von James Corbett

Wie absurd der moderne politische Wahlzirkus ist, ist nirgendwo sonst so deutlich zu sehen, wie bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Wie bei den Olympischen Spielen wird alle vier Jahre gewählt, um die Massen zu unterhalten und abzulenken und – genau wie bei den Olympischen Spielen – werden sie von großem Getöse, Zeremonien und Ritualen begleitet und es geht um alles andere als um Inhalte. Und jedes Mal wiederholen sich die gleichen billigen Geschmacklosigkeiten. Bei den Vorwahlen wird die Parteibasis motiviert und es werden die Schlüsselthemen für den Wahlkampf festgelegt. Diese Themen werden sofort durch die politische Berichterstattung  auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert: Wirtschaft, Jobs, Verteidigung, Soziales.

Jeder Versuch, wirklich wichtige Themen anzusprechen, wird sofort im Keim erstickt. Stattdessen gibt es eine Scheindiskussion nach der anderen zwischen links und rechts. Es geht nicht länger um Politik, sondern um nichtssagende Slogans: „Hoffnung und Veränderung“ gegen „Zuerst wir, dann die anderen“, „Vorwärts“ gegen „Glaube an Amerika“ Es könnte genausogut heißen „Rot gegen Blau“, „Coke gegen Pepsi“ oder „Gabel gegen Löffel“. Es ist ganz erstaunlich, wie die politische Klasse und die Medien mit ihren Taschenspielertricks es immer wieder schaffen, das Rennen um das Oval Office zu einem inhaltsleeren und bedeutungslosen Wettbewerb der Partei-Slogans und politischen Plattitüden zu degradieren.

Romney ist das Gegenteil von allem, was Konservative schätzen: Als Gouverneur von Massachusetts setzte er sich für die private Gesundheitsversorgung ein, nur um sich anschließend wieder dagegen auszusprechen. Im Jahr 2004 unterschrieb Romney eines der härtesten Gesetze zur Reglementierung des Waffenbesitzes. 2005 sprach er sich für eine CO2-Steuer aus, um die globale Klimaerwärmung zu bekämpfen.

Obama tritt auch für das genaue Gegenteil der Ziele seiner Anhänger ein: Er unterstützte im Jahr 2008 den Bailout der “too big to fails” in der Finanzkrise. Er sprach sich dafür aus, Lobbyisten aus Washington hinauszuwerfen und machte anschließend einen Lobbyisten nach dem anderen zu seinem Mitarbeiter. Er weitete den Krieg gegen den Terror von Bush nach Pakistan, Jemen und Somalia aus, machte Dronenangriffe salonfähig und zeigte in Libyen, dass ein Präsident keinen Kongress mehr dazu braucht, um einen Krieg zu beginnen. In seiner Amtszeit hat er eine Todesliste erstellt, auf der auch amerikanische Staatsbürger stehen. Sie können vom US-Militär gefangengenommen werden, egal wo sie sich gerade aufhalten.  Völlig willkürlich, auf unbestimmte Zeit und ohne Anspruch auf Entschädigung oder ein Gerichtsverfahren.

Der überwiegenden Mehrheit der Wähler ist das alles egal. Wenn ihr Anführer irgendetwas sagt, was sich einigermaßen akzeptabel anhört, fangen sie an zu jubeln und wenn der Anführer des anderen Teams die Bühne betritt, buhen sie ihn aus. Und wenn man ihnen Fragen zu den Positionen ihrer Partei stellt, ist nicht einmal einer von zehn dazu in der Lage, sie vernünftig zu beantworten.

Diejenigen, die hinter die Fassade dieser sinnlosen, leeren Affentheater blicken können, kennen, haben dafür eine einfache und banalen Erklärung: Es liegt an der mangelnden Bildung. Wir müssen noch mehr in die Bildung der Bürger und in das Schulsystem investieren. Die Medien sind schuld, werden sie sagen. Wir müssen die Medien strenger regulieren, um eine faire und korrekte Berichterstattung zu gewährleisten. Es ist ein Systemproblem, werden sie sagen. Wir brauchen eine Reform des Wahlrechts, um das Problem in Ordnung zu bringen.

Alle diese sogenannten Lösungen gehen von der gleichen falschen Prämisse aus: Dass die Demokratie an sich gesund ist und dass wir nur nicht dazu in der Lage sind, sie richtig zu nutzen.

So ziemlich das Gegenteil ist der Fall. Das System funktioniert so, wie es funktionieren soll. Es erfüllt exakt den Zweck, wofür es konstruiert wurde. Für viele wird das eine bittere Pille sein, die sie schlucken müssen.

