Übel, wenn dahinter ein Zwang und eine Gewalt steckt, da der Mensch auf den Anreiz der Gewalt, die seine natürlichen Verhaltensweisen korrumpieren, auf die seine Weise reagieren wird. Da Leben organisch ist, verlieren Systeme, hinter denen Zwang steckt, da Zwänge zur Starrheit verkommen und dem organischem Prinzip des Lebens widersprechen.
Würden die Menschen das Freiwilligkeitsprinzip anerkennen und lernen, Toleranz zu üben, dann würde die Menschheit einen Schritt hin zu einer Verbesserung der Welt machen. Wer sich aber sträubt, Toleranz zu üben und Andersartigkeit zuzulassen, wer also meint, das müsse man mit einem Gewaltmonopol unterdrücken, der widerspricht der Freiheit. Und wenn er behauptet, für Freiheit zu sein, aber diese Toleranz nicht aufbringt, so widerspricht er sich selbst.
Der Kosmos und das Leben im Universum haben sich allerdings nicht aus einem Selbstwiderspruch entwickelt.

 

Videoempfehlung:

 

 

17 Responses to Keine Freiheit ohne Toleranz (Antwort auf Benesch und Boehringer)

  1. BNU sagt:

    Auf den Punkt gebracht.
    Man hat manchmal echt das Gefühl, dass manche „Libertäre“ einen Voluntaristen am liebsten an die Wahlurne zwingen würden.

  2. Hermann Messmer sagt:

    Die Problematik liegt auch in dem Fremd-Menschenbild des bösen Wolfes und dem Sicherheitsbedürfnis dieser lieben netten Minimalstaatler.
    Sie wollen selbst Freiheit erleben, aber möchten doch die anderen Menschen derartig limitieren, dass diese von einem Minimal-Staat kontrolliert werden, so dass die eigene Freiheit beschützt wird. Auch auf Kosten der Freiheit der anderen Menschen. Die entstehende eigene staatliche Begrenzung und Bevormundung wird nicht als Einschränkung der Freiheit verstanden, sondern als eine Art akzeptable Versicherungsprämie.
    Angestrebt wird ein System, dass keine physische Gewalt gegen einen selbst erwarten lässt, bzw. diese bestmöglich aktiv verhindert. Der Witz daran ist, dass dieser Wunsch nach Gewaltlosigkeit gegen einen selbst, durch die Unterstützung eines Gewalt-Systems erreicht werden soll in das jeder Andere gefangen genommen wird. Zwang über andere Menschen wird billigend in Kauf genommen, damit das eigene Sicherheitsbedürfnis befriedigt wird.

    Was diese Menschen nicht verstehen wollen: Die eigene Freiheit, das eigene Sicherheitsbedürfnis, darf niemals zu Lasten der Freiheit anderer Menschen gehen.

    Würden die „libertären“ Minimalstaatler die Freiheit der anderen akzeptieren, was sie angeblich ja tun, würden Sie Sezession fordern und sich dann den Minimalstaat wünschen. Die Reihenfolge ist entlarvend! „Libertäre“ Minimalstaatler könnten Ihren Minimalstaat oder alle anderen „Versicherungsformen“ nach dem Sezessionsrecht problemlos freiwillig machen. Solange sie die Gefangennahme der Andersdenkenden mit ihrem Stimmzettel aber zuallererst billigend in Kauf nehmen, solange möchte ich feststellen: Sie haben den Gedanken der Freiheit nicht verstanden.

  3. Peter Boehringer sagt:

    „Ich verstehe die mangelnde Toleranz von einigen Menschen nicht. Toleranz bedeutet, dass ich jemanden sein Ding machen lasse, auch wenn ich der Meinung bin, dass es Bullshit sei oder dass es nicht funktioniere. Viele Texte von mir handeln davon. Es ist eine Spielerei, sich damit auseinander zu setzen, ob etwas unter technischen Gesichtspunkten funktionieren kann und wie es funktioniert. Manche steigern sich da gerne rein.“

    Lieber Tommy C. – hättest Du es doch gleich gesagt, dass alles hier nur „eine übersteigerte Spielerei“ oder gar (vermutlich) „nicht funktionierender Bullshit“ ist. Wir hätten uns viele Debatten erspart – die hätten dann gar nicht erst begonnen.

