Was ist das Freie einer freien Entscheidung?

On 5. Oktober 2011, in Definitionen, Philosophie, by FreiwilligFrei

Ich habe viele Thesen gehört, die das Freie in einer freien Entscheidung im Fehlen von etwas gesehen haben: Mal sollte eine Entscheidung frei sein, wenn sie unter keinem Zwang oder Druck von anderen stand, mal sollte die eigene Geschichte keine Rolle spielen dürfen, mal durfte es keine Kausalität geben. Ich glaube, alle diese Versuche führen in die Irre. Ich meine, dass ich mich auch immer noch frei entscheiden kann, wenn ich unter Druck gesetzt werde, wenn ich Impulsen aus meiner eigenen Geschichte ausgesetzt bin und wenn die Kausalität völlig intakt ist.
Ob eine Entscheidung frei ist, hat meines Erachtens viel mehr damit zu tun, ob ich mich als Autor / Entscheider / Anstoßer der fraglichen Handlung oder Unterlassung betrachten kann.

Wenn jemand eigentlich mit dem Rauchen aufhören will, sich aber doch eine Zigarette ansteckt, so wird er vielleicht sagen: Ich kriege es nicht hin, die Dinger liegen zu lassen, ich fühle mich nicht frei, nicht zu rauchen. Ich bin getrieben, ich bin süchtig, das ist keine freie Entscheidung.
Der Raucher versteht in diesem Beispiel seinen Drang zu rauchen nicht vollständig, seine Hintergründe sind unbewußt. Er passt nicht zu den bewußten Zielen des Rauchers und fühlt sich daher ich-fremd an. Er sagt vielleicht zu sich selbst: „Diese Scheiß-Sucht!“

Wenn jemand aber vor der Steuererklärung sitzt und überlegt, ob er jetzt die Fortbildungskosten, die er vom Arbeitgeber erstattet bekommen hat, dennoch als Kosten einträgt, und wenn ihm die ganzen Abwägungen in seinem Inneren bewußt sind (von der Lust am Bescheißen; der Rache am Staat; der Angst, es könnte rauskommen; dem eigenen Anspruch, wegen solcher geringen Beträge seine tugendhaften Prinzipien nicht zu verlassen; und der eigenen finanziellen Situation), dann kann er sich, egal, wie die Entscheidung nachher ausgefallen ist (in diesem Forum hat er sich natürlich fürs Bescheißen entschieden, klaro), sich mit dieser Entscheidung identifizieren, es ist SEINE Entscheidung.
Diese Entscheidung hat davon völlig unberührt natürlich kausal etwas mit seiner Vergangenheit zu tun, mit den Theorien, die er im Kopf hat, mit dem Wissen, was er über Steuerbeamte hat, und sie ist meinetwegen ein direkter Ausdruck seiner Werte, die sich im Laufe seines Lebens gebildet haben. Aber er findet, dass es seine und eine richtige Entscheidung ist, und damit fühlt er sich frei, sie zu wählen. Und genau diese Freiheit ist es doch, die wir erreichen wollen, denke ich. Wir wollen die Handlungen, die wir für richtig halten, auch wählen können.

Diese innere Wahlfreiheit bekommt man durch eine Klärung dessen, nach welchen Werten man leben möchte und welche Reaktionsmuster aus der Vergangenheit einem dabei helfen und welche dabei stören. Mit anderen Worten: es helfen dabei Philosophie und Psychologie.

Im Gegensatz dazu gibt´s noch die äußere Freiheit. Die ist etwas ganz anderes. Ich will einfach nicht bedroht werden, wenn ich keinem was getan habe. Das fände ich nicht nur doof, sondern auch unmoralisch. Das hat aber mit der inneren Freiheit nichts zu tun. Um es auf die Spitze zu treiben: Ich kann aus freiem Willen (innere Freiheit) entscheiden, dem Straßenräuber mein Geld zu geben, obwohl ich in dieser Situation mein Geld natürlich nicht freiwillig (äußere Freiheit) rausrücke.

Bei freiwilligfrei geht es überwiegend um die äußere Freiheit. Da es unmoralisch ist, mit der Anwendung von Gewalt anzufangen, ist der Staat unmoralisch und muss überwunden werden.

Um allerdings dahin zu kommen, brauchen wir Menschen, die innerlich frei sind. Sich innerlich zu befreien, macht es viel einfacher, die äußere Unfreiheit zu sehen und sich davon möglichst wenig den Tag verderben zu lassen. Wenn die Gauner schon mein Geld kriegen, sollen sie nicht auch noch meine gute Laune dazu bekommen.

 

8 Responses to Was ist das Freie einer freien Entscheidung?

  1. Michael sagt:

    Interessante Gedanken, danke!

    Nur um Konfusion zu vermeiden, du sprichst von Handlungsfreiheit, aber mit der Freiheit der Wahl (freier Wille) hat dies nichts zu tun, in dem Artikel werden leider beide Kategorien vermischt.

