Kapitalismuskrise ?!

On 20. Mai 2013, in Ökonomie, by FreiwilligFrei
von André Hebbel
Kapitalismus-Bashing ist en vogue!
Vor allem seit der Finanzkrise ’07/’08 wird im medialen Mainstream wieder mit Leichtigkeit über die angebliche Krise des Kapitalismus fabuliert. Nicht zuletzt auch aufgrund der andauernden Erosion westlicher Staatshaushalte muss „der Kapitalismus“ als scheinbarer Systemfehler und angeblicher Verursacher für kreative Plakat-Slogans empörter Demonstranten und Erklärungsversuche selbst-ernannter Experten in abendlichen Talk-Runden herhalten. Nicht wenige Kommentatoren malen Schreckensgespenster á la Finanz-Turbo-Kasino- oder gar Raubtier-Kapitalismus an die Wand und schließen daraus, dass dieses „Monster“ gebändigt, ja zumindest reguliert und teil-verstaatlicht werden müsse. Es ist eine insgesamt sehr emotional geführte Debatte, in der jene Art des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die erstmals vollständig und umfassend von den klassisch-liberalen Ökonomen und Moralphilosophen im 18. und 19. Jahrhundert formuliert und unter anderem von den Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie im 20. Jahrhundert fundiert und konsequent weitergedacht wurde, andauernd mit den Etiketten AntisozialitätKorruptionEgoismus bzw. Zerstörung der „Gemeinschaft“,VerantwortungslosigkeitBetrugMachtstrebenUmweltverschmutzung, Ausbeutung von Mensch und Natur, etc. versehen wird.
Diese Attribute entsprechen zwar zweifellos dem herrschenden Zeitgeist vornehmlich westlich geprägter Kulturen, haben ihre Ursachen, wie im Folgenden gezeigt wird, nicht einmal im Entferntesten in den Strukturen einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Es ist offenkundig, dass jede Analyse von der Genauigkeit und Definition ihrer Begrifflichkeiten abhängt. Das „Sprechen der gleichen Sprache“ ist Grundvoraussetzung – einerseits für das Verständnis, andererseits für konstruktive Diskussionen.

Zu allererst ist natürlich zu klären, was genau man nun unter „Kapitalismus“ (ein Begriff, der ursprünglich nur ersatzweise von ideologischen Gegnern benutzt und über die Dauer im medialen Mainstream etabliert wurde) verstehen möchte – schließlich gibt es keine eindeutige oder letztgültige Definition. Seitens der Kritiker gälte es zu differenzieren, denn es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Auffassungen auf Basis diverser ökonomischer Schulen. Sprechen die Kritiker nun vom klassischen oder neoklassischen Liberalismus (und falls ja, von welchem seiner unterschiedlichen Denkschulen und Vertreter), vom Ordoliberalismus, vom Manchesterliberalismus, vom Thatcherismus, vom Laissez-faire-Liberalismus, vom Libertarismus, vom Anarchokapitalismus, von einem Kapitalismus nach dem Modell einer der drei historischen Schulen oder kritisieren sie die Auffassungen der Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie?
Diese Differenzierungen, sowie konkrete und sachliche Argumente gegen die Postulate der kapitalistischen Theorien/Schulen, sind absolute Mangelware in den Anklagen der Kapitalismuskritiker.
Pauschal gesprochen werden einzig einige Sozialisten unter den Kritikern etwas konkreter und prangern gebetsmühlenartig das Eigentum der Unternehmer an den Produktionsmitteln an und stellen das Recht des Privateigentums generell in Frage. Dies sind allerdings keine Argumente, die gegen das Wesen des Kapitalismus angeführt werden, sondern – im Gegenteil – persönliche Meinung und Werbung für etatistische, also sozialistische Gesellschaftsformen, worauf im Weiteren nicht näher einzugehen ist. Hätte man nur ein Wort zur Definition des Begriffs „Kapitalismus“, man würde wohl das Wort Marktwirtschaft (also Tausch und Handel auf Basis der freiwilligen Übereinkunft freier Individuen –> Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit) wählen. Denn trotz der Unterschiede der voran genannten ökonomischen Theorien, das zentrale Element ist immer das Prinzip der Marktwirtschaft – mal mehr, mal weniger.
Ebenso gilt die Anerkennung von Eigentum als universelles Recht eines jeden Individuums – vor allem Eigentum am eigenen Körper (alles andere wäre Sklaverei), aus dem sich die entsprechenden und weitreichenden moralphilosophischen Freiheitsideale ableiten lassen. Einer der letzten großen freiheitlichen Denker und Autoren in Deutschland war zweifelsfrei Roland Baader. Seine klare Sprache und die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte einfach und verständlich zu erklären, zeichneten ihn dabei besonders aus.
Baader widmete sich zeit seines Lebens der Verbreitung der Freiheitslehre und versuchte vor allem auch dem ökonomischen Laien zum Verständnis klassisch liberaler und auch libertärer Ansichten zu verhelfen, so u.a. auch in seinem Werk Das Kapital am Pranger. Ein Kompaß durch den politischen Begriffsnebel, Resch-Verlag, 2005:

