Der Mann und der Berg

On 15. Januar 2014, in Voluntarismus, by FreiwilligFrei

FwF-Peter

Es waren einmal ein Etatist und ein Voluntarist. Eines Tages trafen sie sich und stellten ganz überrascht fest, dass sie das gleiche wollten: Ein Leben in Frieden und in Freiheit. Schnell kam eine lebhafte Diskussion auf, als es darum ging, wie Freiheit denn erreicht werden sollte. Der Etatist hielt ein Plädoyer für Gesetze, Gerichte, Polizisten, Militär und dergleichen, die die Freiheit der Menschen schützen sollten. Der Voluntarist kannte das alles, aber er nickte und hörte sich alles geduldig bis zum Schluss an. Der Etatist fragte ihn schließlich, was er davon halte. Der Voluntarist sagte, das alles hätte nicht viel mit voluntaristischen Prinzipien zu tun. Daraufhin gab ihm der Etatist die Gelegenheit, seine Perspektive näher zu beschreiben:

Etatist: Was ist Voluntarismus?

Voluntarist: Eine individuelle innere Haltung der Freiheit.

E: Wozu ist Voluntarismus gut?

V: Hast du schon einmal Tiere in freier Wildbahn beobachtet und mit den Tieren im Zoo verglichen?

E: Ich verstehe. Du willst frei sein. Das setzt aber eine freie Gesellschaft voraus.

V: Nein. Eine freie Gesellschaft ist das Ergebnis freier Individuen und nicht die Voraussetzung für die Freiheit der Individuen.

E: Aber es braucht doch bestimmte Regeln und eine Ordnung, damit die Individuen innerhalb dieser Regeln und der Ordnung frei sein können.

V: Ordnung und Regeln sind wichtig, keine Frage. Es kommt darauf an, wie sie entstehen. Das gewaltsame Aufzwingen von Regeln und einer Ordnung führte zu dem Chaos, das wir heute sehen und das auch du lautstark beklagst. Ordnung und Regeln, die aus freien individuellen Entscheidungen entstehen, sind etwas ganz anderes.

E: Wie meinst du das?

V: Hast du schon einmal Tiere in freier Wildbahn beobachtet und mit den Tieren im Zoo verglichen? Versetze dich in ein Tier hinein, das in Freiheit aufgewachsen ist. Was empfindet es als wahre Ordnung? Die Ordnung in der freien Natur oder die Ordnung innerhalb eines Zoos?

E: Okay, es fällt mir erst mal schwer, das zu verstehen. Aber wenn darüber nachdenke, dann ergibt das vielleicht einen Sinn. Also du wünschst dir eine Gesellschaft, in der es eine Ordnung und Regeln gibt, die aus freien Entscheidungen der Individuen zustandekommen. Das ist für dich eine freie Gesellschaft.

V: So lässt sich das zusammenfassen.

E: Ich wünsche mir auch eine freie Gesellschaft.

V: Schön, dann haben wir die gleichen Ziele.

E: Ich gehe zu jeder Wahl und engagiere mich sogar politisch und verbringe sehr viel Zeit damit, dieses Ziel zu erreichen. Was machst du?

V: Ich halte mich von Politik fern und konzentriere mich darauf, meine eigene tägliche Entscheidungsfreiheit zu vergrößern und auf Handlungen zu verzichten, die die Entscheidungsfreiheit anderer einschränken.

E: Was kann ich mir darunter vorstellen?

V: Ich sehe mir die Geschehnisse ganz genau an und finde heraus, ob in irgendeiner Form Zwang und Gewalt in ihnen stecken. Dann überlege ich, welche gewaltfreien Alternativen es dazu geben kann und wenn ich frei entscheiden kann, diese Alternativen wahrzunehmen, dann mache ich es einfach. Da gibt es mehr als du dir auf den ersten Blick vorstellen kannst und nebenbei ist es total spannend, immer mehr herauszufinden und umzusetzen.

E: Schön und gut, aber du bist nur eine einzige Person. Wie soll das in einer ganzen Gesellschaft erreicht werden? Ich glaube einfach nicht, dass das jemals funktionieren wird.

V: „Glauben“ heißt „Nicht-wissen-wollen“.

E: Wie meinst du das?

V: Siehst du den Berg dort?

E: Welchen Berg?

V: Dort stand einmal ein Berg, weißt du noch?

E: Ja, ich erinnere mich. Wo ist er hin?

V: Er ist weg. Abgetragen.

E: Er war riesig. Wie konnte das geschehen? Wer hat ihn abgetragen?

V: Sie nannten ihn „der Mann, der den Berg abtrug“.

E: Wie hat er das gemacht?

V: Er hat mit einem kleinen Stein angefangen.

E: Aber das hätte Jahrhunderte gedauert, ganz alleine den Berg Stein für Stein abzutragen.