    Insofern ist es natürlich großartig, wenn sich ein Mensch der Gründe seiner Handlungen bewusst ist und weiß wieso er wie gehandelt hat.

    Dennoch kann diese Handlungsfreiheit in Bezug auf eine philosophische Diskussion der Willensfreiheit vollkommen determiniert sein, sei es durch die Summe persönlicher Sinneserfahrungen der Vergangenheit (Prägung), die in die Gegenwart hineinreichen und einen freien Willen aufgrund von Beschränkungen nur in seltenen Fällen ermöglichen oder einfach aus der Kausalität eines deterministischen Universums heraus, in der Freiheit gar nicht existiert.

  2. Falko sagt:

    Hallo,
    Ich wollte erstmal sagen, dass ich es schön finde, dass jemand auch einmal niederschreibt, was er (oder allgemein) unter Freiheit zu verstehen ist und das Wort nicht einfach nur benutzt wo sich jeder selber etwas dazu denkt.

    Was ich aber sagen möchte, ist das der Text gerade zum Schluss nicht klar verständlich wird.

    Wenn ich es allgemein richtig verstehe geht es darum, dass man zwischen drei möglichen Entscheidungsarten Unterscheiden muss.
    Die Nicht-Freie,die innerlich-Freie und die Äußerlich-Freie Entscheidung.
    Eine Entscheidung ist dann nicht Frei, wenn man sich über die Beweggründe nicht vollkommen Klar ist.
    Umgekehrt heisst es, ist man sich den Beweggründen bewusst so Entscheidet man Frei.
    Ist bei meiner Entscheidung keine direkte Gewalt Androhung im Spiel, so ist sie Innerlich Frei.
    Die Äußere Freiheit ist dann im eigentlichen Sinn eine Innere Freie Entscheidung, die unter Androhung von Gewallt gefällt wird, da die Innere Entscheidung ja dadurch definiert ist, dass ich alle Gründe kenne.
    Auch bei der Äußeren Freiheit kenne ich diese nur das diesmal der Faktor der Gewalt Androhung hinzukommt.

    Genau da ist mein Problem.
    Denn somit wird auch das Beispiel mit der Steuererklärung zu einer Aüßerlich Freien Entscheidung, denn auch hier ist ja die Gewalt des Staates im Spiel.
    Ob ich mich für oder Gegen das Betrügen Entscheide spielt dabei keine Rolle.

    Und da der sinn dieser Seite ja darin besteht, den Menschen einen Weg zur reinen Inneren Freiheit und Weg vom denken der Äußeren Freiheit zu führen, finde ich es dort zu Positiv dargestellt.

    • Dantez sagt:

      Zu deinem letzten Absatz zitiere ich mal aus dem Artikel: „Bei freiwilligfrei geht es überwiegend um die äußere Freiheit.“

      Hier geht es eben nicht um die innere Freiheit, sondern hauptsächlich darum, die Menschen zum Schaffen äußerlicher Freiheit zu ermutigen, sich also gegen Zwang und Gewalt einzusetzen. Das verlangt natürlich eine individuelle Entscheidung, die innerlich frei ist. Diese bildet eine Bedingung zum Schaffen von äußerer Freiheit.

      Mein Problem mit dem Artikel, obgleich ich als Willensdeterminist endlich mal den Punkt verstanden habe, um den es hier geht, ist ein anderes, eher eine bedeutende Feinheit: Die als innere Freiheit deklarierte Freiheit, alle Gründe seiner Entscheidungen zu kennen, ist illusorisch. Eine solche Freiheit gibt es nicht. Wir können davon ausgehen, niemals alle Gründe einer Entscheidung zu kennen, die wir treffen, auch wenn wir uns das vielleicht einbilden. Der Verstand rationalisiert irrationale Entscheidungen genauso, wie eine einzelne Entscheidung von unzähligen unbewussten Faktoren abhängt, die wir nicht durchschauen.

      Dennoch, aus diesem komplexen Wirrwarr heraus bildet sich ein mehr oder weniger klarer und bewusster Wille, wenn wir nicht gerade schlafen oder ohnmächtig sind. Dieser ist gewissermaßen das Ergebnis der Reflexion der Tausenden von verschiedenen unbewussten „Willen“ (oder physisch-biologisch-chemischen Dränge) in unserem Körper. Dieser bewusste Wille, den Kant das „transzendentale Ich“ genannt hat, ist das, womit wir uns in der Regel identifizieren.

      Dieser Wille ist absolut unser eigen, weil er uns ausmacht. Natürlich macht unser Körper wiederum diesen Willen aus und unsere Umwelt diesen Körper, bis wir gewissermaßen zum Nullpunkt gelangen, aber in anderer Richtung – am Endpunkt – steht unser Ich. Weiter ist diese Kausalkette für uns noch nicht fortgeschritten und die Vergangenheit existiert für uns auch nur in der Illusion der Erinnerung. Dieses Ich ist unser Sein, obwohl wir nicht einen Bruchteil von den Ursachen verstehen, die es hervorgebracht haben. Haben wir dieses Gefühl der Konsistenz, das Gefühl, dass dieser produzierte Wille das eigene Ich ist, dann sind wir innerlich frei.