Kapitalismus ist kein Konstruktkein bewusst entworfenes System, sondern die natürliche Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft diesseits der Steinzeit und der Feudalherrschaft. Wenn eine hinreichende Menschenzahl verstehen lernt, was Kapitalismus ist, wird die Zivilisation überleben. Wenn es beim weitverbreiteten Unverständnis bleibt, wird die Erde bestenfalls zu einem riesigen Gulag, schlimmstenfalls zu einem Großfriedhof. […]

Betrachten wir Deutschland doch einmal mit ‚kapitalistischen Augen‘. Wir erkennen ein Land mit einem staatlichen (dh. sozialistischen) Rentensystem, einem staatlichen Gesundheitswesen, einem staatlichen Bildungswesen, mit staatlich und gewerkschaftlich gefesselten Arbeitsmärkten, einem konfiskatorischen Steuersystem, einer Staatsquote von über 50%, mit einem erheblich regulierten Wohnungsmarkt, einem massiv subventionierten und regulierten Agrarsektor und einer in einem komplizierten Geflecht zwischen Markt und Staat eingebundenen Energiewirtschaft, mit mindestens Hunderttausend Betrieben in ‚kommunalem Eigentum‘ (d.h. Staatseigentum) und einem staatlichen Papiergeldmonopol, ja sogar mit einem Staatsfernsehen samt Zwangsgebühren. Wir erkennen ein Land, in dem fast 40% der Bevölkerung ganz oder überwiegend von Staatsleistungen lebt und in welchem das gesamte Leben der Bürger von staatlichen Regelungen überwuchert ist. Wer diesen 80%-Sozialismus als Kapitalismus bezeichnet, muss mit ideologischer Blindheit geschlagen sein. Und wer gar von Turbo- oder Raubtierkapitalismus redet, den muss der Verstand ganz verlassen haben (oder die panische Angst vor dem Machtverlust zu verbalen Veitstänzen getrieben haben).

– Roland Baader (1940-2012), Unternehmer, liberaler Freigeist,
Autor und Vertreter der Österreichischen Schule

Häufig werden im Zuge der Kapitalismuskritik zur „Beweisführung“ praktische Fälle, wie bspw. die Umweltverschmutzung in einer bestimmten Region, offenkundige Preisabsprachen (Kartellbildung), generell wachsender beruflicher Leistungsdruck oder das rigorose Ausnutzen oder Entlassen von Mitarbeitern (natürlich alles aus reiner Profitgier der Unternehmer) seitens der Kritiker angeführt und „dem Kapitalismus“ in die Schuhe geschoben.
Für rücksichtsloses und untugendhaftes Verhalten, generelle Charakterschwäche oder sonstige Eigenschaften und Eigenarten handelnder Individuen kann logischerweise immer nur dem Handelnden selbst ein Vorwurf gemacht werden, niemals jedoch einer gesellschaftlichen Ordnung, welche die Freiheit des Individuums betont und in dem jegliche Handlungen auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und Eigenverantwortung beruhen. In diesem Zusammenhang von Kapitalismuskrise zu sprechen, entbehrt also jeglicher Logik. In unserer Zeit des zunehmenden Werteverfalls und der schleichenden Abwesenheit von Tugend und Moral träfe es – wenn man schon der Krisenrhetorik frönen möchte – das Schlagwort Bewusstseinskrise wohl besser.