    Spielkinder sollte man NATÜRLICH spielen lassen. Wer von uns hätte da je widersprochen oder wäre DANN „intolerant“ ihnen gegenüber…? Dumm nur, dass die Spielkinder sich hier
    a) VÖLLIG anders gerieren
    b) fanatische und durchaus intolerante Wortwahl gegenüber jedem üben …
    c) … der euch nicht etwa die totale utopische Freiheit absprechen will…
    d) … sondern schlicht und bescheiden darauf hinweist, dass ihr eine künstlich-utopische und niemals irgendwo erfolgreich getestete Anarchie für alle propagiert …
    e) … eine mit nicht unerheblichen Kollateralschäden – würde sie je umgesetzt.

    => Was an diesem Hinweis „intolerant“ [wahlweise auch „als ‚konsequenzialistisch‘ abzulehnen“ ] sein soll, erschließt sich wohl nur Leuten, die sonst nie in ihrem hochtheoretischen und (auch wenn es immer wieder bestritten wird) ahistorischen, abiologischen, apsychologischen, a-ethymologischen und sogar amilitärischen (van Crefeld als Kronzeuge gegen böse Machtkonzentrationen / feindselige Stämme, absurd…) Elfenbeinturm gestört werden.
    => Hinweise sind keine intoleranten Vorgaben! Wenn ihr nur „spielen“ wollt, so what? Dann bleibt im Sandkasten.

    Alex und ich wurden (übrigens unabgesprochen) nur deshalb nach vielen Jahren mal wieder auf die ACs aufmerksam, weil ihr uns in diese synthetische Debatte mit aller Gewalt reingezogen habt. In meinem Fall durch inzwischen 4 (!) mehr oder weniger abwegige Artikel oder deren Vertonungen mit hochpersönlicher Namensnennung in der Überschrift und/oder mit beleidigender Wortwahl vom ‚Stazi‘ bis zum ‚Schwachsinnigen‘ oder zu sehr elaborierten ‚Das ist Quatsch‘-Vorwürfen. Spielerei? Intelligente Spielerei?? Gar tolerante Spielerei??? Nun, höchstens eine sehr infantile. Auch ist die Annektion Österreichischer Gedanken durch die ACs angesichts der Quellenlage ex Rothbard einfach nur abwegig. Hoppe ist in seiner Marktverteidigung durchaus noch Österreicher – aber nicht mehr in seinen Staats-ablehnenden Anarchie-/PRG-Utopien.

    Ich VERSTEHE das alles zwar unter dem Aspekt „lass doch mal was abgreifen von den Hunderttausenden an Clicks und googlebaren Spiegelungen des Goldseitenblogs und von recentr“ – und damit ein wenig Frischluft und neue Leser einsickern in die FWF-Kammer, wo leider die selbstreferentielle Nichtstaats-Luft steht mangels frischer, ausgegorener, realitätsbestehender Gedanken seit Rothbard´schen Zeiten .