      Ein Raucher aus Gewohnheit und unbewusst vielleicht zur (vermeintlichen) Stressminderung oder aus Gruppenzwang raucht nicht unbedingt, weil er das als seinen eigenen Willen empfindet. Er hat vielleicht das Gefühl, die Faktoren in „seinem“ Körper, dem Körper, der sein Bewusstsein hervorbringt, seien nicht sein eigener Wille. Sein bewusster Wille richtet sich vielleicht sogar gegen diese Faktoren. Ist sein Wille stärker, kann er das Rauchen vielleicht aufgeben. Dann ist er innerlich frei.

      • FwF-sandman sagt:

        Die als innere Freiheit deklarierte Freiheit, alle Gründe seiner Entscheidungen zu kennen, ist illusorisch.

        Ich bin mir sicher, dass Heiko auch nicht gemeint hat, dass Du alle Gründe einer Entscheidung bewusst kennen musst. Handlungen, als Ergebnisse solcher Entscheidungen, liegen immer Bedürfnisse zugrunde, deren Befriedigung durch diese Handlungen erreicht werden soll.
        Bedürfnisse haben viele Ursachen. Einige sind akut (Hunger), andere liegen in Traumata der eigenen Kindheit begraben und manifestieren sich in Ängsten, Agressionen oder Depressionen. Viele dieser Ursachen unserer Bedürfnisse werden wir wahrscheinlich niemals entdecken, andere nur durch aufwendige Therapien. Trotzdem treffe ich irgendwann eine Entscheidung und ich treffe sie bewusst. Bin ich depressiv und lebensmüde würde bestimmte vielleicht Entscheidungen treffen, die für andere irrational scheinen. Das sind sie aber ganz und gar nicht. Es kommt immer aus der Perspektive an.

        • Dantez sagt:

          Ja, ich dachte mir schon fast, dass es im Artikel im Grunde auch so gemeint war, deshalb hab ich versucht, das Ganze – wie ich es verstanden habe – noch mal mit anderen Worten zu beschreiben und es auf das Gefühl der inneren Konfliktfreiheit und Identifizierung mit inneren Drängen, Gedanken und Gefühlen herunter zu brechen.

  3. primavera sagt:

    Um zur inneren Wahlfreiheit zu gelangen, helfen uns die Philosophie und Psychologie.
    Das sehe ich auch so, aber: Wo sind denn die Männer, die sich freiwillig und ernsthaft einer Psychoanalyse unterziehen? Ich kenne leider keinen!

  4. max meer sagt:

    „… ich will nicht bedroht werden, wenn keinem was zu Leide getan habe“ Ich will auch nicht bedroht werden, wenn ich jemanden was zu Leide getan habe – die Aussicht solcher Bedrohung soll ja das zu-Leide-tun unterdrücken – die Frage wäre doch: Will ich jemanden bedrohen (können), der mir etwas zu Leide getan hat? Und wenn nicht wer, wenn nicht der Staat? Ist die Gewalt des Staates nicht Voraussetzung der freien Entscheidung? Staat muss ja nicht heißen, das Herrschaftsinstrument der Kapitalisten. Aber ohne Staat, wer hält die in Schach die aus freiem Willen bereit sind Leid zu zufügen? Wer?

    • heikophilo sagt:

      @max meer: Du schreibst: „Aber ohne Staat, wer hält die in Schach die aus freiem Willen bereit sind Leid zu zufügen? Wer?“
      Meine Antwort ist zweifach. 1. Wenn du deinen Lebensunterhalt damit verdienen müßtest, eine kostengünstige Antwort auf deine Frage – eine Frage, die offenbar viele Leute bewegt – zu finden meinst du nicht, du oder jemand anderes würde mit einer verdammt überzeugenden Antwort aufwarten? Ich bin völlig sicher, dass es mehrere miteinander konkurrierende Sicherheits-, Schutz- und In-Schach-Haltefirmen geben wird, die alle profitabel arbeiten werden und die alle miteinander kooperieren werden, wie das Telefongesellschaften heute auch tun.
      2. Aber mit Staat, wer hält die in Schach, die aus freiem Willen den Staat nutzen, um friedliche Bürger zu behelligen, ins Gefängnis zu werfen oder sich an ihnen zu bereichern, so wie das momentan passiert, und wie es in allen Staatsformen immer der Fall war? Selbst wenn ich mir über die Lösung des Schutzproblems nicht so sicher wäre, ich würde gern jede Alternative zur garantierte Ausbeutung und Bedrohung durch eine Gruppe von unmoralischen Regenten ausprobieren.

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