Natürlich kann man das Konzept der Freiwillig- und Freiheitlichkeit ablehnen und stattdessen Zwang und Herrschaft von Menschen über Menschen bevorzugen, jedoch ist es unlogisch, wenn eine freiheitliche Gesellschaftsordnung als Ursache von Fehlverhalten oder Fehlentwicklungen ausgemacht wird.
Der angebliche „Fehler“ liegt hier nicht im System, sondern in den Handlungen bzw. Handelnden selbst, da ein Jeder aus freien Stücken handelt und zu keiner Handlung gezwungen wird, also für jede seiner Handlungen voll verantwortlich ist. Es bleibt festzustellen, dass in der breiten Öffentlichkeit kaum ein Verständnis für den Begriff „Kapitalismus“ und dessen Bedeutung vorhanden ist. Der Begriff „Kapitalismus“ wurde im Laufe des letzten Jahrhunderts bis heute massenmedial dermaßen pervertiert, manipuliert und umgedeutet, dass es schwer fällt, seine ursprüngliche Bedeutung zu erfahren.
Einige meinen, es drehe sich im Wesentlichen „irgendwie um Geld“, andere gehen weiter und meinen sogar eine dem Kapitalismus inhärente (Geld- und Profit-)Gier ableiten zu können, da sich die Bezeichnung „Kapitalismus“ u.a. aus dem Begriff „Kapital“ zusammensetzt. Unter Berücksichtigung dieser Fehlinterpretation verwundert es nicht, wenn sich vorhin angeführte Neologismen wie „Casino-“ oder „Raubtier-Kapitalismus“ in der antikapitalistischen Debatte etablieren können. Mit dem Begriff „Kapitalismus“ assoziieren viele mittlerweile unehrenhafte Charaktereigenschaften wie fehlendes Mitgefühl, Ausbeutung, etc. Ebenso für die angesprochene (Geld-)Gier, Kartellbildungen, Korruption, Verschwörungen (mit der Politik) und Rücksichtslosigkeit. Man könnte beinahe vermuten, dass bestimmte Kritiker im Kapitalismus eine gewisse Geisteshaltung, ja beinahe eine Geisteskrankheit sehen, die es zu therapieren gälte.
Des Weiteren ist erkennbar, wie der Begriff Kapitalismus in einem schleichenden Prozess zunehmend adjektiviert wird: „Kapitalistisch“ wird zum Ersatzwort für „schlecht“ oder „unmoralisch“. Dafür spricht beispielsweise, dass Handlungen von Personen, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht oder generell untugendhaft waren, in der allgemeinen Diskussion mit steigender Tendenz als „kapitalistisch“ gewertet oder verurteilt werden. Es ist zu betonen, dass Kritiker, nicht zuletzt auch aufgrund oben angeführter Fehlinterpretationen, Kapitalismus prinzipiell immer mit Korporatismus bzw. Vetternwirtschaft (engl. „Crony Capitalism“, manchmal auch salopp: „Herrschaft der Konzerne“) verwechseln, also zwei absolut gegensätzliche Dinge.
Völlig zurecht werden Kartellbildung, Korruption oder Betrug verurteilt, da dies unethisch und nur zum Vorteil weniger Verschwörer und zum Nachteil aller übrigen Marktteilnehmer ist. Die Begrifflichkeit Korporatismus beschreibt eine auf enge Beziehungen zwischen Unternehmen und dem Staat beruhende Wirtschaftsordnung. Anstatt durch Anstrengungen auf einem freien Markt und der Gunst bzw. der Bedürfnisbefriedigung der Kunden, hängt der Erfolg eines Unternehmens von den Begünstigungen der herrschenden Regierung in Form von entsprechenden Geschäftsabschlüssen, Subventionen, der Vergabe von Lizenzen oder sonstigen Zuschüssen und Vorrechten ab. Etwas freier könnte man Korporatismus auch mit Pseudokapitalismus übersetzen, denn tatsächlich wird dem unbedachten Beobachter eine marktwirtschaftliche Gesellschaftsordnung vorgegaukelt, die bei genauerer Beobachtung nicht existent ist.