    Jedenfalls kann ich (für Alex spreche ich nicht), kann nur jedem raten, einmal unvoreingenommen die diversen Repliken von Alex und mir zu lesen *). Intolerant ist daran gar nichts – wir haben nur den aus logischen, menschlichen und machthistorischen Gründen utopischen UND (Molineux) umerziehenden und eben auch potenziell (falls je umgesetzt) bürgerkriegsbefördernden Charakter der vollanarchischen Gesellschaft (nun xmal hier erklärt) aufgezeigt. Widerlegen konntet ihr wenig bis nichts (und im Zweifel liegt auch die Beweislast des friedlichen Funktionierens von Utopien beim Behauptenden!) – auch wenn einige es vehement und geradezu hysterisch und mit unfassbarer intellektueller Arroganz des angeblich philosophisch Überlegenen versucht haben. Und da ihr es als erklärtermaßen „Spielende“ auch gar nicht ernsthaft WOLLT, ist es nun Zeit, euch hier wieder euch selbst zu überlassen. Ich jedenfalls werde mir nicht die Mühe machen, an eurer völlig falschen „Spiel“-Front auf alles einzugehen, was in den letzten Tagen hier und an vielen anderen Stellen (die FWF’ler sind ja überall aktiv – meist anonym) an arrogantem und selbstüberzeugtem Geblubber auf uns eingeschlagen wurde. Nutzt bitte eure überschüssige Energie gegen den Wahnsinn der vollpolitisierten Gesellschaft. Bei 10% Minimalstaat sprechen wir uns wieder. Vermutlich leider erst nach dem Crash – den ihr ja geradezu herbeisehnt – nicht ahnend, dass danach zwar (kurz) vielleicht die ersehnte Anarchie herrschen wird – aber KEINESFALLS die paradiesische gewaltfreie PRG. Das sind alles Luxusdebatten des fetten (seit 2000 verlängerten) Kondratieff-Spätherbstes. Bis etwa 2005 habe ich diese theoretischen Debatten in Foren noch selbst geführt mit naiven Fehl-Annahmen zur üblen Machtnatur der Kräfte des kollektiven Falschgeld-Bösen, die hinter den heute offen pervertierten Parlamentspolitiken stecken. Ihr verteidigt hier ungewollt diese Perversionen courtesy of fractional banking. Selbst im Elfenbeinturm könnte man im unvermeidlichen Crash des Falschgelds dann umkommen – denn dieser Luxusturm der reinen, konsequenten (wenn auch unrichtigen) Gedanken wird im 9/11 des Falschgeld-Crashs mit einstürzen.

    Wenn die geneigten Leser hier wenigstens die unten verlinkten drei Artikel *) lesen, dann bitte dabei im Hinterkopf behalten, dass Alex und ich nicht „intolerant“ sind, sondern schlichtweg (und wie gefordert in eurem Sinne hoch akademisch!) aufzeigen, was die wahre Natur – nun … der NATUR ist. Ihr kämpft/“spielt“ NICHT GEGEN UNS!! Wir sind nur die Boten. Ihr argumentiert gegen die Natur des Menschen. Und UMERZIEHUNG eben dieses Menschen ist die zwingende Notwendigkeit, wenn man nicht nur „argumentieren“ („spielen“), sondern ernsthaft etwas erreichen will. Dann KÄMPFT man gegen die Natur. Tausende von Macht-Psychopathen haben das schon versucht. Alle haben verloren. Aber auf dem Weg dahin gab es hunderte Millionen Tote. Wenn ihr das NICHT wollt, dann bleibt BITTE beim „Spielen“. Rhetorische Abrüstung gehört dazu. DANN gibt es auch keinerlei Grund zu Aggressivüberschriften, persönlichen Angriffen schon in den Überschriften und martialischer Bebilderung! Führt euren Kampf für Markt und Freiheit. Und lasst uns den gleichen Kampf auf unserem Weg führen.

    Tolerante und freiheitliche Grüße, PB

    *)
    http://recentr.com/2013/07/die-sicherheit-in-der-privatrechtsgesellschaft-nach-hoppe-unter-realen-bedingungen-teil-3/
    http://recentr.com/2013/07/die-sicherheit-in-der-privatrechtsgesellschaft-nach-hoppe-unter-realen-bedingungen-teil-4/
    http://recentr.com/2013/07/die-sicherheit-in-der-privatrechtsgesellschaft-nach-hoppe-unter-realen-bedingungen-teil-5/

    • isomorph sagt:

      Hallo Herr Boehringer,

      Ich schätze einige ihrer Artikel sehr, doch möchte ich Sie fragen:

      Wie kann etwas „bürgerkriegsbefördernden“ Charackter haben, was keinerlei Herrschaft über irgend jemanden ausübt ??? Ich komme nicht drauf.

      Fwf und Molyneux möchten im Gegensatz zu ihnen auch niemanden umerziehen, sondern bilden. In zig Beiträgen haben fwf und Molyneux erklärt, warum „erziehen“ generell kontraproduktiv ist. Weil es der Selbstbestimmung hinderlich ist.