Wir müssen ganz bestimmt einen politischen Führer haben, der mit unseren Vorstellungen von einer funktionierenden Gesellschaft übereinstimmt, zumindest die meiste Zeit und in den meisten Bereichen. Alles was wir tun müssen, ist genug Leute davon zu überzeugen, für diesen Retter zu stimmen und die Erlösung unserer Gesellschaft ist sicher. In diesem Weltbild kommt der Erlöser immer aus Washington D.C. und das gesamte Volk wartet auf diesen politischen Messias, der niemals kommen wird. Und es versucht in jeder Wahlperiode erneut herauszufinden, welcher Kandidat der Republikraten und Demokaner dem Retter am ähnlichsten ist.

Aber warum verschwenden wir, die Bürger der sogenannten entwickelten westlichen Demokratien, in diesem Ausmaß unsere Energie für diesen aufgeblasenen politischen Zirkus, für diese Wahlen, von denen die große Mehrheit der Wähler glaubt, dass es eine bürgerliche Pflicht sei, daran teilzunehmen? Warum machen die Wähler alle vier Jahre angewidert ihr Wahlkreuz beim geringeren Übel, um “die anderen loszuwerden?”

Glaubt irgendjemand noch ernsthaft, dass dadurch irgendetwas anderes passieren wird, als das, was schon seit Jahrhunderten passiert? Glaubt irgendjemand noch, dass unser modernes Wahlsystem der beste, sicherste, ehrenvollste und ethischste Weg sei, um miteinander klarzukommen? Glaubt irgendjemand noch ernsthaft, dass die Korruption, Verschwendungssucht, Betrug, Missbrauch und Kriminalität unserer politischen Klasse irgendwas anderes ist, als die unvermeidliche Folge dieses jahrhundertealten demokratischen Experiments?

Das sind keine rhetorischen Fragen. Das sind echte Fragen mit einer echten Antwort. Und diese Antwort lautet: „Nein.“

Der Grund dafür, dass so wenige so einfach und direkt auf diese Fragen antworten ist, dass sie vor den Folgen dieser Antwort Angst haben: Dass Politik an sich nicht die Antwort sein kann. Wenn die Antwort nicht darin besteht, alle vier Jahre in einem bedeutungslosen politischen Ritual seine Stimme abzugeben, dann stellt sich die Frage: Wie sollte eine Gesellschaft dann organisiert sein?

An dieser Stelle wird der Kern des Betrugs sichtbar. Die Frage selbst impliziert, dass wir irgendeine zentralisierte Autorität benötigen, die unsere Gesellschaft regelt. Sie impliziert im Grunde, dass wir wie Kinder sind, die ohne Mama oder Papa Staat nicht selbst dazu in der Lage sind, unsere Gesellschaft zu organisieren und dass ohne sie nichts mehr funktionieren würde. Sie impliziert, dass wir das genaue Gegenteil von dem benötigen, was ständig als unverzichtbar hingestellt wird:

Wir brauchen keine Regierung, sondern Freiheit.

Die ideologisch Verblendeten werden sofort behaupten, dass eine Gesellschaft ohne Staat so lebensfeindlich sei, wie eine Atmosphäre ohne Sauerstoff. Weil sie ihr Leben lang in der Blase des Etatismus gelebt haben, werden sie Todesangst davor haben, sich aus davon zu befreien. Auf die bloße Idee einer staatenlosen Gesellschaft werden sie mit Hohn und Spott reagieren. “Du machst sicher Witze”, werden sie sagen. „Wie sollen wir denn ohne Staat leben?“

Die gleichen Leute werden fragen, wie unsere Kinder ohne ein staatliches Schulsystem aufwachsen sollen, ohne sich gleichzeitig die Frage zu stellen, wie die Kinder in den Jahrtausenden der Menschheit vor den staatlichen Schulsystemen aufgewachsen sind. Die gleichen Leute werden fragen, wer sich um die Kranken und die Arbeitslosen kümmern soll, ohne sich gleichzeitig die Frage zu stellen, wie Wohltätigkeit und einfacher menschlicher Anstand funktioniert haben, bevor sie von der Regierung unter Gewaltandrohung angeordnet wurden. Die gleichen Leute werden fragen, wer anstelle des Staates die skrupellosen Geschäftsleute in Schach halten soll, ohne sich gleichzeitig die Frage zu stellen, warum bis heute nicht ein einziger Banker für die schlimmsten Wirtschaftsverbrechen der Menschheit ins Gefängnis gegangen ist – und das unter dem größten staatlichen Regulierungswahn der Menschheitsgeschichte.