Beim Blick auf unsere gegenwärtige Gesellschaftsordnung wird spätestens bei Berücksichtigung der „Banken-Rettungsaktionen“ durch die Politik in der jüngeren Vergangenheit (die mittlerweile „Euro-Rettung“ genannt werden) offensichtlich, dass unsere Gesellschaftsordnung nur noch in Nuancen mit der einer marktwirtschaftlichen, freien Gesellschaft übereinstimmt. Der europäische und amerikanische Kulturkreis im Allgemeinen und der deutschsprachige im Speziellen lebt den Pseudokapitalismus! In der Tat ist man dem Sozialismus heute um ein vielfaches näher als dem Kapitalismus. Heutzutage gibt es kaum einen Bereich, den sich der Staat nicht angeeignet und daraus Manifestationen seiner Herrschaft geformt hat: So sind große Sektoren der Volkswirtschaft wie beispielsweise das Gesundheitswesen, das Bildungswesen und das Rentenwesen heute staatlich, ursprünglich jedoch gesellschaftliche Errungenschaften, die aus ihr selbst hervorgingen.
Noch viel bedeutender ist jedoch, dass das Geld staatsmonopolistisches Zwangsgeld (einziges gesetzliches Zahlungsmittel) ist. Es gibt keine freie Wahl des Geldmittels und daher auch keinen Wettbewerb um den Wert des Geldes. Der andauernden, systembedingten Verschlechterung des Geldes (dem Blutkreislauf der Volkswirtschaft) und der dadurch bedingten, bestenfalls schwankenden konjunkturellen Lage ist der ökonomische Laie schutzlos ausgeliefert.
Die deutsche Staatsquote, also der Anteil der staatlichen Ausgaben an der gesamten volkswirtschaftlichen Leistung, liegt fast bei 50 Prozent. Das bedeutet, dass beinahe die Hälfte des Bruttoinlandprodukts (Wirtschaftsleistung) durch staatliche Hände fließt. Im Anblick dieser Tatsachen noch von Kapitalismus zu sprechen, zeugt folglich von Realitätsferne. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass in die Antikapitalismusdebatte Vernunft einkehrt und die entsprechenden Ursachen für die derzeitigen Verwerfungen endlich korrekt beim Namen genannt werden. Schließen möchte ich mit einem Auszug aus dem Werk „Liberalismus“ von Ludwig von Mises, Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, aus dem Jahre 1927:
Eine Gesellschaft, in der die liberalen Grundsätze durchgeführt sind, pflegen wir die kapitalistische Gesellschaft zu nennen, und den Gesellschaftszustand als Kapitalismus zu bezeichnen. Da wir überall in der Wirtschaftspolitik nur mehr oder weniger Annäherung an den Liberalismus haben, so gibt uns der Zustand, der heute in der Welt herrscht, nur ein unvollkommenes Bild von dem, was vollausgebildeter Kapitalismus bedeuten und leisten könnte. Aber immerhin ist es durchaus gerechtfertigt, unser Zeitalter das Zeitalter des Kapitalismus zu nennen, weil alles das, was den Reichtum unserer Zeit geschaffen hat, auf die kapitalistischen Institutionen zurückzuführen ist. Nur dem, was von liberalen Ideen in unserer Gesellschaft lebendig ist, was unsere Gesellschaft an Kapitalismus enthält, danken wir es, dass die große Masse unserer Zeitgenossen eine Lebenshaltung führen kann, die hoch über der steht, die noch vor wenigen Menschenaltern nur dem Reichen und besonders Begünstigten möglich war.