      Unfassbar Arrogant empfinde ich es, alle Beiträge auf fwf als nichts bis gar nichts belegend zu bezeichnen, als wäre Logik nicht deren Maasstab, sondern nur ihrer, Herr Boehringer.

      Wo ich ihnen jedoch recht gebe ist, das es vielleicht besser gewesen wäre, erst gar nicht auf Benesch`s Lügenparade über Molyneux und Ayn Rand und nun auch Hoppe zu reagieren, auf seine von der Linken 1:1 übernommenen Argumente, und ohne dabei die anti-linken Botschaften Molyneuxs und Rands auch nur zu erwähnen. Als libertär kann er sich damit eigentlich nicht mehr bezeichnen, auch wenn er das bestimmt trotzdem noch macht, wenn er das wichtigste Buch aller libertären weltweit und damit den Libertarismus generell, auf diese Weise, genau wie die Linken weltweit, schlecht macht. Alex ist jetzt halt auch wieder Links? Wat solls, nicht mein Salat, ich hätte einfach Danke für die Verbreitung gesagt.

      liebe grüsse
      iso

      • PB sagt:

        Nur kurz als AW auf eine Ihrer Frage; bei den anderen Punkten haben Sie zT recht – aber es geht da auch um Geschmacks-, Stil- und Einschätzungsfragen („Wo fängt Erziehung an und hört Überzeugungsarbeit auf?“ – und da habe ich nur die hier eigenen, SEHR strengen voluntaristischen Maßstäbe angelegt – nach denen man sich hier und bei Molyneux eindeutig erzogen fühlt; alleine schon wegen der apodiktischen und zT drohenden Tonlage – auf die ich hier nur adäquat RE-agiere):

        Ihre Frage also: „Wie kann etwas “bürgerkriegsbefördernden” Charakter haben, was keinerlei Herrschaft über irgend jemanden ausübt ??? “

        => „Charakter“ bedeutet nicht „Vorsatz (den natürlich niemand unterstellt!). Und den bürgerkriegsbefördernden CHARAKTER der AC-Lehre hat für mich durchaus überzeugend Alex Benesch im oben schon verlinkten Artikel erläutert (ab dem Absatz „Welcome to the jungle“):
        http://recentr.com/2013/07/die-sicherheit-in-der-privatrechtsgesellschaft-nach-hoppe-unter-realen-bedingungen-teil-5/

  4. Zef sagt:

    >Es ist eine Spielerei, sich damit auseinander zu setzen, ob etwas unter technischen Gesichtspunkten funktionieren kann und wie es funktioniert.

    Der Mensch ist schliesslich keine Dampfmaschine.

    Stets ist der Schluss von der logischen Idee zur faktischen Existenz ein Gedankenbetrug.

    Aus etwaigen „Beweisen“ folgt daher für mich höchst wenig, aus der leidenschaftlichen Liebe zum „Freiwillig-Freien“ hingegen folgt für mich alles.

    Der „Liebes-Sprung“ in die Freiheit hat zur Konsequenz, dass man dann auch in der offenen Dialektik der Freiheit in eine unvollendete Zukunft hineinschreiten muss.

    Das ist nicht jedermanns Sache; muss aber auch nicht. Die Hausgans darf Hausgans sein. Aber sie betrügt, wenn sie sich als Wildgans ausgibt.


    „Alles Werden geschieht durch Freiheit“ (SK)

    • Zef sagt:

      „Es war einmal eine Wildgans. In der Herbstzeit, als der große Zug bevorstand, bemerkte sie die zahmen Gänse. Sie fasste Zuneigung zu ihnen; es schien ihr, daß es eine Schande sei, von ihnen weg zufliegen; sie hoffte, die zahmen Gänse für sich zu gewinnen, so dass sie sich entschließen könnten zu folgen, wenn der Schwarm davonflog.