Die gleichen Leute werden fröhlich für die Kandidaten stimmen, die die größten Wohltaten versprechen, ohne zugeben zu wollen, dass jede einzelne Wohltat, die die Regierung verschenkt, entweder aus dem Geldbeutel des Steuerzahlers gestohlen wurde oder – noch schlimmer – durch Verschuldung und Gelddrucken erzeugt wurde. Diese Schulden sind die Schlingen um die Hälse noch ungeborener Kinder. Die gleichen Leute werden ihren Kindern beibringen, dass es immer falsch ist, Gewalt gegen andere anzuwenden, um ihnen gegen ihren Willen etwas wegzunehmen. Dass aber ihre Untersützung des „Staats“ das genaue Gegenteil davon ist, wollen sie nicht sehen.

Kurz gesagt: Das sind die Leute, die weder ehrlich zu sich selbst sind, noch sich für die offensichtlichen Widersprüche des Systems, in dem sie leben, interessieren. Sie wollen nicht selbst zwischen gut und schlecht unterscheiden und werden für immer von einem System abhängig sein, von dem sie sich nicht einmal die Mühe gemacht haben, es zu verstehen. Sie werden glücklich ihre Stimmen bei der nächsten Wahl abgeben und sich selbst auf die Schulter klopfen, weil sie ihre bürgerliche Pflicht erfüllt haben und sie werden sich wieder ihrem Alltag zuwenden und irgendwann vollkommen überrascht sein, warum unsere Gesellschaft auseinanderfällt und auf den nächsten politischen Kandidaten warten, der ihnen das Blaue vom Himmel verspricht.

Für alle anderen von uns ist das politische System selbst nur eine weitere Form der Versklavung. Eine Versklavung, die besonders heimtückisch ist, weil sie uns dazu einlädt, an sie zu glauben. Alles was wir tun müssen, ist, alle vier Jahre ein Wahlkreuz zu machen und wir sind für unsere moralische Verantwortung für das, was danach kommt, freigesprochen.

Ironischerweise ist diese Feststellung alleine schon befreiend und sie schafft Klarheit. Wir sind keine Zahnräder in einer Maschine, die “Gesellschaft” heißt und von irgendeinem nebulösen Etwas gesteuert wird, das „Staat“ oder „Behörde“ heißen soll. Wir sind freie Individuen, die frei miteinander interagieren und uns nur davon leiten lassen sollten, dass es moralisch falsch ist, Gewalt gegen andere zu initiieren oder ihnen Dinge gegen ihren Willen wegzunehmen. Wir sind verantwortlich für unsere Taten und deren Konsequenzen, sowohl für die positiven als auch die negativen.

Wir sind verantwortlich für das was wir tun und unterlassen, um anderen in unserer Gemeinschaft zu helfen und diese Welt zu verbessern oder sie verrecken zu lassen. Es gibt keinen politischen Messias, der vom Himmel herabsteigt und uns sagen wird, was zu tun ist und der uns vor dem Bösen beschützen wird. Alles was wir haben, sind wir selbst und unsere Entscheidungen. Wir entscheiden uns jeden Tag, und zwar nicht in irgendeiner bedeutungslosen politischen Wahl, sondern wir entscheiden uns, mit wem wir zu tun haben, wofür wir unser Geld ausgeben, wofür wir unsere Zeit und unsere Energie verwenden.

Das ist das Wesen der Freiheit.

Es tut uns weh, unseren Brüdern und Schwestern dabei zusehen zu müssen, wie sie immer wieder auf den Wahlzirkus hereinfallen. Wir wir tun es nicht mit Hohn und Spott, sondern in Trauer um jene, die sich noch nicht aus ihrer geistigen Versklavung befreit haben. Diese Trauer ist aber auch begleitet von Hoffnung: Von der Hoffnung, dass die armen Wähler, die immer zur Wahlkabine zurückkehren, eines Tages erkennen werden, dass sie mit ihrem Wahlkreuz nur den nächsten Sklaventreiber auswählen, der ihnen die Kette um ihren Hals legen wird.

Original:
Last Word on Voting
von James Corbett
http://www.corbettreport.com/?p=5652

Übersetzung:
Peter Müller

 

14 Responses to Die krankhafte Suche nach dem politischen Messias

  1. Manuel Barkhau sagt:

    Demokratie? Nein Danke!