Die übliche demagogische Phrase stellt das freilich ganz anders dar. Hört man sie, dann könnte man glauben, dass alle Fortschritte der Produktionstechnik ausschließlich einer schmalen Schichte zugute kommen, wohingegen die Massen immer mehr und mehr verelenden. Es bedarf aber nur eines kurzen Augenblickes der Überlegung, um zu erkennen, dass die Ergebnisse aller technischen und industriellen Neuerungen sich in einer Verbesserung der Bedürfnisbefriedigung der Massen auswirken. Alle Großindustrien, die Endprodukte erzeugen, arbeiten unmittelbar für das Wohl der breiten Massen. Die großen industriellen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte haben, geradeso wie die großen industriellen Umwälzungen des 18. Jahrhunderts, die man mit einem nicht gerade glücklich gewählten Worte als „industrielle Revolution“ bezeichnet, in erster Linie eine bessere Befriedigung des Massenbedarfes bewirkt. Die Entwicklung der Konfektionsindustrie, der mechanischen Schuhwarenerzeugung und der Lebensmittelindustrie sind ihrer ganzen Natur nach den breitesten Massen zugute gekommen; sie haben es bewirkt, dass die Massen heute weit besser genährt und gekleidet sind als je vorher. Aber die Massenerzeugung sorgt nicht nur für Nahrung, Wohnung und Kleidung, sondern auch für andere Bedürfnisse der großen Menge. Die Presse ist geradeso Massenindustrie  wie die Filmindustrie, und selbst die Theater und ähnliche Kunststätten werden von Tag zu Tag mehr zu Stätten des Massenbesuches.
Nichtsdestoweniger verbindet man heute, dank einer die Tatschen auf den Kopf stellenden eifrigen Agitation der antiliberalen Parteien, mit den Begriffen Liberalismus und Kapitalismus die Vorstellung wachsender Verelendung und um sich greifender Pauperisierung der Welt.  Zwar konnte es aller Demagogie nicht ganz gelingen, die Ausdrücke liberal und Liberalismus so zu entwerten, wie sie es gerne gewünscht hätte. Man kann sich schließlich nicht darüber hinwegsetzen, dass in diesen Ausdrücken, ungeachtet aller Bemühungen der antiliberalen Agitation, etwas mitschwingt von dem, was jeder gesunde Mensch empfindet, wenn er das Wort Freiheit hört. Die antiliberale Agitation verzichtet daher darauf, das Wort Liberalismus zu viel in den Mund zu nehmen und zieht es vor, die Schändlichkeiten, die sie dem System andichtet, in Verbindung mit dem Ausdruck Kapitalismus zu bringen. Bei dem Worte Kapitalismus schwingt die Vorstellung eines hartherzigen Kapitalisten mit, der an nichts anderes denkt als an seine Bereicherung, sei sie auch nur durch die Ausbeutung der Mitmenschen möglich. Dass eine wahrhaft liberal organisierte kapitalistische