      Zu diesem Zweck suchte sie auf jede Weise mit ihnen in Berührung zu kommen, suchte sie zu verlocken, sich ein wenig höher und dann noch ein wenig höher zu erheben, in der Hoffnung, dass sie möglicherweise dem Schwarm folgen könnten, befreit von diesem erbärmlichen Leben der Mittelmäßigkeit, auf dem Erdboden als respektable zahme Gänse herumzuwatscheln.

      Anfangs fanden die zahmen Gänse das sehr unterhaltsam; sie mochten die wilde Gans gern. Aber bald wurden sie ihrer müde, sie gaben ihr scharfe Worte und verlachten sie als eine phantastische Närrin ohne Erfahrung und ohne Klugheit.

      Leider aber hatte die wilde Gans sich so tief mit den zahmen Gänsen eingelassen, dass sie Gewalt über sie hatten, daß ihre Worte für sie wichtig wurden. Das Ende der Geschichte war, dass aus der wilden Gans eine zahme Gans wurde.

      In gewissem Sinn kann man ja sagen, daß, was die wilde Gans tun wollte, sehr hübsch war, aber trotzdem war es ein Irrtum; denn – das ist die Regel – eine zahme Gans wird niemals eine wilde Gans, aber eine wilde Gans kann sehr wohl eine zahme Gans werden. Wem das, was die wilde Gans tat, irgendwie lobenswert vorkommen könnte, der sollte vor allem auf eine Sache achten: auf Selbstbewahrung.

      Sobald du merkst, daß die zahmen Gänse beginnen, Macht über dich zu gewinnen, dann fort! fort und weg mit dem Schwarm! damit es nicht damit endet, dass du eine zahme Gans wirst, die mit ihrem jämmerlichen Los glückselig zufrieden ist“ (Sören Kierkegaard).

  5. sniko sagt:

    Wohl gesprochen!
    Auch mir geht die Selbstzerfleischung nichtangepasster Splittergrüppchen gewaltig auf die Nerven. Das gilt nicht nur für Voluntaristen und Libertäre, sondern scheint ein allgemeiner Trend der „Andersdenkenden“ zu sein. Sobald ein Grüppchen droht, echt handlungsfähig zu werden, zerstreitet man sich daran, an welchem Ende das Liliputanische Ei aufgeschlagen werden muss. Dazu braucht es keine Verschwörungstheorien, es scheint in der Natur der Denke zu sein. Man betont das „Anderssein“ zur Selbstdefinition oder Selbstdarstellung. Viele denken relativ frei, sind aber im Handeln weiter kollektivistisch konditioniert. Moderate Mitspieler, die das Ganze tolerant und laid back sehen, gehen in dem lauten Gezänk unter.
    Ein Hauptgrund ist auch die Form der Diskussion über Foren etc. Das fehlende Bierchen zwischen den Teilnehmern, das nicht sichtbare schelmisches Zwinkern lassen die Fronten sinnlos verhärten, wenn man sehr sensibel ist. Da selbst die Kombination der zerstrittenen Grüppchen so klein ist, dass sie sich kaum persönlich treffen, gibt es dazu nicht mal Alternativen.

    Im Falle der ewigen Minimalstaatsdiskussion scheiden sich die Geister nicht am eigentlichen gemeinsamen Ziel – möglichst kleiner Staat – , sondern lediglich am GLAUBEN ob das logische Minimalziel NULL erreichbar sein könnte. (Gemeinsames Ziel? – welche Blasphemie!!)
    Viellleicht muss man das Ei ja nicht am spitzen oder dicken Ende köpfen, sondern schält es 😉

    • FwF-sandman sagt:

      Sniko,

      ich persönlich sehe das Problem eigentlich nur darin, dass das Ziel, ohne Herrschaft (die ja nun auch von Minarchisten nicht allgemein gerechtfertigt werden kann) auszukommen, von vielen Libertären aus dem Auge verloren wird, weil man sich so sehr auf den Weg dorthin konzentriert. Man glaubt dann erstmal einen Minimalstaat als Ziel definieren zu müssen und vertagt die eigentlich aus freiheitlicher Sicht unumgängliche Forderung nach Anarchismus auf unbestimmte Zeit. Das Ziel verschwindet also aus dem Geist dieser Libertären.