    • isomorph sagt:

      Demokratie? Ja Bitte! Auf dem Weg zur Anarchie!

      Welche Alternativen gäbe es denn?
      Demokratie geht auch ohne Staat!
      Genau wie das Internet.

      • Dreamer sagt:

        Welche Alternativen es gibt?

        Ganz einfach: jedem Erwachsenen die freie Wahl lassen, ob er Mitglied beim Staat ist oder ob nicht.

        Mitglieder müssen ihre Mitgliedsbeiträge (Steuern) an den Staat zahlen und sich an die Staatsgesetze halten, was einer totalen Unterwerfung gleichkommt. Dafür haben sie Anspruch auf Sozialleisstungen (wie Rente oder Arbeitslosengeld), verpflichten sich, ihre Kinder auf „kostenlose“ Staatsschulen zu schicken, werden von der Staatspolizei geschützt und dürfen „kostenlos“ Straßen und Gehwege nutzen. Außerdem haften sie in letzter Instanz vollumfänglich für sämtliche, aufgetürmten Staatsschulden mit ihrem ganzen Vermögen.

        Nichtmitglieder müssen keine Steuern zahlen und sind auch nicht an Staatsgesetze gebunden. Sie bekommen keine staatlichen Sozialleistungen, müssen sich bei Bedarf privat versichern, müssen bei Bedarf private Sicherheitsdienste engagieren, zahlen bei Bedarf Schulgeld und zahlen eine Nutzungsgebühr für Straßen und Gehwege. Sie können auch nicht zur Haftung für Staatsschulden herangezogen oder vom Staat zwangsenteignet werden.

      • depublished sagt:

        Das meiste was im Internet passiert, ist nicht demokratisch, sondern anarchistisch.

        • isomorph sagt:

          Danke ihr 2 Wie recht ihr habt!
          Wenn auch keine Antwort auf meine Frage.

          • migu sagt:

            @isomorph
            eine Alternative wäre, sein Bewusstsein und seine Wahrnehmung zu bilden. Das würde das Denken, Reden und Handeln verändern. Man sollte sich seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten selbst bewusst sein.

            Herrschaft bedingt Knechtschaft – Freiheit ist das Gegenteil davon.

            Demokratie ist nur eine der vielen Formen von Herrschaft, Machtausübung und Gewaltanwendung. Hat man das erstmal erkannt, wird der Weg in die Freiheit ein ideologischer sein.

          • DaniQ sagt:

            @isomorph: Dreamer hat dir eine klare Alternative vorgeschlagen.

          • isomorph sagt:

            Also ohne Dreamer und dir wiedersprechen zu wollen, in dem was geschrieben wurde,
            aber die Frage war:

            Alternativen auf dem Weg zum Ananrchismus?

            Wenn man heute die Demokratie abschafft,
            hat man morgen nicht automatisch Anarchie.
            Und selbst in der Anarchie, könnte man doch
            so manches Demokratisch entscheiden,
            ganz ohne initiirende Gewalt?

            Nur eins ist klar, Staat und Zwang will hier keiner mehr.

      • depublished sagt:

        Alternativen? – Alles! Außer initiierende Gewalt.

  2. Ben sagt:

    Das tut gut.
    Ich habe heute ernsthaft überlegt, mein technisch hochwertiges Radio wegzuschmeißen, weil das Ding nur Strom und egal auf welchem Sender
    meine Geduld verbraucht.Habe es dann behalten, weil es mit Kurbel dran Teil
    meiner Krisenvorsorge sein soll.Wer zwischen den Zeilen lesen kann, ist
    im fortgeschrittenen Stadium der Krise vielleicht doch ganz gut mit so einer Mainstream-Dreckschleuder bedient.

    Also, das Radio ist erst einmal aus, aber noch da 🙂
    Nach diesem Akt der Selbstüberwindung habe ich mir dann
    freiwilligfrei gegönnt und Dank dieses Beitrages geht es mir wieder deutlich besser.

    Vielen Dank.

  3. sehr guter Spot, um die Freie Welt einzuläuten! Habe ich in meine Website unter (s. unten links) integriert.

  4. […] James Corbett via FreiwilligFrei – Wie absurd der moderne politische Wahlzirkus ist, ist nirgendwo sonst so deutlich zu sehen, […]

  5. grienpies sagt:

    Aber ausgerechnet James Corbett? Schaut ihr euch die Leute nicht an, denen ihr hier Raum gebt. Ich gebe James bei diesem Vortrag größtenteils recht, allerdings bleibt er für mich ein dubiose Quelle.

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