Gesellschaftsordnung so beschaffen ist, dass für den Unternehmer und Kapitalisten der Weg zum Reichtum ausschließlich  über die bessere Versorgung seiner Mitmenschen mit dem, was sie selbst zu benötigen glauben, führt, wird den wenigsten bewusst, wenn sie sich die Vorstellung vom Kapitalisten bilden. Statt von Kapitalismus zu sprechen, wenn man die gewaltigen Fortschritte in der Lebenshaltung der Massen erwähnt, spricht die antiliberale Agitation von Kapitalismus immer nur denn, wenn sie irgendeine jener Erscheinungen erwähnt, die nur möglich wurden, weil der Liberalismus zurückgedrängt wurde. Dass der Kapitalismus den weiten Massen ein schmackhaftes Genuß- und Nahrungsmittel in der Gestalt des Zuckers zur Verfügung gestellt hat, wird nicht gesagt.  Von Kapitalismus wird in Verbindung mit dem Zucker nur dann gesprochen, wenn in einem Lande durch ein Kartell der Zuckerpreis über den Weltmarktpreis erhöht wird. Als ob dies bei Durchführung der liberalen Grundsätze überhaupt denkbar wäre! Im liberal verwalteten Staat, in dem es keine Zölle gibt, wären auch keine Kartelle, die den Preis einer Ware über den Weltmarktpreis hinauftreiben können, denkbar.
Der Gedankengang, auf dem die antiliberale Demagogie dazu gelangt, alle Ausschreitungen und bösen Konsequenzen der antiliberalen Politik gerade dem Liberalismus und Kapitalismus in die Schuhe zu schieben, ist folgender: Man geht davon aus, die Behauptung aufzustellen, die liberalen Grundsätze bezwecken Förderung der Interessen der Kapitalisten und Unternehmer gegen die Interessen der übrigen Schichten der Bevölkerung; Liberalismus sei eine Politik zugunsten der Reichen gegen die Armen. Nun sieht man, dass zahlreiche Unternehmer und Kapitalisten unter gewissen Voraussetzungen für Schutzzölle, andere wieder, nämlich die Erzeuger von Waffen, für Kriegsrüstungen eintreten, und man ist schnell bei der Hand, dies als kapitalistische Politik zu erklären. In Wahrheit liegt die Sache ganz anders. Der Liberalismus ist keine Politik im Interesse irgendeiner Sonderschicht, sondern eine Politik im Interesse der Gesamtheit. Es ist daher nicht richtig, dass die Unternehmer und Kapitalisten irgendein besonderes Interesse hätten, für den Liberalismus einzutreten. Ihr Interesse, für den Liberalismus einzutreten, ist genau dasselbe, das jeder andere Mensch hat. Es mag sein, dass in einem einzelnen Fall das Sonderinteresse einiger Unternehmer oder Kapitalisten sich mit dem Programm des Liberalismus deckt; aber immer stehen die Sonderinteressen anderer Unternehmer oder Kapitalisten dagegen. So einfach liegen die Dinge überhaupt nicht, wie die, die überall „Interessen“ und „Interessenten“ wittern, es sich vorstellen.[…]
In unserem Zeitalter, in dem die antiliberalen Ideen herrschen, denken alle antiliberal, so wie vor hundert Jahren die meisten liberal gedacht haben. Wenn viele Unternehmer heute für Schutzzölle eintreten, so ist das eben nichts anders als die Gestalt, die der Antiliberalismus bei ihnen annimmt. Mit Liberalismus [bzw. Kapitalismus] hat es nichts zu tun.
 