      Beispiele sehen wir hier genug, z.B. in der Diskussion mit Peter Böhringer.

      Das Vergessen des Anarchismus als Ziel hat meiner Meinung nach fatale Folgen. Man bemüht sich nicht mehr um eine konsistente Argumentation, die automatisch zur Ablehnung des Gewaltmonopols führt, sondern ergibt sich der Subjektivitat und den eigenen Erkenntnis- und Phantasiedefiziten.

      Ich kann diese Libertäre nicht ernst nehmen. Würden sie sich hingegen klar zum Ziel des Anarchismus bekennen, aber dennoch aus strategischen Gründen über einen Minimalstaat gehen wollen, könnte man wenigstens ernsthaft über das Für und Wider dieses Weges diskutieren, ohne jedesmal wieder bei Adam und Eva beginnen zu müssen und zu besprechen, wie ein Minimalstaat nun moralisch anders zu bewerten ist als eine heutige Pöbelherrschaft.

      Sollen wir diesen Wischiwaschi-Scheiß immer wortlos stehenlassen, während diese Figuren meinen, Worte wie Freiheit und Moral vergewaltigen zu können?

      Ich habe auch die Schnauze voll von diesem Thema.

      • sniko sagt:

        die logische Schlussfolgerung bzw. der Kompromiss wäre zu sagen:
        „Lasst uns den Staat so weit wie möglich verkleinern.
        Sollte sich erwartungsgemäß (Voluntaristen) oder erstaunlich-erfreulicherweise (Libertäre) herausstellen, dass das Monster dabei ohne somalische Verhältnisse ganz verschwindet, um so besser.“
        Weder die einen noch die anderen können logisch etwas dagegen haben, den Wettbewerb entscheiden zu lassen, ob sich private Lösungen durchsetzen. Falls sich das (aus unserer Sicht nicht logisch gerechtfertigt und damit auch nicht wahrscheinlich) in Richtung nichtstaatliche Mafia-Herrschaft entwickelt, würden die Leute automatisch wieder auf die staatliche Mafia-Variante umschwenken. Man kann es ausprobieren, ohne vorher den jeweiligen Glauben an die NULL aufzugeben, die Praxis entscheidet. Lasst einfach die letzten Reste des Staates mangels Nachfrage absterben, als irgendeine Art letzte Instanz für Leute, die sich nicht schämen, ihn anstatt privater Angebote zu nutzenund deshalb vom Rest gemieden zu werden.

        Ich sehe die Gefahr genauso, dass wie zur Zeit ziellos gewurschtelt wird. Und alles liegt an dem kleinen aber feinen Unterschied zwischen „möglichst klein“ und „irgendwie klein“, minimal vs micro. Ich denke, dass sich dazu die MINarchisten mental etwas mehr bewegen müssen als die ANarchisten, aber logisch besteht kein Widerspruch, MIN von etwas Sinnlosem ist AN .
        Die Frage an die MINis ist also: Wollt ihr private Angebote für Rechtsprechung, Verteidigung oder was auch immer zulassen? Erst bei einem konkreten Nein outen sie sich als Gegner der Freiheit. Dann trennt sich die Spreu vom Weizen, und die vermeintliche Glaubensgrenze MIN/AN wird durch eine ganz praktische gegenüber überzeugten Etatisten ersetzt. Und wer immer den Staat als notwendiges Übel sieht, muss nur den Fokus von „notwendig“ auf „Übel“ verschieben, und Praxis/Markt/Menschen über die Notwendigkeit entscheiden lassen.

        • FwF-sandman sagt:

          „Die Frage an die MINis ist also: Wollt ihr private Angebote für Rechtsprechung, Verteidigung oder was auch immer zulassen?“

          Bei den meisten wird die Antwort „NEIN“ sein.