V: Der Mann war zwar Individualist, aber kein Einsiedler und Egoist.

E: Das verstehe ich nicht. Was soll das bedeuten?

V: Er hat es nicht alleine geschafft.

E: Andere haben mitgemacht?

V: Ja, am Ende haben sehr viele Menschen mitgemacht.

E: Wie hat er das gemacht? Hat er die anderen dafür bezahlt?

V: Nein, er war bescheiden und hatte nicht viel Geld.

E: Hat er sie überredet?

V: Nein, er war ein eher zurückhaltender und schweigsamer Mensch.

E: Dann muss er die anderen irgendwie dazu gezwungen haben und deshalb sehr stark oder bewaffnet gewesen sein. Wie sonst soll es ihm gelungen sein, den riesigen Berg abzutragen?

V: Nein, er hat niemanden dazu gezwungen. Sie haben es freiwillig gemacht.

E: Was konnte er denn anbieten?

V: Er wusste, dass es richtig war und fing einfach damit an. Er tat es voller Zuversicht und innerer Ruhe. Die Menschen beobachteten ihn zuerst eine Zeit lang und überlegten, warum ein Mann, der täglich ohne Gegenleistung so eine harte Arbeit verrichtet, so glücklich und zufrieden sein kann.

E: Und? Haben sie es herausgefunden?

V: Ja. Die Neugier war eines Tages so groß, dass einer von ihnen auf den seltsamen Mann zuging und ihn fragte, wie ihm das gelingt.

E: Und was hat er gesagt?

V: Der Mann hob ein paar Steine auf, gab sie dem Neugierigen in die Hand und sagte: „Probiere es einfach mal aus.“

 

12 Responses to Der Mann und der Berg

  1. Peter sagt:

    Vielen Dank! Hat mir sehr gefallen!

    Freiheit und den Weg dahin auf den Punkt gebracht, ohne Verunreinigungen.

  2. mielia sagt:

    Echt ein toller, kurzer Beitrag (für Interessierte)!
    Macht mal nen Video draus und ich nehme es als (neuen) Aufmacher :P.

    Also diese Anregung ist etwas in Euphorie entstanden, ansonsten sind die beiden Alien-Videos noch immer ganz vorne bei mir.

    Ach wie dumm, immer noch wie gelernt in Forderungen zu formulieren XD.

    Gruß,
    Mielia

  3. Großartig! Jesus war ein Voluntarist!
    „Eine freie Gesellschaft ist das Ergebnis freier Individuen und nicht die Voraussetzung für die Freiheit der Individuen.“

  4. Boehme,J.E sagt:

    …leider wird dieser „Eckstein“ noch durch zu Viele verworfen/nicht gesehen/verachtet.

  5. isomorph sagt:

    Klasse, das gefällt mir richtig gut.

    Was ich mich nur immer Frage ist, warum sich solch ein simpler Sachverhalt, für so viele Menschen noch so kompliziert darstellt?

    Simpler und treffender, kann man es kaum auf den Punkt bringen. Nur eines hätte ich mir gewünscht, dass der Voluntarist Egoist ist und nicht nur kein Egomane, da er sonst ja Altruist sein muss. Aber das auch nur so am Rande. lg iso

    • Helga sagt:

      Typischer Irrglaube. Altruistmus schließt Egoismus nicht aus, ganz im Gegenteil. Nur wenn es einem selbst gut geht, kann (nicht muss) man auch etwas für andere tun.

  6. Ben sagt:

    Richtig iso,

    ich bin auch bekennender Egoist.
    Alles was ich tue, tue ich nur für mich.

    • Marius sagt:

      Für diese Aussage bekomme ich jedes Mal entgegnet: Du bist herzlos, erbarmungs-und mitleidlos, asozial… die ganze Palette. Gut dass all diese Menschen vorbildliche selbstlose Geschöpfe Gottes sind, denk ich da immer nur. Immerhin sind sie vernünftig.

  7. Marius sagt:

    Wenns doch nur so einfach wäre

  8. Kibaybay sagt:

    Vor ca. 10 Jahren bin ich auf ein Zitat von Dalai Lama gestossen; es heisst:

    Kluge Egoisten denken an andere, helfen anderen so gut sie können – mit dem Ergebnis, daß sie selbst davon profitieren.

    In einer Gesellschaft ohne Gewaltmonopol gibt es keine Möglichkeit auf Kosten anderer zu leben. Ausser natürlich jemand zahlt dein Leben freiwillig. Um egositische Bedürfnisse zu befriedigen gibt es nur noch die Möglichkeit in Kooperation mit Mitmenschen die eigene Arbeit bzw. den Körpereinsatz mit einem zu befriedigenden Bedürfnis zu tauschen. Ohne Zwang bleibt nur die Kooperation.

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