 

7 Responses to Kapitalismuskrise ?!

  1. Zef sagt:

    >Der Liberalismus ist … eine Politik im Interesse der Gesamtheit

    Politik will herrschen, die Puppen tanzen lassen. Das ist etwas ganz anderes als selbst Verantwortung zu übernehmen: sein Haus zu bauen, seinen Baum zu pflanzen, sein Kind zu zeugen usw.

    „Das einzig wahre Menschenrecht ist das Recht, in Ruhe gelassen zu werden – von jedem, den man nicht eingeladen hat oder den man nicht willkommen heißt“ (Baader, Freiheitsfunken)

    … insbesondere in Ruhe gelassen zu werden von diesem großartigen politischen „Wir brauchen…“.

    „Der logische Endpunkt aller(!) Politik ist der Totalitarismus“ (Antony de Jasay).

  2. Marius sagt:

    Milton Friedman hätte es so gesagt: „Ich bin nicht wirtschaftsfreundlich, ich bin für freie Marktwirtschaft, was etwas ganz anderes ist.“ und „Mit einigen rühmlichen Ausnahmen, sind Geschäftsleute für die freie Marktwirtschaft im allgemeinen, aber dagegen wenn es um sie selbst geht.“

    Ebenfalls ein bemerkenswerter Artikel: http://www.ftd.de/politik/international/:top-oekonomen-zurueck-zu-den-urspruengen-des-kapitalismus/60171527.html

    Und das sagt wohl alles: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10152841257600515&set=a.226491315514.290842.188355460514&type=1&theater

    • Marius sagt:

      Und was mir gerade auch noch eingefallen ist: “Der Faschismus sollte Korporatismus heißen, weil er die perfekte Verschmelzung der Macht von Regierung und Konzernen ist.” Benito Mussolini
      Und: „Lobbyismus ist nicht die Folge von Kapitalismus. Lobbyismus, Klüngel und Korruption entstehen da, wo die Regierung sich in die Märkte einmischt.“ Ayn Rand

  3. Apo sagt:

    Guter Artikel!

    „Im Anblick dieser Tatsachen noch von Kapitalismus zu sprechen, zeugt folglich von Realitätsferne. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass in die Antikapitalismusdebatte Vernunft einkehrt und die entsprechenden Ursachen für die derzeitigen Verwerfungen endlich korrekt beim Namen genannt werden.“

    Darauf werden wir wohl noch sehr lange warten müssen. Habe es vor ein paar Tagen erst wieder in einer Kneipe erlebt. Man redet gegen eine Wand aus hirngewaschener, indoktrinierter Unwissenheit an.

  4. Ben sagt:

    Kapitalismus kennzeichnet sich durch Eigentum und Vertragsfreiheit.
    Beides haben wir nicht.Jeder hat nur soviel Eigentum, wie der Staat ihm läßt.
    Ein Arbeitnehmer in D arbeitet in einem 40-jährigen Arbeitsleben 30 (!) Jahre nur für Steuern und andere Zwangsabgaben.Das ist Sozialismus (!) – 75% Enteignung und Umverteilung nach Gutdünken im Sinne der stärksten Wähler- oder Lobbygruppe.Darüber hinaus zwingt der Staat alle Menschen, ihre Arbeitsleistung gegen selbstgedrucktes Falschgeld verkaufen zu müssen.
    Du arbeitest und ein anderer druckt sich einfach das Geld, gegen das Du verkaufen mußt.So wirst Du durch den staatlichen Zwang von den Früchten des Produktivitätsfortschrittes abgeschnitten.Das ist der Grund, warum die Menschen noch genauso viel oder mehr arbeiten müssen, obwohl keiner mehr mit dem Ochsenpflug aufs Feld geht.Eigentlich würde alles immer billiger werden, weil mit großen landwirtschaftlichen Maschinen in gleicher Zeit viel mehr erzeugt wird.Dummerweise wird aber auch das Geld immer mehr, weil es einfach gedruckt wird.So bleiben die Preise gleich, ja steigen sogar noch.Das ist Geldsozialismus.Ich empfehle das gleichnamige Buch von Roland Baader!

  5. Hans Aplast sagt:

    Solange mit Geld Geld verdient werden kann, wird es keine Freiheit geben. Solange nicht jeder Mensch die Möglichkeit sich selbst zu versorgen (Land, Energie, Nahrung, Wasser), solange wird es keine Freiheit geben. Solange wir Produzieren um des Produzierens willen, solange wird es keine Freiheit geben.

    Freiheit bedeutet Verantwortung zu tragen, für sich und alle anderen. Wer heute ein Auto fährt und weiß, dass die letzten Kriege um Rohstoffe geführt wurden, die Millionen unschuldiger Menschen das Leben gekostet haben, sollte sich bewusst sein, dass er/sie dafür mitverantwortlich ist. Wie lange wollen wir das weiter machen?

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