          Ich bin völlig mit Dir einer Meinung, dass es auch bei dem Weg zum anarchistischen Ziel einen Wettbewerb geben kann. Wenn also die Minis meinen, ständig die Leute an die Wahlurne zu rufen zu müssen, um Stimmen zu sammeln, haben wir als Anarchos dann das gleiche Recht, den Menschen zu empfehlen, diesem Spektakel fernzubleiben? Ist das nicht ein Wettbewerb der Ideen, der von beiden Seiten gewünscht werden sollte?

          Die Minis beschweren sich nun aber ständig, unsere Argumentation würde sie Stimmen kosten und sind böse auf uns. Dadurch kommt es dann wieder dazu, den Weg in den Vordergrund zu stellen und das Ziel zu vergessen.

          Wir respektieren, wenn die Minis Parteien gründen und Wahlwerbing machen. Könnten die Minis uns denselben Respekt entgegen bringen, wenn wir Werbung für den Antipolitischen Weg machen?

          • sniko sagt:

            ===========
            “Die Frage an die MINis ist also: Wollt ihr private Angebote für Rechtsprechung,
            Verteidigung oder was auch immer zulassen?”

            Bei den meisten wird die Antwort “NEIN” sein.
            ===========

            Ich bin da noch ziemlich frisch, aber bei allen Beiträgen und Diskussionen, die ich gesehen habe, ging es nicht um die Frage „Würde man private … zulassen“, sondern um „würden private … funktionieren“. Da kommt natürlich prompt meist ein Nein samt langatmiger Begründung. Bei der eigentlichen Frage wäre ich mir da nicht so sicher, auf alle Fälle gäbe es öfter ein Ja.
            Toleranz wäre dann von den Anarchisten, den Minis ihre Zweifel zu lassen, und von den Minis, explizit das scheinbar Unmögliche ausprobieren zulassen.

          • FwF-sandman sagt:

            „Toleranz wäre dann von den Anarchisten, den Minis ihre Zweifel zu lassen, und von den Minis, explizit das scheinbar Unmögliche ausprobieren zulassen.“

            Klar, völlig Deiner Meinung. Keiner hindert sie, ihren Weg zu gehen. Wir versuchen nur jedem, der das tun möchte, unsere Argumente darzulegen, warum wir einen anderen Weg gehen. Jeder kann dann ja für sich entscheiden.

            Eigentlich gar nicht schwierig.

          • sniko sagt:

            „Wir versuchen nur jedem, der das tun möchte, unsere Argumente darzulegen, warum wir einen anderen Weg gehen.“
            Gut, und wenn man das vorsichtig anstellt, nehmen sie die Argumente an. Ein Mittel dazu wäre, die Gemeinsamkeiten der beiden winzigen Trüppchen auch herauszustellen. Bisher hat mir zumindest noch keiner widersprochen, dass das Ziel (bis auf eine fast schon mathematische Spitzfindigkeit der genauen Definition von „Minimal“) das Gleiche ist. Stellen wir also die Gretchenfrage über die allgemeine Zulassung privater Alternativen und holen sie mit ins Boot, statt sie mit Glaubenskriegen über den Ausgang des dazu nötigen Experiments zu vergraulen.
            Ich habe z.B. schon an mehreren Stellen über Oliver Janich gelesen, dass er eigentlich den Staat abschaffen möchte, das aber natürlich nicht verfassungsgemäß publizieren kann. Den Staat samt Steuern etc. „Möglichst klein machen/halten“ statt „abschaffen“ würden aber selbst eingefleischte Etatisten als Grundgesetzkonform ansehen.
            Und wenn denn mal das Ziel als gemeinsames erkannt würde, und vielleicht hier noch etwas klarer beschrieben würde, wie die Alternative zur ineffizienten und glitschigen Parteimethode aussehen könnte, läge ein roter Teppich für frustrierte Parteilibertäre und Nachtwächterstaatler aus statt der bisherigen Frontlinie.

          • FwF-sandman sagt:

            Könnte so sein.

          • sniko sagt:

            Wird’s aber nicht 😉 .
            Aber hast Recht, ich geb ja schon endlich Ruhe.

  6. […] Keine Freiheit ohne Toleranz (Antwort auf Benesch und Boehringer) […]

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